Am Tropf der Wirklichkeit
Heute ist Freitag, der 29. Juni, 21:00 Uhr - Ich habe eine erste Operation am Jochbein/bogen hinter mir. Alles läuft erstaunlich unkompliziert, routiniert, fast unspektakulär ab. Zwanzig Minuten zuvor habe ich jene berühmt-berüchtigte LMA-Tablette erhalten, dann werde ich in den OP geschoben. Mehrere Frauen - Ärztinnen, Schwestern, ich weiß es nicht - sind eifrig mit Vorbereitungen beschäftigt. Sie drehen mir den Rücken zu. Das Letzte was ich denke ist: wieso stehen eigentlich alle Türen offen, nichts ist abgeschottet, keine keimfreien Schleusen haben wir durchfahren - was auch immer ich mit meinen ausschließlich medial geprägten Vorstellungen eines OP-Saals verbinde.
In Wirklichkeit aber bin ich froh, dass jene Offenheit ist, weil es alle vorher immer wieder aufgeflackerten Gedanken nichtig macht: jene Angst vorm ungewollten Ende - was, wenn sich hinter mir die Türen für immer schließen, weil es während der OP Komplikationen geben würde?
Sekunden später interessiert mich keiner dieser absurden Gedanken mehr - denn da habe ich schon eine Spritze gesetzt und den Narkoseschlauch (oder war es der Beatmungsschlauch?) übergestülpt bekommen. Ich bin in einer anderen Welt …
Was dann geschieht, ist das eigentlich Faszinierende dieses Tages: ihre Informationspflicht erfüllend, erklärten Ärzte mir vorab jeden kleinen Schritt eines solchen Eingriffs. Detailliert konnte ich im Voraus erleben - angereichert mit den Bildern eigener Phantasie - was passieren würde: die Haken die man von mehreren Seiten durch Wange und Schläfe führen würde, um die niedergedrückten Knochenteile zurück in ihre angestammte Position zu ziehen. Risiken - Chancen - Komplikationen … - Dann aber, wenn alles wirklich passiert, wenn diese vorabgedachten Prozeduren tatsächlich stattfinden, bleibt man - hilflos, narkotisiert unterm Messer liegend - von den Vorgängen ausgeschlossen. Das gibt es so sonst vielleicht nur in ähnlichen Vorgängen, wie dem des Schreibens: vorab denken, durchleben, mit eigener Phantasie bereichern und am Ende aber, wenn das Vorabgedachte tatsächlich zum Leben erweckt wird - sei es durch die Phantasie eines Lesers oder durch die realen Inszenierungen eines verfilmten Drehbuchs - ist man als Autor von diesen erweckten Phantasien ausgeschlossen.
Egal - das Leben geht weiter. Keine halbe Stunde dauert der Eingriff, noch eine halbe Stunde am Tropf, eine Stunde später stehen die ersten Freunde an meinem Bett, ich bin erleichter - es geht also weiter: ich bin zurück in der wirklichen Welt.