Archive for Februar, 2008

Der Osten ein Volk von Ex-Mördern?

Montag, Februar 25th, 2008

Junge, Junge (Mädchen, Mädchen) …. da zieht  offensichtlich jemand vom Leder, um nicht zu sagen: Er zieht blank. Ein amtierender Ministerpräsident eines Bundeslandes soll allen Ernstes (was zu erwarten wäre) behauptet haben - die in letzter Zeit häufigen Fälle von Kindstötungen in den neuen Bundesländern seien Folge von so etwas wie Ost-Mentalität. So kann man im Weltweitnetz lesen: Kindsmord habe zur Familienplanung in der ehemaligen DDR gehört.

Da diese Meldung offensichtlich wirklich stimmt: Bestand der ganze Osten quasi aus kriminellem, asozialem, unmenschlichem Pack. Oder wie?

Nun sollte man, von wem auch immer - durchaus also auch von einem Ex-Gynäkologen, aufgestiegen zum Nachwende- und Spitzenpolitiker - vermuten, er weiß, wovon er spricht. Aber - wie immer - verliert Politik ihre Glaubwürdigkeit in der Verkürzung auf vermeintlich schlagkräftige Aussagen.

Das ist das Dilemma dieser Zeit: Hau den Lukas gilt als das Gebot der Stunde. Wer am kräftigsten und am lautesten zuschlägt und also auf sich aufmerksam macht, bleibt im Gespräch. Wer still nachdenkt und schweigend reflektiert, wird geschlagen … Aber immer gleicht sich das Spiel: Die Karawane, der Zirkus, der Rummel ziehen weiter. Und der eben noch für seine Kraftmeierei bejubelte Provinzkönig zählt am nächsten Spielort nichts mehr. Da schreit und schlägt sich der nächste Heinz die Seele aus dem Leib …

(überarbeitet)

“Allen Gewalten zum Trutz …” - am “Tag der Muttersprache”

Donnerstag, Februar 21st, 2008

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An manchen Tagen in jenen, vor dem Geschäft meines Buchhändlers stehenden Pappkartons mit antiquarischen Büchern kramend, finde ich dort heute ein kleines Reclame-Bändchen von  Tschingis Aitmatow, Die Richtstatt aus dem Jahr 1988. Für einen Euro beschließe ich das Büchlein mitzunehmen, auch weil ich wieder einmal vergessen habe, dass sich natürlich eine andere Ausgabe längst zwischen den Bücherreihen in meinem Arbeitszimmer befindet und ich dieses Buch natürlich auch längst - vor etlichen Jahren - schon einmal gelesen hatte.
Was mich meine Zweifel beim Durchblättern aber so schnell vergessen ließ, war ein Foto, das zwischen den Seiten steckte: das unscharfe, schwarz-weiße Bild eines kleinen Jungen - der Kleidung nach wohl irgendwann Ende der 80er/Anfang der 90er Jahre aufgenommen. Für einen Moment stand ich vor der Buchhandlung und rätselte mit fast kriminalistischem Spürsinn: Zu welcher Zeit entstanden denn Fotos überhaupt noch in Schwarz-Weiß? Wann machte man noch Abzüge auf Papier und nicht nur digitale Kopien? Gab es jene Patchwork-Kinderjacken vor langer Zeit eher im Osten oder eher im Westen? Und gab es solches geriffeltes Fotopapier sowieso niemals in der DDR?
Als ich das Bild umdrehe, auf der Suche nach einer Jahreszahl, irgendeiner Notiz, die Klarheit schaffen könnte, finde ich dort nur den mit Bleistift geschriebenen Satz: Allen Gewalten zum Trutz sich erhalten … Göthe
Das Zitat nicht kennend und zweifelnd, ob nicht wohl eher der gute, alte Goethe gemeint sei, googel … (nicht sehr deutsch dieses Wort, ausgerechnet am Internationalen Tag der  Muttersprache, aber immerhin steht das Wort neuerdings ja hoch offiziell im Duden, der deutschen Rechtschreibung) … ich googel also den Text ungeduldig auf meinem Handy und erfahre so, dass das Zitat tatsächlich von Johann Wolfgang Goethe stammt, aus seinem 1777 erschienenen Singspiel Lila.  Und dass es Bedeutung unter anderem auch dadurch erlangte, dass es Hans Scholl, Widerstandskämpfer der Weißen Rose, kurz vor seiner Hinrichtung an die Wand seiner Gefangenenzelle geschrieben haben soll.

