Archive for April, 2007

Saft abdrehen

Montag, April 30th, 2007

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In diesem Land verhungerte in diesen Tagen ein 20-jähriger, der zurückgezogen und mittellos mit seiner Mutter lebte. Wie man liest, stellten die Behörden offenbar - nachdem beide Hartz-4-Empfänger auf Schreiben nicht mehr reagierten -bereits vor Monaten sämtliche Unterstützungszahlungen ein. 

Welchen Sinn macht es - wie gestern an dieser Stelle - über die Isolation in virtuellen Welten zu wettern, wenn die Isolation in realen Welten noch immer bedrohlichere Ausmaße annimmt. Mag sein, dass Kommunikation, also auch die angemessene Reaktion auf behördliche Aufforderungen, Grundlage menschlicher Existenz ist. Aber ist diese Existenz weniger berechtigt, weil sich jemand dieser Kommunikation entzieht, zumal wohl nicht freiwillig, sondern in einem Zustand geschwächten, hilf- und ratlosen Dahinvegetierens. Und berechtigt allein das - wen auch immer - Leitungen zu kappen, die Stecker zu ziehen, Zahlungen einzustellen? Hat wirklich nur ein Recht auf Existenz, wer noch wahrgenommen wird? Oder ist es nicht umgedreht: verpflichtet nicht jegliche Existenz - egal wie laut, wie leise, wie asozial, wie gesittet, wie faul, wie destruktiv, wie genial, wie erfolgreich - uns Andere zur Wahrnehmung. Dazu also, auch auf leise Töne zu achten, nichts zu überhören und nichts zu übersehen. Darf wirklich nur der überleben, der auf sich aufmerksam macht?

 

Mobilität des Geistes

Sonntag, April 29th, 2007

Habe heute mit einem Freund über die Frage diskutiert, was überwiegen würde: die zunehmende Vereinzelung massenhafter Netz-User und deren Entfremdung realen Erlebnissen gegenüber - oder vielleicht doch die Chance, dass der damit verbundene Mangel an physischer Mobilität durch ein größere Mobilität des Geistes aufgewogen werden könnte. Kommunikation über das Netz erweitert ja auch die Möglichkeit der Wahrnehmung: es bleibt nicht nur beim passiven Hören oder Lesen über bisher Unbekanntes. Das im Netz Erlebte wird längst im selben Moment gelebt: der Webcam-Blick in die Wohnung des neuen Chatpartners ist real, die angeschauten Videos und runtergeladenen Songs amüsieren gleichzeitig und gemeinsam, die zu kommentieren Fotos und geposteten Texte lassen in jeder Sekunde teilhaben am Leben bisher fremder, hunderte Kilometer enfernt lebender User. Aus dem virtuell Gelebten werden - ohne dieses weltweite Netz vielleicht kaum machbare - Erfahrungen.

Was aber, wenn die tatsächliche Wirklichkeit - draußen vor den Fenstern und also dort, wo diese neuen Erfahrungen dann auch nutz- und brauchbar sein könnten - irgendwann nur noch auf ein Minimum reduziert ist, weil alle Welt sich längst dem virtuellen zweiten Leben zugewandt hat? Was bleibt, wenn das Wesen Mensch mutiert wäre zu einem Wesen mit stark ausgeprägten und auf das schnelle Anschlagen von Computertasten spezialisierten Fingern, aber einem - von erstarrten, kaum noch notwendigen Muskeln - ins Fratzenhafte verkümmerten Mund, der als Organ des Sprechens längst seine Funktion verloren haben wird? Wie lernen Nachfolgende Lesen (eine unabdingbare Voraussetzung, um chatten und mailen zu können) wenn die, die es ihnen durch vernehmbare Lautartikulierung beibringen könnten, im Taumel virtueller Welten längst das Sprechen verlernt haben werden? 

“Quoten” ?

