Selbstauflösung

Das Erschreckende in diesen Tagen ist nicht nur die Häufung von Konfliktherden auf der ganzen Welt, sondern auch die Heftigkeit der Probleme: Ukraine und Russland, der Bürgerkrieg in Syrien, Atomfässer, die ihren giftigen, breiigen Inhalt längst an die Umwelt abgeben, Millionen gekaperte Email-Konten, Erdrutsche, die Züge oder ganze Ortschaften mit sich reißen, die Androhung militärischer Erstschläge durch nordasiatische Länder oder Raketen auf zivile Flughäfen …
Sicher, die Welt ist riesig und genug Platz gab es auf ihr schon immer, dass auch genug passieren konnte. Und sicher ist auch, dass die Wahrnehmung häufiger Konfliktfelder weltweit auch in der weltweiten medialen Verbreitung begründet liegt. Nirgends auf dieser Welt passiert heute etwas ungesehen, ungehört, unkommentiert. Wer in diesen Tagen überhaupt noch Nachrichten zur Kenntnis nimmt, gerät schnell in einen umklammernden Sog, manchmal auch nur in den Geschäftszwang von Newsportalen, ständig neue Headlines präsentieren zu müssen.
Trotzdem: die Gefahr besteht vor allem darin, dass zunehmende Wahrnehmbarkeit zunehmend Nichtwahrnehmung zur Folge hat. Sättigung also. Da wird in einem afrikanischen Land mittlerweile mit scharfer Munition auf Menschen geschossen, die in panischer Angst ihrer Stigmatisierung als potentielle Todbringer zu entrinnen versuchen. Ebola aber lässt sich nicht durch Stacheldraht und improvisierten Absperrungen aus Holzmobiliar aufhalten. Die, die das wissen, greifen also in ihrer Hilflosigkeit längst zum Äußersten und schießen scharf.
Und so wird, weltweit zwar bemerkt, aber weltweit auch leider nahezu ignoriert, ein Kontinent mit der Selbstzerstörung durch einen Virus so gut wie sich selbst überlassen. Weil sich der Rest der Welt statt dessen und mit aller Kraft um hausgemachte Probleme jahrelanger Machtspiele sorgen muss, statt alle Kraft, Energie und Ressourcen den sich unaufhaltsam ausbreitenden Beschädigungen dieser Welt entgegenzustellen.
Am Ende wird wohl etwas, wie das lange als lokales Problem ignorierte Ebola uns allen den Garaus machen und vielleicht dann werden die vermeintlich Großen dieser Welt mit ihren gegenseitig eingeschlagenen Köpfen für einen kurzen Moment, aber viel zu spät, zur Besinnung kommen: Ach, hätten wir doch nur …
Und mit einem diplomatisch höflichen Lächeln werden sie sich gegenseitig den Gnadenschuss geben. Ohne scharfe Munition, versteht sich. Man muss ja das Gesicht wahren.

Wirklichkeit

Und hier ein unverstellter Blick auf die Wirklichkeit für alle, die frühmorgens lieber den Rechner einschalten, um zu sehen, wie das Wetter ist, als das Fenster zu öffnen. In Leipzig ist kurz nach 6 Uhr die Sonne faszinierend schön aufgegangen, auch wenn sich mittlerweile schon alles wieder hinter dicken Wollen versteckt. Der Tag scheint ungewiss zu werden, in jedweder Hinsicht …

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Blind Date am Türspion

Als es klingelte, waren die Kerzen niedergebrannt. Karl schlurfte in den Flur. Durch ein kleines Loch in der Tür nahm er den verzerrten Körper einer Frau Maß. Sie lauschte. Mondän und brünett schien sie.
Plötzlich aber, Karls glubschendem Auge gegenüber, schreckte die Frau zurück. Auf all ihren Absätzen machte sie kehrt.
Karl klebte noch eine Weile am Spion. Die metallene Fassung presste sich kalt um sein Auge. Gleich würden seine Wimpern vibrieren, würde nur der Fahrstuhl endlich nach unten poltern. So, gestand Karl sich ein, mochte er es.
Es war still geworden. Karl polkte den Wachs von der Tischdecke und stellte Kerzen für den nächsten Abend auf. Jetzt bloß keine Panik, die Frau morgen ist blond. Bestimmt.

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