Der alte Goethe wird es verkraften, dass man seinen Vers mit Göthe unterschrieb. Ich aber stecke das Foto ein und finde, es ist eine angemessene Erwerbung am “Tag der Muttersprache”. So kann ich ganz gut damit leben, wieder einmal ein Buch doppelt gekauft zu haben …   

Der Absturz … X+7, Die Ballade von John Meynard

Donnerstag, Februar 21st, 2008

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Ganze zehn Sekunden (sagt n-tv.de) bleiben also: ein minimales Zeitfenster, um zielgenau die Rakete auf Trefferkurs zu bringen. Das Schiff, von dem sie aus starten wird, heisst übrigens USS Lake Erie. Benannt wohl nach jenem Lake Erie - einem der fünf größten Seen Nordamerikas, an dem ausgerechnet auch die Ballade eines deutschen Schriftstellers spielt: John Meynard von Theodor Fontane. Sie erzählt von der wahren Begebenheit eines havarierenden Schiffes auf eben jenem See in der Mitte des 19. Jahrhunderts, von den unzähligen Toten, aber vor allem auch dem heroischen Kampf eines Steuermanns - John Meynard - der sein Leben opferte, um anderen Menschen zu helfen und das Schiff zurück an rettendes Land manövrierte. Jedenfalls in der Ballade Fontanes.

Was für ein heroischer Auftritt, dem heutigen Anlass angemessen - was für ein patriotischer Zufall, eben jenem Kriegsschiff Lake Erie den finalen Rettungsschuss auf einen uns bedrohenden - weil absturzgefährdeten - Satelliten zuzubilligen. Und wir Deutsche sind mal wieder mittendrin, jedefalls indirekt und dank Theodor Fontane, der es schon irgendwie immer geahnt haben muss, wie wichtig diese Geschichte einmal werden würde. In Wirklichkeit hieß John Meynard übrigens Luther Fuller, und er überlebte seine heroische Heldentat nur um den Preis, später dem Alkohol zu verfallen und als Trinker, dem Vernehmen nach, in einem Armenhaus gestorben zu sein. (Informationen von wikipedia.de - mehr zu den Hintergründen gibt’s dort nachzulesen:   www.wikipedia.de

Mondfinsternis … oder bloß Finsternis?

Donnerstag, Februar 21st, 2008

Geduldet unter diesem Mond?    mehr

mond01-20080220.jpg   Foto aufgenommen heute Abend, 22:42 Uhr

Der Absturz … X+7

Mittwoch, Februar 20th, 2008

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Nun soll es also bereits in dieser Nacht geschehen: Der trudelnde Satellit soll abgeschossen werden, um kontrolliert zu verglühen. Und wenn es misslingt? Bleibt noch ein zweiter Versuch, ein dritter, ein vierter? Oder heißt es dann: hoffen, dass es andere trifft und dieses Monster von Technik anderen auf den Kopf fällt?

20060807-017.jpg 

Auch wenn die Wahrscheinlichkeit gegen Null geht, sich beim Absturz des Metallkolosses tatsächlich zur falschen Zeit am falschen Ort zu befinden, wäre jetzt noch die Zeit, das Wichtigste zu erledigen. Was aber wäre das in solch einem letzten Moment, den man glaubt nachempfinden zu können aus unzähligen Katastrophenfilmen, die jene Weltuntergangsstimmung - oft schlecht genug - immer wieder verbreiteten? Was, wenn es irgendwann tatsächlich so phantasiereich oder ähnlich passieren würde?

Würde man dann doch noch einen letzten Versuch wagen und ein Ticket nach Kanada buchen, um die dort seit der Trennung lebende Ex-Freundin zu treffen? Einen letzten Versuch also unternehmen, um Ungeklärtes zu bereinigen, um klarzustellen, dass man doch immer gehofft hatte, alles würde noch einmal von vorne beginnen können? Würden uns in einem solchen letzten Moment - in der Gewissheit, nur noch wenige Tage zu bleiben - alle nur erdenklichen Versprechen leichtfertig, weil danach doch nicht mehr nachprüfbar, über die Lippen gehen: vom Verlangen nach Harmonie und Zweisamkeit und Toleranz und Verständnis? Würden wir alles daran setzen, um in Harmonie diese Welt zu verlassen? Oder würden wir erbittert bis zur letzten Sekunde aussprechen, was wir jahrlang sowieso nur in uns hineingefressen hatten - immer auf den letzten, großen Tag der Abrechnung hoffend, der ja nun - so es uns treffen würde - gekommen zu sein scheint?