Samstag, April 28th, 2007

Es ist kurz nach Mitternacht. Ich schau mir die Seitenclicks/Aufrufe der Webseiten an. Aber leider haben nur wenige heute den Weg auf die Seiten gefunden. Spielt Wetter bei Computerabrufen eine Rolle? Es war ein warmer Tag und ist immer noch ein warmer Abend - die Leute, draußen, haben wichtigeres zu tun, als Webseiten und Blogs zu studieren. Zum Glück …

wir sind nicht allein

Mittwoch, April 25th, 2007

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Gestern noch ging mir jene spöttelnde Warnung durch den Kopf (siehe Text am Tag vorher), sich angesichts eines nahen Endes, eines drohenden Untergangs, einer bevorstehenden Ablösung - nichts ahnend - in alltäglicher Gewissheit zu wiegen. Und einen Tag später scheint tatsächlich alles so weit: nichts bleibt mehr auf unsere eigene kleine Welt beschränkt, sollten wir wirklich nicht allein in den Weiten des Weltalls sein. 

Vor über 2000 Jahren schrieb Epikur, griechischer Philosoph: die Natur habe uns zur Gemeinschaft geschaffen. So war es nur eine Frage der Zeit, dass wir, frühmorgens, die Zeitung aufschlagen und lesen würden, was wir heute lesen: Es gibt sie doch - eine zweite Erde. Einen zweiten Planeten, 20 Lichtjahre entfernt zwar, aber auf dem Bedingungen herrschen, wie hier unten, bei uns. 

Passend zur Endzeitdiskussion über Klimawandel und bedrohlich zerstörte Existenzräume, gibt es also einen zweiten Weg. Und wie geht man damit um? Stört solch unerwartete Aussicht am Ende nur jene letzte Kraftanstrengung, die gerade - angesichts all der Schreckensszenarien über ein sich veränderndes Klima - in Gang gekommen ist und die immer ein nützlicher Nebeneffekt ausweglos scheinender Situationen ist: sich sammeln, gemeinsam vorankommen wollen? Nimmt diese freudige Nachricht, nun wäre ein Ausweichen - was ja wohl hieße: Flucht - ja auch noch möglich, den Wind aus den Segeln jenes Klippers, der gerade erst Fahrt aufgenommen hat, um die längst zerklüftete Küste unserer Welt vielleicht doch noch heil zu umrunden und nicht zwischen ölverklebten Vögeln, blutig geschlagenen Robben und ausgetrockneten Wattflächen stranden zu müssen? Besänftigt eine solch überraschende Nachricht also doch nur wieder jene, die sich auf diesem Klipper in lauteren und unlauteren Absichten versammelt haben, um seit ein paar Monaten die Flagge des Klimaschutzes vor sich herzuschwenken? Heißt es nun doch wieder: zurück an Land - alles halb so schlimm? Wird es uns hier unten auf der Erde zu trocken, zu stürmisch zu überflutet, zu stickig, kann die Karavane ja nun wenigstens weiter ziehen. Ab zum nächsten Planeten? Umsiedeln als brauchbare Alternative - nicht für heutige Menschen, die das kaum erleben werden - wohl aber für die Menschheit?

Trotzdem: die Ahnung, dass längst auch irgendwo anders möglich gewesen sei, was wir hier unten immer als unser alleiniges Recht gesehen haben: zu leben und sich eine Welt nutzbar zu machen, macht einen schon auf eine sanfte Weise glücklich. Vor allem wegen der stillen Hoffnung, jene fremden Wesen könnten schon immer alles besser gemacht haben, als wir hier unten. Dass sie sich ihre Welt nicht nur nutzbar gemacht, sondern sich mit ihr arrangiert haben könnten: respektvoll, wahrnehmend, rücksichtsvoll. 

Ein bisschen Schadenfreude mischt an diesem Tag nun schon mit - da habt ihr es: Besser geht es also doch!

 

Ignoranz

Dienstag, April 24th, 2007

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ignoranz

untergang

aber die sonne strahlt

nichts ahnend

Büchertag

Montag, April 23rd, 2007

Das war er also, der 23. April, der weltweite Tag des Buches. Ich aber habe nicht eine Seite gelesen, nicht ein einziges Buch gekauft, um damit meine Regale aufzufüllen. Ich habe keine einzige Zeile geschrieben, abgesehen von diesen wenigen hier an dieser Stelle, in diesem Moment. Und auch nicht ein einziger Satz aus einer Erzählung, einem Roman, einem Theaterstück, den ich vielleicht irgendwann einmal für behaltenswert gehalten hatte, drängte sich mir heute auf.

