Archive for August, 2007

Dem Mensch vorausdenken …

Samstag, August 25th, 2007

Wenn es noch einen Beweis braucht, dass Hunde unabdingbar Freunde des Menschen sind, dann wohl diesen: vieles von dem, was wir täglich tun, passiert unbewusst - eingeschliffene Handlungen, die uns längst so leichtfertig von der Hand gehen, dass wir sie kaum noch wahrnehmen. Die Gefahr ist, dass so nicht nur Unbedeutendes, Alltägliches an uns vorbeirauscht, sondern auch die Dinge, die wir wahrnehmen sollten: das Rauschen eines Blätterwaldes, das Hilfsbedürfnis eines Freundes, die stille Freude eines Bruders …

ZEN hält dagegen, für ein Leben hin zu mehr Achtsamkeit und Wahrnehmung. Mein Hund scheint mir dabei helfen zu wollen, wie ich seit heute ahne  …

Da beginne ich an diesem Sonnabendvormittag auf etwas zuzusteuern, ohne mir dies schon ins Bewusstsein gerufen zu haben. Sicher, es gab einen Impuls, irgendwo ganz tief in mir muss an diesem Morgen eine Stimme gesagt haben: los gehts! Also schließe ich die Fenster, krame den Rucksack aus dem Schrank, ziehe die Schuhe an … Nichts davon nehme ich wahr - mit meinen Gedanken bin ich noch immer bei der gestern Abend gelesenen Erzählung. Und so laufen alle Handgriffe eher mechanisch ab. Aber ganz nebenbei fällt mir die verkalkte Armatur in der Küche auf, die ich schon längst reinigen wollte - und schrubbe sie endlich. Als ich fertig bin, nervt mich zum wiederholten Mal die im Zugwind klappernde Tür zum Arbeitszimmer - ich repariere auch sie eben mal schnell. Der Werkzeugkasten ist immer noch ein einziges Chaos - die Gelegenheit nutzend, schaffe ich endlich einmal Ordnung … 

Fast eine halbe Stunde kostet mich all das. Als ich fertig bin, überlege ich, was noch zu tun sei an diesem Sonnabendvormittag. So in Gedanken versunken - überlegend, träumend - stutze ich, als ich an der Wohnungstür vorbeikomme: dort sitzt mein Hund, den starren Blick zur Tür gewandt. Für ihn waren das Schließen der Fenster, das Kramen nach dem Rucksack und das Anziehen der Schuhe unverkennbare Zeichen. Durch nichts war er von seiner Vorfreude auf den Spaziergag im Freien abzubringen. Und so sitzt er seit einer halben Stunde - bereit, zu gehen. Erst jetzt wird mir bewusst: Stimmt, Einkaufen gehen wollt’ ich …

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Manchmal ist es eben doch gut, einen treuen Freund zu haben, der einen auf den rechten Weg zurückführt. Nichts anderes ist ZEN: Iss, wenn du isst! Schlaf, wenn du schläfst! Geh einkaufen, wenn du einkaufen gehen willst …  mehr

Christa Wolf, späte Nachrichten

Freitag, August 24th, 2007

Da habe ich es heute endlich geschafft mir jenes letzte, seit Jahren in meiner Werksammlung fehlende Buch Christa Wolfs zu kaufen: ausgerechnet Störfall - Nachrichten eines Tages. Nun liegt es auf meinem Tisch - auf dem Stapel ungelesener kleiner, dünner Bücher, die ich mir - wie ich merke - als Vorrat für schwere Zeiten zurechtlege - griffbereit für jene Augenblicke, in dem nur die Flucht in eng beschriebene Zeilen Zufriedenheit zurückbringen könnte: Michel de Montaigne, Von der Freundschaft - Donna Leon, Mein Venedig - Anna Achmatowa, Liebesgedichte … - Bücher, von denen  ich behutsam fast jeden Tag den Staub wische, mein kleiner Schatz für bedürftige Zeiten … 

