Fehlende Blicke

Manche Blicke verschwinden irgendwann für immer aus dem eigenen Leben. Der Blick aus einem Hotelzimmer, das man nie wieder betreten wird. Der Blick aus der Wohnung einer Freundin, die sich plötzlich doch für den Anderen entschieden hat. Oder ein nie wiederkehrender Blick aus der elterlichen Wohnung, die für immer aufgegeben wird. 

Hier ist es der Blick auf den Leipziger Hauptbahnhof, Sonnenaufgang dahinter. Ein Blick, den man vermissen kann. Und der für jemanden, der zwischen den gebrochenen Sichtachsen großstädtischer Mehrstocker aufwachsen musste, die überraschende Erkenntnis barg, dass sich Licht am Horizont regt, lange bevor die Sonne aufgeht. 

Das lässt hoffen, erst recht auf neue Blicke. 

 

Endlich WE

Endlich Wochenende. Ein guter Grund, sich eine Woche lang darauf zu freuen. Pläne schmieden sich wie von selbst und alles, was schon immer erledigt werden sollte, wird heute angepackt. Gleich früh soll es losgehen. Ein paar flüchtige Bissen, einen kräftigen Schluck vom lauwarmen Kaffee und dann ab. Raus aufs Grundstück. Die Dachrinne leckt, die Tonnen sollen hinter Hecken verschwinden, der Weg neu gefasst werden. Die Zeit wird knapp, wie immer. Sonntagabend, Montagmorgen. Und bald wäre wieder Wochenende… Zum Glück läuft alles anders und alles bleibt liegen. Für dieses Wochenende. Und kuschelt. 

Die Welt ist klein.

Früher Abend. Du sitzt auf dem Balkon, kurz vor massiven Verrenkungen deines Knochengerüstes. Zu klein die Fläche, die dir nach einem anstrengenden Arbeitstag bleibt. Es sind sommerliche Temperaturen. Du hoffst auf ein entspanntes, alle zufrieden stellendes Ende dieses Sommers. Aus einem offenen Fenster döselt allzu seichte Jazzmusik. Verwundert registrierst du: es sind deine Nachbarn, die diese Musik hören. Hättest es kaum geglaubt. Kennst sie aber auch kaum. Und schon, die Taube im Wein zerrt am Gebälk. Hausen Tauben nicht immer nur zu zweit?  

Unsichtbares legt sich über den Innenhof. Es wird dunkel. Es beginnt zu schlafen. Keiner lauscht jetzt mehr. Unten huscht ein Getier durchs Gestrüpp, nicht erkennbar. Was bleibt, ist Hitze – drückend. Und dieser kleine Hof, ein Höfchen fast. Hoch oben: Ein Flieger steuert Tegel an. Sie kommen von links unten und ziehen nach rechts oben. Manche dröhnen, viele ziehen schweigend ihre Bahn. Und: das wird ein Sternschnuppenabend. Wünsche hätte ich genug. 

Düstere Hoffnung

Gewitter mögen ja gefährlich sein und als bedrohlich empfunden werden, aber sie scheinen auch einen Urinstinkt des Menschen zu wecken: sich zurückzuziehen, Schutz zu suchen, innezuhalten und sich der eigenen Kräfte bewusst zu werden. Was nicht immer heißen muss, sich eigene Kraftlosigkeit angesichts der hereinbrechenden Urgewalten tatsächlich einzugestehen. Manchmal ist es vielleicht nicht mehr, als für einen überraschenden Moment die eigene Verletzlichkeit und Schutzbedürftigkeit wenigstens wahrhaben zu wollen.

Feierabend

Zwei Stunden familiär bedingte Seniorensommerfestsbetreuung zieht unweigerlich den zwar entspannenden, aber ersten richtigen Männerbierkneipen-Besuch meines Lebens nach sich. Halber Liter Becks zu Bonny M – wann hätte ich mir das je zugemutet 😉 Der Tag ist gelaufen … Das nächste Level wäre Karaoke, und ich würde wohl zum ersten Mal all jene verstehen, über die ich sonst herablassend den Kopf schüttele … Feierabend zwischen zwei “Einarmigen Banditen” und mindestens drei verschlissenen Leben, das der schmachtend geschminkten Tresendame eingeschlossen. Der einzige Vorteil einer solchen Kneipe aber ist: hier starrt nur jeder Zweite benebelt auf sein Smartphone, der Rest starrt mit leerem Blick ins Bierglas. Immer ist es da schöner, wo wir nicht sind und da, wo wir sind, könnte es nicht schöner sein. So vor Entscheidungen gestellt, legt sich der Pawlow’sche Hund dankbar zwischen zwei Biergläser nieder und träumt von besseren Zeiten. 

Neujahrstart

Keine 20 Meter gefahren und der ICE nach Berlin steht in Leipzig wieder still. Also: aussteigen und auf den nächsten Zug warten. Ich hoffe, dass diese schleppende Anreise und dieses “nicht in die Puschn kommen” nicht symptomatisch für das beginnende Jahr wird. Auf jeden Fall allen ein erfolgreiches und glückliches 2015!
PS: Im nachfolgenden ICE ist ja wenigstens nur der Kaffeeautomat ausgefallen. Das lässt hoffen für die knapp eine Stunde Fahrzeit.