Ende eines langen Tages
Es ist Dienstag, der 26. Juni, 23:10 Uhr - Endlich. Ich liege in einem Bett, fremd zwar, aber ich kann ausruhen. Für die beiden anderen in diesem 3-Bett-Zimmer ist die spätabendliche Notbelegung wohl nicht mehr als eine kurze Störung im abendlichen TV-Programm. Ich staune: Fernseher?! Dreißig lange Jahre lag ich nicht mehr in einem Krankenhaus.
Ein jungscher Typ - gerade einmal zwanzig, wie ich schätze - fragt ungehemmt, was passiert sei. Er duzt mich. Ich bin zunächst irritiert. Über 25 Jahre liegen zwischen uns, aber es macht mir klar: hier sind wir alle nur Patienten, die dem Wohlwollen allein von Nichtpatienten ausgeliefert sind. Das verbindet und verbündet. Es ist das erste Mal an diesem Abend, dass ich grinsen muss. Du bist nichts sage ich mir. Und so passiert es: am nächsten Morgen schlurfe ich - mit der Gelassenheit eben dieses Satzes im Nacken, barfuß und im wehenden, viel zu kurzen, weißen Nachthemd durch die Krankenhausgänge … Nichts kann mich daran hindern. Als Einer, der übers Kuckucksnest flog …
An diesem Abend aber habe ich, was ich brauche: ein Glas Tee und ein Telefon. Unter der Decke versteckt, simse ich. Dieses in Kontakt bleiben können, nimmt mir die Angst, ausgeschlossen, eingeschlossen zu sein. Auch das ist anders, als es 30 Jahre zuvor in einem Krankenhaus war. Und auch: die Schwester entschuldigt sich fast - immer wieder hätte sie nachts zum Blutdruckmessen zu kommen. Ich lasse es geduldig über mich ergehen, auch weil ich um eine Tablette gegen die Schmerzen gebeten habe …
Mag sein, dass die erhoffte Wirkung mich Minuten später gleichgültig macht. Als ich die Augen aufschlage, hocken zwei uniformierte Polzeibeamte vor meinem Bett. Eine Frau mittleren Alters erkundigt sich in gedämpfter Lautstärke, was passiert sei. Und sie entschuldigt sich, dass man erst jetzt - über 3 Stunden nach dem Notruf - den Hinweis erhalten habe, irgendwo Personalien feststellen zu müssen.
Nicht sehr kraftvoll erzähle ich, was passiert war. Die Frau wiegelt ab, dies sei wohl eher eine Sache fürs Ordnungsamt der Stadt, wenn ein Hund einem anderen Hund nachjage. Im selben Moment frage ich mich, was es zählt, verletzt im Krankenhaus zu liegen. Wie weit mag die Wahrnehmungsgrenze verschoben sein, wenn man täglich zu ähnlichen Fällen gerufen wird. Ich will an diesem Abend nicht diskutieren.