Nun also landet auch Störfall auf diesem kleinen Stoß besonderer Gedichte, Erzählungen und Essays und doch zögere ich, darinnen zu lesen. Die alte Frage kommt wieder auf: was bestimmt die Zeitlosigkeit von Literatur? Warum will ich ein Buch lesen, das vor 21 Jahren seine Brisanz hatte, das - anders als die meisten der Wolf’schen Bücher - in großer Nähe zum reflektierten Ereignis geschrieben wurde und nicht erst, nachdem dessen Legendenbildung längst eingesetzt hatte? Warum wird heute noch Thomas Mann gelesen - selbst für eine Neuverfilmung ist er immer noch gut, so gerade die der Buddenbrokks mit Armin Müller Stahl, wie zu hören ist.  Warum aber liest kaum einer noch Heinrich Böll, warum ist er gut 20 Jahre nach seinem Tod aus den Buchhandlungen fast verschwunden?

Warum also Störfall? Demnächst wird mehr dazu hier stehen …  mehr

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Wer verletzt ist, wird verletzbarer …

Dienstag, August 21st, 2007

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Heute ist Dienstag, der 2. Juli 2007, 19:30 Uhr - Die Welt prallt wieder auf mich ein, nicht nur gefiltert über den an der Wand des Krankenzimmers hängenden Monitor. Ich habe es geschafft, ich werde aus dem Krankenhaus entlassen. Im Gesicht arg lädiert und nun auch noch die Verärgerung über einen arroganten Stationsarzt in Erinnerung, der in seiner dreisten Unverfrorenheit mir kurz vor der Entlassung ins Gesicht sagt, er würde mir meine Schilderung des Unfallhergangs nicht glauben. Auf Nachfragen kanzelt er mich ab, wie einen dreckigen, in eine Schlägerei verwickelt gewesenen, Penner.  Ich lasse mir diese Unverschämtheit nicht bieten. Ich wende mich an den Chefarzt, der mir versichert: niemand, der nicht Zeuge war, könne meine Schilderung anzweifeln. Eine simple Feststellung, dennoch bin ich beruhigt. Aber nun weiß ich erst recht, endlich aus der Klinik zu wollen: zurück in die eigenen Wände, den eigenen Rhythmus. Nichts ist schlimmer, als ausgeliefert zu sein. Nichts will ich weniger als das. Da schließt sich der Kreis zu den Ereignissen vor genau einer Woche, als alles passierte: die Erfahrung, das Verletztheit uns erneuter Verletzbarkeit ausliefert, bestätigt sich bis zuletzt. 

Am nächsten Tag stelle ich Strafanzeige gegen die unbekannte Hundehalterin, der ich die vergangene Woche Klinikaufenthalt zu verdanken habe. Ich weiß, es wird nichts nützen: ich habe keine Zeugen, keinen Schuldigen. - Da wird man also um eine Woche Lebenszeit betrogen und niemand ist greifbar, dem man das vorwerfen kann. Trotzdem könnte ich damit wohl leben, denn verloren ist diese eine Woche nicht wirklich: ich habe jede Menge erlebt und am Ende auch alles ganz gut überstanden - wenn man großzügig davon absieht, dass mich auch noch Wochen danach Kopfschmerzen plagen, die Knochen unter der Gesichtshaut knirschen und Kauen nahezu unmöglich ist. Neue Erfahrungen, wie gesagt - aber geplant waren ganz andere Dinge …  

Aber für diese anderen Dinge ist ab morgen wieder Zeit … heute ist Dienstag, der 21. August 2007, 20:39 Uhr … das Jägertor und die Hegelallee in Potsdam an diesem Abend. Das Leben draußen …