Wofür mag man sich denn nun in einem solchen - angenommenen - letzten Moment entscheiden: für Ausgleich oder Konfrontation, für Rechthaberei oder Nachsicht, für Abrechnung oder für Vergebung? Und wie würde sich bei allem die ehemalige Freundin, Frau, Geliebte verhalten … ? Egal, was man sich vornimmt, es blieben also selbst in jenem letzten Moment jede Menge Unwägbarkeiten, von uns nicht bestimmbar. 

Soll es also laufen, wie es läuft, soll also kommen, was kommt …  X+7 bleiben, sofern der Abschuss in dieser Nacht misslingt.

Der Absturz … X+8

Dienstag, Februar 19th, 2008

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Er scheint unvermeidbar: jener amerikanische Satellit, den es unweigerlich zurück zu uns auf die Erde zieht, außer Kontrolle geraten und uns selbst demütigend in der Ohnmächtigkeit, die Geister, die wir (die sie, um genau zu sein …) beschworen, nicht mehr los zu werden. Was wird passieren, wenn in ein paar Tagen 2.500 kg verseuchtes Metall irgendwo auf dieser Erde aufschlagen, weil letzte Rettungsversuche, den trudelnden Satelliten mit einer Rakete von Bord eines Kriegsschiffes aus abzuschießen, fehlschlagen würden?

Ich lese vor ein paar Minuten, jener unheilvolle Koloss überquert täglich die Schweiz. Wer aber kann das noch wissen, wo doch alles außer Kontrolle geraten ist? Und wer kann mit Bestimmheit ausschließen, dass er nicht auch den einen oder anderen Schlenker Richtung Berlin trudelt? Wen wird es treffen? In wessen Vorgarten werden, wenn es passiert sein wird, vollschutzummantelte Gestalten mit der Dekontaminierung beginnen, weil die größte Gefahr von hochgiftigem Treibstoff ausgeht?

Und wie lebt es sich die verbleibenden Tage mit der Ahnung, zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort gewesen sein zu können, wenn das Monster irgendwann zu Boden gekracht sein wird. Was wird in den verbleibenden Tagen wichtig? X+8, acht Tage sollen noch bleiben, um die Gefahr zu bannen. Acht Tage, um Klarheit zu schaffen - die da draußen und ich hier bei mir … Koyannisquatsi.

Die Moral stirbt immer backstage

Montag, Februar 18th, 2008

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Alles begann vor zwei Tagen, Sonnabendnachmittag. Beim Kramen in den Auslagen einer Buchhandlung entdecke ich die DVD eines Films von Andrej Konchalovsky: “Onkel Wanja”, nach dem Bühnenstück von Anton Tschechow. Für einen Moment verzaubern mich die Szenenfotos, ziehen sie mich in jene typische Atmosphäre Tschechow’scher Stücke aus verfallenden Landgütern Russlands und ihrem - gegen den Staub der Abwesenheit - unter weißen, unbefleckten Tüchern verhüllten Mobiliar, aus blühenden Kirschgärten und Birkenhainen. Plötzlich bin ich gefangen von jenem Nichts, das bei Tschechow immer nur die Ruhe vor einer Explosion zu sein scheint.  

Die DVD lasse ich stecken, aber am Abend will der Zufall es, dass eine fast 50 Jahre altes Hörspielfassung eben jenes “Onkel Wanjas” im Radio läuft. Ich bleibe hängen, lausche fasziniert und beschließe, mir am nächsten Morgen die Stücke von Tschechow erneut vorzunehmen. So verbringe ich den Sonntag und den darauf folgenden, verregneten Montag mit Anton Tschechow: Am Ende habe ich seine Theaterstücke “Der Kirschgarten”, “Drei Schwestern”, “Die Möwe” erneut gelesen, dazu ein gutes Dutzend Erzählungen. Irgendwie passt alles zu jenem Wetter draußen vor den Fenstern - ein fast lautloser Dunst, der Kälte und dem Nieselwetter trotzend, hat sich scheinbar über die Stadt gelegt, und er scheint jeglichen Lärm zu verschlucken.