Stattdessen: bei einem Espresso im Bagels die Zeitung gelesen, später mit dem Hund zum Arzt und mit dem defekten Mountainbike zum Schlauchkauf. Zwischendurch ein Palak Panir beim Inder an der Ecke, mit der Krankenversicherung über anfallende Kosten und mit einem Freund über Lebensansichten gestritten … Der Welttag des Buches verlief also auf ganz unspektakuläre Weise in meiner eigenen, an diesem Montag ganz gut überschaubaren, Welt.

Und doch: am Ende werden sich aus diesem Tag wieder hunderte kleine Erinnerungssplitter in mein Gedächtnis eingegraben haben, dort - locker angedockt - jederzeit abrufbar, wenn - am Beginn einer neu zu schreibenden Geschichte - mal wieder ein beunruhigend weißes Blatt Papier vor mir liegt. So gesehen ist jener Welttag des Buches wohl dann am nützlichsten, wenn es Dinge zu erleben gibt, aus denen irgendwann, komprimiert, der Grundstock eines neuen Buches werden könnte.  Dann hat sich der Tag gelohnt.

Himmel über Potsdam

Freitag, April 20th, 2007

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Es ist soweit … ab sofort gibt es www.himmel-über-potsdam.de 

 

 

Die Sehnsucht nach Venedig

Freitag, April 20th, 2007

Lese Profane Freundschaft von Harold Brodkey. Ein wirres Spiel von Gedanken, geiler Lust und Leben in einer traumhaften Stadt des 20. Jahrhunderts. In den letzten Tagen glaubte ich, die Genauigkeit der Beschreibung einer Freundschaft lassen mich das Buch immer wieder zur Hand nehmen. Aber es scheint etwas anderes zu sein: die enttäuschende Erkenntnis, dass in einer faszinierenden Stadt wie Venedig – für den Außenstehenden und aus weiter Ferne Beobachtenden doch immer nur der Inbegriff des Harmonischen, des Vollendeten, des Ästhetischen – alltägliches Leben auch profan, verletzend, schäbig und unliebsam sein kann. Venedig als eine missverstandene Stadt und Lesen über sie als Klärungsprozess?

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Brodkey skizziert Venedig als Stadt menschlich und ekstatisch. Ich ahne, was mich in wenigen Wochen ein zweites Mal in diese Stadt treibt.

bedrückende Nähe

Donnerstag, April 19th, 2007

Ein merkwürdiges Gefühl, am Morgen eine große Berliner Zeitung aufzuschlagen und - auszugsweise - die Theatertexte jenes Amokläufers zu lesen. Er schrieb also auch. Und er schrieb auch mehr, als das heute noch zum alltäglichen Dasein zwingend notwendig wäre. Verwirrt, wie es schien, war er – in sich und mit allem um sich zerrissen, am Ende wohl nicht mehr er selbst. Heißt es. Aber wahrscheinlicher ist doch, dass er nie so sehr er selbst war, wie an jenem letzten Montagmorgen in Blacksburg. Was, wenn auch er nur aus Gründen geschrieben hat, die einen selbst täglich an den Rechner treiben:  sich in den eigenen Texten selbst zu finden. Sich selbst mit Worten zu ergründen. Das eigentlich Beklemmende ist zu erkennen, dass ausgerechnet das Schreiben einen mit diesem  Menschen verbunden hat. Schlimmer: dass Schreiben allein also nie heißen muss, am Ende besser dazustehen, als vorher. Vielleicht weiß man mehr, vielleicht wäre es manchmal aber auch  besser, Gras über Verschüttetes wachsen zu lassen. Nichts hervorquellen zu lassen, was einen im simpelsten Fall überraschen, im schlimmsten entgleiten könnte. Allein, dass man schreibt und reflektiert, was einen umgibt, heißt also wohl noch lange nicht, der Welt näher zu kommen. Es kann einen auch von dieser entrücken auf das größte mögliche Maß.