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Am Tropf der Wirklichkeit

Freitag, August 17th, 2007

Heute ist Freitag, der 29. Juni, 21:00 Uhr - Ich habe eine erste Operation am Jochbein/bogen hinter mir. Alles läuft  erstaunlich unkompliziert, routiniert, fast unspektakulär ab. Zwanzig Minuten zuvor habe ich jene berühmt-berüchtigte LMA-Tablette erhalten, dann werde ich in den OP geschoben. Mehrere Frauen - Ärztinnen, Schwestern, ich weiß es nicht - sind eifrig mit Vorbereitungen beschäftigt. Sie drehen mir den Rücken zu. Das Letzte was ich denke ist: wieso stehen eigentlich alle Türen offen, nichts ist abgeschottet, keine keimfreien Schleusen haben wir durchfahren - was auch immer ich mit meinen ausschließlich medial geprägten Vorstellungen eines OP-Saals verbinde.  

In Wirklichkeit aber bin ich froh, dass jene Offenheit ist, weil es alle vorher immer wieder aufgeflackerten Gedanken nichtig macht: jene Angst vorm ungewollten Ende - was, wenn sich hinter mir die Türen für immer schließen, weil es während der OP Komplikationen geben würde? 

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Sekunden später interessiert mich keiner dieser absurden Gedanken mehr - denn da habe ich schon eine Spritze gesetzt und den Narkoseschlauch (oder war es der Beatmungsschlauch?) übergestülpt bekommen.  Ich bin in einer anderen Welt …

Was dann geschieht, ist das eigentlich Faszinierende dieses Tages: ihre Informationspflicht erfüllend, erklärten Ärzte mir vorab jeden kleinen Schritt eines solchen Eingriffs. Detailliert konnte ich im Voraus erleben - angereichert mit den Bildern eigener Phantasie - was passieren würde: die Haken die man von mehreren Seiten durch Wange und Schläfe führen würde, um die niedergedrückten Knochenteile zurück in ihre angestammte Position zu ziehen. Risiken - Chancen - Komplikationen … - Dann aber, wenn alles wirklich passiert, wenn diese vorabgedachten Prozeduren tatsächlich stattfinden, bleibt man - hilflos, narkotisiert unterm Messer liegend - von den Vorgängen ausgeschlossen.  Das gibt es so sonst vielleicht nur in ähnlichen Vorgängen, wie dem des Schreibens: vorab denken, durchleben, mit eigener Phantasie bereichern und am Ende aber, wenn das Vorabgedachte tatsächlich zum Leben erweckt wird - sei es durch die Phantasie eines Lesers oder durch die realen Inszenierungen eines verfilmten Drehbuchs - ist man als Autor von diesen erweckten Phantasien ausgeschlossen.

Egal - das Leben geht weiter. Keine halbe Stunde dauert der Eingriff, noch eine halbe Stunde am Tropf, eine Stunde später stehen die ersten Freunde an meinem Bett, ich bin erleichter - es geht also weiter: ich bin zurück in der wirklichen Welt.

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Mit Hoffnung allein hat das nichts zu tun …

Mittwoch, August 15th, 2007

Es ist Mittwoch, der 27. Juni, 20:45 - Ich liege regungslos auf meinem Krankenbett, dieser kleinen, geschützten Insel, die allein mir gehört. Diesmal nun steht diese Insel mitten im Gang der Augenklinik, ein paar Stationen höher gelegen. Ich warte, dass die diensthabende Ärztin mich untersucht … seit einer Stunde schon, mit einer Halskrause zur Bewegungslosigkeit verdammt.

Der Tag begann früh. Halb sechs … Ich habe schlecht geschlafen, eigentlich kaum, vor Schmerzen. Als das morgendliche Aufweck-, Reinigungs- und Aufmunterungskommando aus Schwestern, Pflegern und Zivis das Zimmer durchpflügt, bin ich froh, nicht länger liegen zu müssen. Aufrecht sitzen will ich und warten was passiert. Ich habe nichts: kein Zahnputzzeug, kein Handtuch, nichts zum Lesen, mein Handyakku ist leer, das Kabel fehlt. Ich bin nichts! amüsiere ich mich über mich selbst. Also beschließe ich, mich dem weißen Alltag auszuliefern und nehme, was ich bekomme, als gegeben. Das heisst an diesem Morgen aber auch: keinen streng ayurvedisch bereiteten Dinkelbrei, stattdessen lappriges Weißbrot mit Konfitüre, Streichwurst, Tee. Ich lasse mich bedienen und merke, dass es mir nichts nützt: der Kiefer schmerzt. Ich bleibe hungrig.  