Diese Stille erleichtert es mir, mich zwischen verfallenen Gutshöfen und zerbrechenden Gesellschaften, jener Zeit um 1900 herum also, zurechtzufinden. Immer schwingt eine Sehnsucht nach einem anderen Leben, nach besseren Zeiten und fernen Gegenden in den Figuren Tschechows mit, immer ist die Liebe unglücklich und der Traum von ”mehr Leben” die einzige Hoffnung. Immer heißt es, Abschied nehmen von vermeintlich friedlichen Orten der Kindheit, des Lebens und der Liebe und immer ist der lautlose Zerfall einer Gesellschaft, einer am Ende befindlichen Adelsklasse, deren beste Zeiten längst vorbei sind, das Beherrschende.

Und Tschechow, selbst immer auch dem Selbstzweifel unterliegend, dass seine Stücke notwendige Dramatik, oft Handlung, entbehren, lässt passend auch die Selbstötung eines Verzweifelten nicht auf offener Bühne, sondern eher nebenbei und dadurch umso gewaltiger, geschehen. Immer leben die Menschen neben sich, der Zeit und dem wirklichen Leben.

Am Ende dieses Tschechow’schen Wochenendes, aufgetaucht aus dessen ferner, irgendwie aber wohl nahen Welt, rätsele ich, was uns zu ganz bestimmten Zeiten für ganz bestimmte Empfindungen empfänglich macht. Warum greifen wir an einem ganz bestimmten Tag einen Packen verstaubter Bücher aus dem Regal und lassen uns von ihren Geschichten vereinnahmen.

Und plötzlich ist da ein Bild vor den Augen: ein fast quadratisches Haus, etwas zu groß für ein Landhaus, nicht wirklich russisch, aber irgendwie danach aussehend, umgeben von einem weiß-grün gestrichenen, mannshohen Holzlattenzaun. Eine trügerische Idylle - denn gleichzeitig drängen sich jene News-Bilder von letzter Woche auf: von beanzugten Zivilbeamten, die Kisten voller Akten aus diesem Haus tragen, von zwei noblen Luxuskarossen, deren Eleganz nur durch zwei aufgesetzte Blaulichter getrübt wird und von einem - wie es heisst: freiwillig zur Aussage über seine Steuergeschäfte - hinwegfahrenden Chef eines großen  Unternehmens.

Und plötzlich hat jenes, sich beim Lesen Tschechow’scher Stücke breit machende Gefühl von Zerfall, Ende einer Ära, Zerwürfnis einer Gesellschaft, vom Ende eines Glaubens an Moral, seine reale Entsprechung. Plötzlich ahnt man, was Tschechow aktuell macht: dass sich leise und unter dem Schutz scheinbar unbefleckter, weißer Tücher längst Werte zersetzen, die Grundfeiler gesellschaftlicher Existenz sein sollten.  

Berliner Verhältnisse

Donnerstag, Februar 14th, 2008

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Keine Stunde zuvor in meinem beschaulichen Potsdam in den Zug gestiegen, verlasse ich gegen Mittag den Bahnhof am Potsdamer Platz … Ich steige die Treppen hinauf ins laute, grelle Treiben des Molochs Großstadt - wissend, dass nichts, was mich gleich erwartet, vergleichbar wäre mit dem, was ich in Potsdam zurückgelassen habe … und bekomme doch mit einem Schlag um ein Vielfaches den Unterschied vor Augen “geknallt”: Fast mühsam schleppt man sich da die Stufen aus dieser - allein für sich schon überdimensionierten - Bahnhofshalle Potsdamer Platz empor, schält sich so langsam aus den, natürlich konsequent in Halbdunkel  gehaltenen, unterirdischen Bahnhofs- und Betonkatakomben, nur um gleich darauf umso mehr geblendet zu sein von den alles überragenden Glas-,Beton- und Stahlbauten der Weltkonzerne … Man ahnt, man rechnet förmlich - und erst recht an diesem himmelblauen, frühlingshaften Tag - damit, wie von den Erbauern geplant, von allem Gigantischen geblendet zu sein … Und dann ist der Schlag, der einen trifft, doch noch viel größer, als befürchtet: Angesichts der riesenhaften Plakate bleibt einem nichts, als als Mensch jeglichen Sinn für die eigene Größe zu verlieren …

