eingeliefert - ausgeliefert

Es ist Dienstag, der 26 Juni, 20:15 Uhr - Ich bin fremden Blicken ausgeliefert. Seit über einer Stunde. Der kalte Gang der Rettungsstelle im Klinkum. Stuhlreihen an den Wänden. Ehepaare, alt und jung, Mütter mit Kindern, Männer mittleren Alters. Alles sitzt an diesem Abend und wartet. Niemandem ist sein Schmerz, seine Verletzung anzusehen und so starren alle auf mich: zerissen, blutverschmiert, dreckig, das Gesicht geschwollen, Auge und Schläfe blutunterlaufen. Ich weiß nicht, wie ich sitzen soll und versuche doch Haltung zu wahren. Mehr als mein eigener Schmerz schmerzt mich wieder einmal, dem Mißverständnis Fremder, Starrender ausgeliefert zu sein. Dass man mich für jemand hält, der ich nicht sein will. Dies ist ein Gefühl, dass ich in all den nächsten Tagen nicht loswerden werde, wie ich Wochen später feststelle. Mein Unmut wächst, ich möchte aufstehen und mitten im Gang, auf einem Stuhl über allen stehend, klarstellen: Ich bin nicht betrunken! Ich habe nicht geprügelt! Ich bin nicht OWF! *

Ich stehe auf, laufe umher, verkrieche mit in einer Ecke, die von den übrigen Wartenden nicht eingesehen werden kann. Ich telefoniere mit meinem besten Freund (Er kümmert sich um meinen Hund), mit meiner Mutter ein paar hundert Kilometer entfernt (Ich beruhige sie, sie möge sich nicht in den Zug setzen und kommen.), mit meinem Assistenten (Ich weiß, er wird tun, was nötig ist, um das Projekt weiterlaufen zu lassen). Und ich wähle den Notruf der Polizei, denn mir wird langsam klar, dass Probleme auf mich zukommen könnten. Ich bitte den Beamten am Telefon um Hilfe, man möge am Ort des Geschehens, jenem Trinkerpavillion, mögliche Personalien feststellen. Der Beamte sichert mir zu, sofort jemanden auf den Weg zu schicken. Genau das aber passiert nicht, wie ich später erfahre …  

(*ohne festen Wohnsitz)

  

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