Die alltägliche Viste der Handvoll Ärzte ist schnell durchstanden und bringt auch nichts. Zum ersten Mal höre ich, was ich bis zu meiner Entlassung hören werde: Sie sind hier falsch. Kein Fall für die Chirurgie, eher für die HNO. Na, dann schiebt mich doch hin! denke ich trotzig und bin doch froh, dass alle bis zum letzten Tag die Verlegung scheuen, denn ich beginne, mich mit meinem neuen Dasein zu arangieren. Ich will, dass mir vertraut wird, was mich umgibt. Eben das Beste aus allem machen. In 48 Stunden ist geschafft.

Gegen Mittag drohen aus diesen 48 Stunden dann plötzlich acht lange Wochen zu werden: Ein Arzt kommt herein, legt mir eine Halskrause um und sagt: Sie bewegen sich jetzt keinen Milimeter mehr, ihre Halswirbelsäule ist angebrochen. Einen Millimeter weiter und ich hätte den Sturz nicht überlebt. Der junge Arzt erklärt es mir - zeichnet es sogar auf, um es verständlicher zu machen. Ich aber kann es gar nicht sehen - meine Augen füllen sich längst mit Tränen. Als der Arzt - noch immer kopfschüttelnd, dass mein verhältnismäßig ungeschwollenes Gesicht an sieben Stellen gebrochen sein soll - das Zimmer verlässt, bleibe ich stundenlang regungslos zurück. Immer hoffend, jede unbedachte, ruckartige Bewegung vermeiden zu können, um nichts zu riskieren. Diese Halskrause lässt mir auch kaum eine Chance. Ich liege eingezwängt und starre an die Decke. Ich rechne mir aus, was es bedeuten wird - für den laufenden Vertrag, für die nächsten Monate, für die Arbeit, das eigene, ungehinderte Leben. Ud ich denke vorallem darüber nach, was - wenn wirklich das Schlimmste passiert wäre - ich in jenem letzten Moment gesehen, gedacht, gespürt habe.

Und so liege ich an diesem Abend noch immer, wenn auch inzwischen hin - und hergeschoben durch endlose Krankenhausgänge, nun also in der Augenklinik. Ich bin erstaunt, wie gelassen ich nach Stunden mittlerweile bin. Es setzt eine fast pragmatische Duldsamkeit ein: Es ist wie es ist, mach das Beste draus.

Das Beste in diesen Minuten aber ist, zum Nichtstun verdonnert zu sein und also lauschen zu können: den Geräuschen auf diesem Gang, den schlurfenden Schritten der vor allem alten Leute. Und dabei dringt unerwartet Amüsantes an mein Ohr, denn am Ende des Ganges sitzen vier alte Männer und reden und lachen über Politik des letzten Jahrhunderts. Jeder streitet für und gegen einen anderen Kopf der Geschichte: gegen Honecker, gegen Kohl. gegen Hitler, gegen Stalin. Man kann es sich nicht ausdenken, so skuril ist, was geschieht. Ich aber ahne, dass das Leben hier drinnen, ausgeliefert den ewig gleichen Abläufen eines Krankenhausbetriebes, nicht wirklich vom Leben draußen getrennt ist. Alles scheint nur irgendwie komprimierter, skuriler, offensichtlicher wahrnehmbar.