Vom Schatten des Realen

Mittwoch, April 18th, 2007

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Lese Christa Wolf, Leibhaftig. Die Geschichte einer kranken Frau, die auf dem OP-Tisch in die Tiefen ihrer eigenen Seele hinab steigt. Eine Erinnerung an das, was sie in ihren Lebensjahren prägte, an all die Fragen, die nie beantwortet wurden. Das Bild, das Motto zu sein scheint für Wolf - die ins Unendliche laufende Verlängerung der spiegelartigen Bilder auf einer Libby’s Milchdose, zum ersten Mal beschrieben in Kindheitsmuster 1975 - taucht auch hier erneut auf. Die Beschreibung eines Abstiegs in die Luftschutzräume tief liegender Keller ist in Leibhaftig auch ein  Abstieg in nie endende Spiegelwelten: hinter einer überwunden geglaubten Welt taucht – statt der erhofften Weitläufigkeit und Freiheit – wiederholt das Spiegelbild der doch eben erst durchschrittenen Räume auf. Dass wir also nie der Welt, die uns umgibt, wirklich entkommen können. Was mich tötet, zu gebären. (Karoline von Günderode in Schatten eines Traumes von C. Wolf) Was uns tötet! (Blacksburg)

Der Kreis schließt sich.

alles relativ

Mittwoch, April 18th, 2007

Es ist nach Mitternacht. Kann man zum Alltäglichen übergehen nach den Ereignissen in Blacksburg in der letzten Nacht? Wen würde es interessieren, würde man es nicht tun? Alles hat seinen Bezug …

Relativitätstheorie

Herbstblatt fällt

und klemmt dem Käfer

Beine ein

Was uns selbst nicht betrifft, kann für andere eine Welt zum Einsturz bringen - egal, ob wir darüber nachdenken, davon betroffen sind - auch über die Nachrichtenkanal-kompatible Zeitachse von 24 Stunden hinaus - oder nicht.

Ok, Käfer sind schon irgendwie eine andere Welt, aber irgendwie haben sie auch bekannte Probleme … (sry, aber lese gerade Korrektur von solch kurzen Texten, die sich an asiatischen Haikus orientieren und die ich Ende des letzten Jahres geschrieben habe. Sollen im Herbst herauskommen … )

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Wenn es also so ist, dass ein Herbstblatt, das mir nichts anhaben kann, einem anderen Wesen Schaden antut, dann wären die Zweifel wenigstens angebracht, ob man nach der Blacksburg-Nacht zum Alltäglichen übergehen sollte oder nicht … Mit diesem Gedanken könnte ich dann doch einigermaßen gut schlafen … 

Hier bei uns in Blacksburg

Montag, April 16th, 2007

Was für ein Dilemma in dieser Welt: während man sich selbst eben noch den Kopf zerbricht über Sinn und Unsinn eines schnöden Buchcover-Entwurfs, stirbt einige Flugstunden entfernt - im amerikanischen Blacksburg - ein Mensch nach dem anderen … Heute ist Montag, der 16. April 2007, ein lauer Frühsommer-Abend in Potsdam, 20 Grad. Draußen, vor den Fenstern, in den Kneipen der Straße, lärmen die, die sich amüsieren wollen.

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Hier drinnen und je öfter ich den Browser meines Rechners auf aktualisieren schalte, werden in jenem Blacksburg offensichtlich immer neue Leichen geborgen. Vor vier Stunden waren es 22, jetzt sind es 33 tote Studenten.

Wie viele werden es morgen früh sein - nach dem Aufstehen? Oder was wird dann auf dieser Welt Schlimmeres geschehen sein? Man will nicht hinausschauen in diese Welt. Aber: Warum sollte man dann hier sitzen und noch schreiben? Die ewige Frage: Was würde Schreiben noch für Sinn machen, ohne diese Welt?

Wer bloggt, vertraut.

Montag, April 16th, 2007

Bloggen scheint zu sein wie Schreiben: es gibt Zeiten, in denen man sich nichts und niemandem anvertrauen will. Erst recht nicht einem solch offenen Weg, wie er sich über einen :blog herstellt … Deswegen fast zwei Wochen Pause …

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Außerdem: ich bin mit den Entwürfen für MARLEEN immer noch nicht wirklich zufrieden. Auch nach einem zweiten Entwurf nicht. Was macht man? Man bestellt sich die entsprechende Layout-SW und macht sich selbst an die Arbeit …