Im Idealfall kann Bloggen das Fortschreiben eines Gedankens sein - über Tage, vielleicht Wochen hinweg, nur dadurch erschwert, dass einem jede Stunde Hunderte neue Gedanken durch den Kopf gehen, sich auflösen, festhaken, im besten Fall einen nicht mehr zur Ruhe kommen lassen. Ein Vorgang, der einen täglich vor die Entscheidung stellt: was ist wichtig genug, um es als Quintessenz (hurra, wieder so ein altes Wort verwendet, das auszusterben droht!) für Andere, draußen in der Welt, in wenige Zeilen zu pressen. Immer die Gefahr fürchtend, dass die geposteten Texte der Vortage nichts, aber auch gar nichts, mit aktuell beschreibenswert scheinenden Dingen zu tun haben könnten.
Genau an dem Punkt aber wird es spannend. Wenn man sich selbst - dieser Gefahr entkommen wollend - dabei ertappt, in den nachgedachten Texten unsichtbare Linien zu suchen. Gedrängt vom eigenen Ehrgeiz, sich selbst zu überzeugen: da müsse es doch eine innere Konsequenz des eigenen Denkens geben, man könne doch nicht gestern über Globalisierung nachdenken und heute über die Auswirkungen einer sich durch Lebensjahre bloggenden schreibwütigen Generation.
Plötzlich also steht die Frage im Raum, welcher rote Faden all dem Niedergeschriebenen inne liegt. Was haben Globalisierung und alltägliches Bloggen als Teil dieser neuen, weltweiten Bloggergesellschaft gemeinsam, dass die Beschäftigung mit beiden Themen zeitlich so nah liegt? Was verbindet die Themen: ihr gemeinsamer Hang zur Verflechtung? Der Zusammenschluss vor allem laustark sich Behauptender? Möglichst schräg. Die Rechtfertigung, Alltäglichkeit organisieren zu wollen - dort politisch und wirtschaftlich, hier schreibend - um sie so angeblich besser in den Griff zu bekommen: also Neuorganisation von Leben jenseits aller für Zusammenleben und Kommunikation bisher erprobter Konventionen, Begriffe, Regeln?

Heute habe ich entdeckt: in einem Forum für junge Literatur können eigene Texte in Genre/Gattungs-Kategorien gepostet werden. Die Kategorie Dramatik > Tragödien beinhaltet tatsächlich jede Menge spannender Texte. Aber: es handelt sich um Prosatexte, die dramatisch enden. Was den Schreibenden selbst tragisch erscheint - manchmal auch nur wehmütig oder auf die eigene Tränendrüsen drückend, wird schon als Tragödie empfunden. Nicht einer dieser Texte jedoch ist im klassischen Sinne Dramatik oder gar eine Tragödie. Die Kriterien verschwimmen, die Genauigkeit verblasst. Es darf Schreiben können, wer Worte aneinanderfügt - manchmal erfreulich erfolgreich und ziemlich unkompliziert lesbar, oft aber erschreckend frei schwebend. Man reiht sich ein in die weltweit schreibende Gemeinschaft, um ja mitmischen zu können und zum globalisierten Kreis jener zu gehören, die den Anschluss nicht verpasst haben.
Ich ahne - egal wie, wo, womit - mich vor allem gegen jegliche Form der Globalisierung - nicht nur die politische, gesellschaftliche - im Leben zu wehren: vor allem gegen die Missachtung von Übereinkünften, die miteinander leben - also reden, handeln, tauschen, lesen, schreiben, treffen, zuhören, helfen usw. - erst ermöglicht, gegen Ignoranz allem Leisen und Schwachen gegenüber, gegen bloggerechtes, stakkatohaftes Leben: plattwalzend, zielorientiert und die Genauigkeit durch Banalität demütigend. Also auch gegen ein Schreiben, das das Festhalten von banal Alltäglichem nicht als wachen Blick auf leicht zu Übersehendes begreift, sondern als Möglichkeit zum Exhibitionismus eigener Existenz. Wohl wissend, wie schnell man selbst der Gefahr unterliegt.
So gesehen, bin ich beruhigt: es gibt doch diesen einen Faden, der verbindet, was einem täglich durch den Kopf geht. So verschieden einem selbst die Themen mitunter erscheinen.