So hat auch der Abend seine logische Konsequenz: als ich spät, gegen halb elf, erneut zu einer Untersuchung meines Halses durch die mittlerweile abgedunkelten, stillen Gänge des Krankenhauses geschoben werde, bin ich beruhigt: die Ärzte geben sich nicht zufrieden, sie sind hartnäckig. Minuten später bin ich wieder zurück - eine Freundin hat mir endlich die benötigen Sachen gebracht, ich freue mich, weil Vertrautheit mich zu umgeben beginnt. Kurz darauf tritt der Stationsarzt an mein Bett und nimmt mir überraschend die Halskrause ab. Der Halswirbel ist gesund. Ich schließe die Augen. Ich will nicht noch einmal, dass mir Tränen hervorschießen. Dass ich bereits am nächsten Tag operiert werden soll, dass Augenhöhle, Jochbein, Kiefernhöhle und was sonst noch alles gebrochen sind, scheint mir plötzlich nichtig, ein geringes Übel. Denn das ist nun wirklich in zwei, drei Tagen durchstanden.

Mir geht durch Kopf, dass vor allem Überschaubarkeit uns unser Leben leicht macht. Dass es die Aussicht auf das Ende eines ungewollten, belastenden Zustandes ist, die uns über Unangenehmes hinwegkommen lässt. Das hat weniger mit Hoffnung zu tun, sondern mit der Gewissheit, dass Ungewolltes, Zwingendes seine Bedrohlichkeit verliert, wenn wir es einbetten in das Davor und Danach. Ich erinnere mich an ungeliebte Aufgaben, bedrückende Verpflichtungen: immer habe ich mehr von jener Zeit danach geträumt, in der alles vorbei sein würde, als dass ich mich von Naheliegendem niederdrücken lassen hätte. Vielleicht ist dieses dem eigenen Leben ein klitzekleines Stück Vorauszuleben der Grund, dass am Ende alles tatsächlich sehr viel problemloser verlaufen sein wird, als ich an diesem Abend noch vermute.    

Ende eines langen Tages

Dienstag, August 14th, 2007

Es ist Dienstag, der 26. Juni, 23:10 Uhr - Endlich. Ich liege in einem Bett, fremd zwar, aber ich kann ausruhen. Für die beiden anderen in diesem 3-Bett-Zimmer ist die spätabendliche Notbelegung wohl nicht mehr als eine kurze Störung im abendlichen TV-Programm. Ich staune: Fernseher?! Dreißig lange Jahre lag ich nicht mehr in einem Krankenhaus.  

Ein jungscher Typ - gerade einmal zwanzig, wie ich schätze - fragt ungehemmt, was passiert sei. Er duzt mich. Ich bin zunächst irritiert. Über 25 Jahre liegen zwischen uns, aber es macht mir klar: hier sind wir alle nur Patienten, die dem Wohlwollen allein von Nichtpatienten ausgeliefert sind. Das verbindet und verbündet. Es ist das erste Mal an diesem Abend, dass ich grinsen muss. Du bist nichts sage ich mir. Und so passiert es: am nächsten Morgen schlurfe ich - mit der Gelassenheit eben dieses Satzes im Nacken, barfuß und im wehenden, viel zu kurzen, weißen Nachthemd durch die Krankenhausgänge … Nichts kann mich daran hindern. Als Einer, der übers Kuckucksnest flog …

An diesem Abend aber habe ich, was ich brauche: ein Glas Tee und ein Telefon. Unter der Decke versteckt, simse ich. Dieses in Kontakt bleiben können, nimmt mir die Angst, ausgeschlossen, eingeschlossen zu sein. Auch das ist anders, als es 30 Jahre zuvor in einem Krankenhaus war. Und auch: die Schwester entschuldigt sich fast - immer wieder hätte sie nachts zum Blutdruckmessen zu kommen. Ich lasse es geduldig über mich ergehen, auch weil ich um eine Tablette gegen die Schmerzen gebeten habe …

Mag sein, dass die erhoffte Wirkung mich Minuten später gleichgültig macht. Als ich die Augen aufschlage, hocken zwei uniformierte Polzeibeamte vor meinem Bett. Eine Frau mittleren Alters erkundigt sich in gedämpfter Lautstärke, was passiert sei. Und sie entschuldigt sich, dass man erst jetzt - über 3 Stunden nach dem Notruf - den Hinweis erhalten habe, irgendwo Personalien feststellen zu müssen.

