Ein Jahr reicht.

Du wirst mir zu viel. Jedenfalls so.
Ich streife dein Halsband vom Handgelenk. Ich werde nicht mehr jeden Abend, wie seit dreihundertfünfundsechzig Tagen, eine Kerze für dich anzünden. Und ich werde auch nicht mehr an jedem Mittwochnachmittag, 14:38 Uhr, an einem deiner Lieblingsplätze sein, zu denen du immer wolltest, weil dort die schrägsten Rüden und die coolsten Damen ihre Fährten legten. Nur, weil das genau jener Zeitpunkt war, an dem du Weiterlesen

Eifersüchtelnde Freundschaft

Mag sein, dass Aristoteles Recht hatte mit seiner Behauptung, Freundschaft wäre die Existenz einer einzigen Seele in zwei Menschen. Aber da kein Mensch als Freund eines anderen geboren wird, wo bleibt dann dessen Seele im Moment der Erkenntnis, einen Freund gefunden zu haben? Weiterlesen

Blind Date am Türspion

Als es klingelte, waren die Kerzen niedergebrannt. Karl schlurfte in den Flur. Durch ein kleines Loch in der Tür nahm er den verzerrten Körper einer Frau Maß. Sie lauschte. Mondän und brünett schien sie.
Plötzlich aber, Karls glubschendem Auge gegenüber, schreckte die Frau zurück. Auf all ihren Absätzen machte sie kehrt.
Karl klebte noch eine Weile am Spion. Die metallene Fassung presste sich kalt um sein Auge. Gleich würden seine Wimpern vibrieren, würde nur der Fahrstuhl endlich nach unten poltern. So, gestand Karl sich ein, mochte er es.
Es war still geworden. Karl polkte den Wachs von der Tischdecke und stellte Kerzen für den nächsten Abend auf. Jetzt bloß keine Panik, die Frau morgen ist blond. Bestimmt.

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TOP 100 “Lisa & Sophie”

Dank allen, die in den letzten Tagen die Episoden der “Geschichte von Lisa und Sophie” gehört haben. Der Podcast hat es diese Woche in die TOP 100 deutschsprachiger Podcasts geschafft!

vergebens geklagt

da wird man wieder einmal der eigenen verklärung überführt: seit 1964 gab es angeblich, wie zeitungen heute melden, keinen längeren zeitraum, in denen die Sonne über potsdam es nicht geschafft hatte, durch die wolken zu brechen …

in den vergangenen 11 tagen lebten wir also ohne einen strahl grellen lichtes, ohne ein fleckchen blauen himmel über uns … ganze elf tage halten wir dies gerade einmal aus – und damit doch länger, als je in den vergangenen 46 jahren. dabei hätten wir  schwören können, solche art lichtlose tristesse hat unser ganzes leben begleitet und wäre hier, mitten in europa, doch tag und täglich das normalste. und doch: nichts von alledem ist wahr. keine sonnenlosen winter, keine wolkenverhangenen sommermonate, statt dessen: in unserem leben war – jedenfalls wenn wir nicht älter als 46 sind – immer mehr sonne, als wir beklagt haben. oder gerne beklagt hätten …

jedenfalls sofern wir nicht älter als 46 sind …

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Park Sanssouci, Potsdam (Foto: Dietmar Haiduk)