Nicht sehr kraftvoll erzähle ich, was passiert war. Die Frau wiegelt ab, dies sei wohl eher eine Sache fürs Ordnungsamt der Stadt, wenn ein Hund einem anderen Hund nachjage. Im selben Moment frage ich mich, was es zählt, verletzt im Krankenhaus zu liegen. Wie weit mag die Wahrnehmungsgrenze verschoben sein, wenn man täglich zu ähnlichen Fällen gerufen wird. Ich will an diesem Abend nicht diskutieren.

 

Trauma

Dienstag, August 14th, 2007

Es ist Dienstag, der 26. Juni, 21:25 Uhr - Endlich werde ich ins Behandlungszimmer der Rettungsstelle gerufen, nach über zwei Stunden des Wartens. Es folgt das Übliche: ich bekomme eine Thetanus-Impfung, die klaffende Wunde am Auge wird geklebt, eine 360 grd Aufnahme vom Kopf wird gemacht. Plötzlich freue ich mich: in einer viertel Stunde ist der lange Abend vorbei, ich bin Zuhause, dann heißt es schlafen, ausruhen, morgen geht alles weiter, wie geplant.

Falsch.

Der Arzt - freundlich, erklärend, geduldig, aber scheinbar unbeteiligt - stellt es mir frei. Ein Schädel-Hirn-Trauma hätte ich. Wenn ich gehen will, könne ich gehen - er aber würde mir empfehlen, 48 Stunden zur Beobachtung stationär aufgenommen zu bleiben. Ich willige ein, ohne lange zu überlegen.

So kraftlos hat mich - gewohnt, seit Jahren allein klarzukommen - alles gemacht, dass ich mich fremder Hilfe stelle. Auch das wird mich Wochen später noch immer überraschen: wie sehr wir unser Leben in Gedanken auch durchspielen mögen, um auf alles vorbereitet zu sein - wie sehr wir auch wichtige Lebensentscheidungen gern vorab als endgültig festlegen mögen - wenn es instinktiv andere Entscheidungen braucht, treffen wir diese, ohne zu zögern.  

Minuten später schiebt mich der Notarzt selbst die Krankenhausgänge entlang zur Station, von den Schwester dafür später belächelt. Aber vielleicht ist er doch nur nicht so unbeteiligt, wie es mir Minuten vorher schien - ahnt er vielleicht längst, was Ärzte erst am nächsten Tag überrascht feststellen werden: dass ich mir mehr als eine Gehirnerschütterung zugezogen habe - dass mein Gesicht an sieben Stellen gleichzeitig gebrochen ist?

eingeliefert - ausgeliefert

Dienstag, August 14th, 2007

Es ist Dienstag, der 26 Juni, 20:15 Uhr - Ich bin fremden Blicken ausgeliefert. Seit über einer Stunde. Der kalte Gang der Rettungsstelle im Klinkum. Stuhlreihen an den Wänden. Ehepaare, alt und jung, Mütter mit Kindern, Männer mittleren Alters. Alles sitzt an diesem Abend und wartet. Niemandem ist sein Schmerz, seine Verletzung anzusehen und so starren alle auf mich: zerissen, blutverschmiert, dreckig, das Gesicht geschwollen, Auge und Schläfe blutunterlaufen. Ich weiß nicht, wie ich sitzen soll und versuche doch Haltung zu wahren. Mehr als mein eigener Schmerz schmerzt mich wieder einmal, dem Mißverständnis Fremder, Starrender ausgeliefert zu sein. Dass man mich für jemand hält, der ich nicht sein will. Dies ist ein Gefühl, dass ich in all den nächsten Tagen nicht loswerden werde, wie ich Wochen später feststelle. Mein Unmut wächst, ich möchte aufstehen und mitten im Gang, auf einem Stuhl über allen stehend, klarstellen: Ich bin nicht betrunken! Ich habe nicht geprügelt! Ich bin nicht OWF! *

Ich stehe auf, laufe umher, verkrieche mit in einer Ecke, die von den übrigen Wartenden nicht eingesehen werden kann. Ich telefoniere mit meinem besten Freund (Er kümmert sich um meinen Hund), mit meiner Mutter ein paar hundert Kilometer entfernt (Ich beruhige sie, sie möge sich nicht in den Zug setzen und kommen.), mit meinem Assistenten (Ich weiß, er wird tun, was nötig ist, um das Projekt weiterlaufen zu lassen). Und ich wähle den Notruf der Polizei, denn mir wird langsam klar, dass Probleme auf mich zukommen könnten. Ich bitte den Beamten am Telefon um Hilfe, man möge am Ort des Geschehens, jenem Trinkerpavillion, mögliche Personalien feststellen. Der Beamte sichert mir zu, sofort jemanden auf den Weg zu schicken. Genau das aber passiert nicht, wie ich später erfahre …  

(*ohne festen Wohnsitz)

  

Im Dreck liegen

Dienstag, August 14th, 2007

Es ist Dienstag, der 26. Juni, 18:30 Uhr - Wie jeden Tag ist halb Sieben der Rechner runtergefahren, meine kleine, schwarze Hündin sitzt in Wartestellung an der Tür, überglücklich schwanzwedelnd, als es endlich losgeht. Ich hab keine Lust auf einen Spaziergang: es ist diesig, verregnet, die Wolken hängen tief. Ein Novemberabend im Hochsommer.

Wir drehen die allabendliche Runde. Nauener Tor, Bassinplatz, um die Wiesen, um den Friedhof. Eine merkwürdige Stimmung, der feine Regendunst, der sich zwischen den Sträuchern und Gräbern festzusetzen scheint. Bedrückend. Ich will weg aus dieser dunklen Ecke. Der weite Platz neben dem Friedhof, wohl auch einer dieser typischen preußischen Exerzierplätze aus vergangenen Jahrhunderten, schafft Raum. Das Kopfsteinpflaster glänzt im Regen und Licht der Autoscheinwerfer. Nie schließt die abendliche Hunderunden diesen Platz ein, nie wird er mit umrundet, also warum nicht … 

Später frage ich mich oft, warum an diesem Abend. Als mich diese Frage das erste Mal durchzuckt, liege ich am Boden. im feuchten Dreck dieses Platzes. Ungebremst aufgeschlagen mit dem flachen Gesicht. Das Letzte was ich sah, war dieser braune, gewaltige Hund, der meiner Hündin nachsetzen wollte - rücksichtslos mir beide Beine, die im Weg standen, wegschlagend. Geschrei von anderen, während ich merkwürdig stumm bleibe. Jedenfalls bleibt in den Bruchteilen eines solchen Geschehens wohl nur selten Zeit zur Wahrnehmung. Die Besitzerin bändigt nur mit Mühe ihr kampfhundähnliches Tier. Ich weiß nicht, ob ich benommen war oder noch bin. Ich rapple mich auf, sehe erst jetzt die ganze Szenerie: einer der Imbisspavillions am Platze, eine Gruppe der dort häufig Sitzenden und wohl auch häufig Trinkenden. Irgendwie sind alle aufgesprungen. Jemand reicht mir Zellstoff, Blut tropft mir von der Schläfe. Ich fühle mich erschlagen, hilflos, matt. Ich setze mich auf eine der Bierbänke. Ich merke, wie das angesammelte Regenwasser mir den Hosenboden durchnässt. Es ist mir egal. Die Schmerzen drücken. Innerhalb weniger Sekunden bin ich ein anderer: zerissen, verdreckt, blutend, inmitten bedrückend alkoholvernebelter Luft.

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Plötzlich macht mich die Hektik und die Aufmerksamkeit aller, die mich umstehen, stutzig. Ich spüre abgeschottet zu werden. Zuerst is es eben diese Wahrnehmung - und nicht die rationale Frage, wo und wer ist der Schuldige - die mich mich umdrehen lässt. Aber ich kann niemanden erkennen. Hunde und Besitzer sind verschwunden. Eine Stimme fragt, ob ich einen Arzt brauche. Ich wundere mich, wie bestimmt ich Ja sage, so Schwäche eingestehend.

Als ich das Blaulicht sehe - auch das kaleidoskopartig im regennassen Pflaster verstärkt - ist keine Minute vergangen. Glibbrige, gummiartige Handschuhe greifen nach meinem Kopf. Ob ich bewusstlos war, was wirklich schmerzt und - ob ich getrunken habe … Nein! Nein! Ich wiederhole es, nichts ist mir in diesem Moment unangenehmer, als zu einem oft nur verachteten Milieu zugehörig abgestempelt zu werden. Der Satz harkt sich fest in meinem Gedächtnis: Ich bin keiner von hier.

Aber wo endet dieses hier und wo beginnt jetzt noch mein dort, wo ich herkomme - so verdreckt, aufgeweicht, mit Blut beschmiert mein Gesicht, Hände und Sachen sind? Als ich in den Krankenwagen steige, denke ich ein zweites Mal: Warum heute? Immer trage ich schwarz, warum heute khakifarbene Hose, Jacke, Shirt? Jeder Fleck darauf erniedrigt mich. Sich dagegen aufzubäumen hilft aber wohl auch, scheint mir, die Schmerzen zu ertragen.

Bevor sich die Tür des Wagens schließt, sehe ich die dunklen Augen meiner Hündin. Ich kenne diesen Blick des verständnislos Zurückgelassenwerdens. Irgendwer hat Feli an einen Baum gebunden.

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Noch 24 Stunden …

Montag, August 13th, 2007

Endlich geht es weiter - nach über sieben Wochen, in denen an dieser Stelle nichts zu lesen war. Weil manchmal in unserem Leben Dinge passieren, mit denen wir nie und nimmer rechnen: dass es uns selbst irgendwann erwischen könnte. Dass wir herausgerissen werden, aus dem, was wir, täglichem Gleichlauf verfallen, tun. Plötzlich besteht Leben nur noch aus scheinbar unwichtigen Erinnerungsfetzen: das knirschende Geräusch und der fade Geschmack kleiner Kieselsteine im Mund, das Blaulicht noch weit hinter der Kreuzung, das plötzlich einem selbst gelten soll, die fremden Hände in glibbrigen Schutzhandschuhen, die einen erstversorgen, sich fürsorglich kümmern und doch kalt bleiben. 

Acht Tage werden sich hier auf diesen Seiten so abspulen, wie damals geschehen. Leben nachbereitet als Blog - vielleicht nicht wirklich aktuell, nicht wirklich dem Verlangen von Lesern genügend, teilhaben zu können am tatsächlichen Leben des Anderen. Eher altmodisch rückbesinnend geschrieben und Tagebuch führend über Dinge, die in wenigen Wochen seit Ende Juni längst von Aktuellem überholt wurden. Vielleicht entspricht dieses “Schreiben, das nur Altes hervorkramt und also nur vortäuscht, es wäre eben erst passiert” nicht ganz dem vermeintlichen Idealzustand des öffentlichen Schreibens, dem wohl jeder Blogger nachhechelt: im sekundenkurzen Moment des Erlebens schon darüber schreiben und andere teilhaben lassen zu können. Und dennoch wäre es den Versuch wert: soll sich doch in den kommenden acht Tagen die moderne Art des öffentlich Dokumentierens verbinden mit der alten, aber erprobten Art des bloßen Erzählens von einer Begebenheit … 

Alles begann an einem jener verregneten Sommertage in diesem Jahr … an einem Dienstagabend Ende Juni. Ab morgen, kurz vor 19 Uhr, wird in diesen Texten noch einmal passieren, was war …

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