Hättet ihr wohl gerne, denke ich bei mir, schieße - grinsend - jenes Foto im Vorbeigehen - aus der Hüfte, so wie ich es gerne habe - und laufe seelenruhig weiter. In ein paar Stunden fahre ich zurück in mein Potsdam und der ganze Spuk ist vorbei … Macht mal ruhig, ihr hier in Berlin …

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(Fotos: copyright Dietmar Haiduk 2008)

Zivilisierter, als gut wäre …

Mittwoch, Februar 6th, 2008



Während ich an diesem Abend am Rechner Suchdienst-Einträge zu meinem Namen und meinen Weblogs checke, landet unvermutet eine SMS auf meinem Handy. Ein Freund, Kameraassistent beim Film, meldet sich vom Set in Berlin. Ihm steht ein Nachtdreh irgendwo in diesem Großstadtmoloch bevor … Seine Nachricht verrät keine Details, keine mit unzureichender Handykamera aufgenommenen Bilder - nichts schickt er mir, was mir seine Zeit oder den Ort seines Aufenthaltes näherbringen könnte. Nur seine prophezeiende, in kurze Worte gefasste Enttäuschung: SIE ist mit IHM zusammen. Dazu gibts einen Gruß für mich und die Vertröstung auf spätere, detaillierte Berichte, irgendwann bei einem Bier.   

Mir aber bleibt nur, mir in meiner Phantasie auszumalen, wie es an diesem Abend dem Freund - seit Monaten vernarrt, wie ich weiß, in jene gut aussehende, manchmal wirre, immer aber amüsante und in jedem Fall erfolgreiche, junge Schauspielerin – wohl ergehen mag. Während er nun erst recht nicht mehr wahrgenommen wird im Schatten jenseits der alles trennenden Linie zwischen gleißendem Scheinwerferlicht und Dämmerlicht abseits der Kamera. Tag für Tag so nah dran am Objekt der Sehnsucht, der Begierde und doch ohne jede Chance. Eine moderne Mesalliance, jeden Drehtag neu .     

So sieht also Wirklichkeit 2008 aus? Was ein Freund im jetzigen Moment erlebt, was ihn bewegt oder bedrückt, werde ich – zeitversetzt - erst in ein paar Wochen, an einem Kneipentisch sitzend, aus seinen Erzählungen erfahren und, sofern ich dann noch will, ein weiteres Mal im allabendlichen Fernsehprogramm, Monate später, nacherleben können. SIE - zurechtgemacht, glitzernd, im gleißenden Licht.  Bis dahin aber und für diesen Moment bleiben mir nur Erlebnissplitter, vage Vermutungen und Ahnungen. Und wieder einmal spüre ich: Wir leben nach – jedenfalls in wichtigen Teilen unseres Alltags. Wir vertrösten uns gegenseitig auf später. Wir geben uns, statt mit einer Begebenheit, einem Erlebnis oder einer direkten Erfahrung, mit dem Bericht über diese Begebenheit, dieses Erlebnis, die Erfahrung anderer zufrieden: in Bildern, in Nachrichtenfetzen, in Zeitungsüberschriften, in geposteten Bloginfos. Wir erleben stellvertretend, zeitversetzt, später – aber immer weniger selbst und direkt.  

Leben aus zweiter Hand also. Und ich? Will ich etwas über mich selbst erfahren, klicke ich mich auf der Suche nach meinem Namen durch einen Internet-Suchdienst: Ranking, Klicks und Verlinkungen scheinen die Wirklichkeit abgelöst zu haben in der Bestimmung eigenen Wertes - und vor allem eigener Werte. Das ganze ist mindestens so skurril, wie vor einigen Jahren in einer europäischen Fernsehsendung geschehen. Auf die Frage - Was sei eigentlich Zivilisation? - soll der Kandidat geantwortet haben: Frühmorgens den Fernseher anzuschalten, statt das Fenster zu öffnen, um zu erfahren, wie das Wetter vorm Haus sei.  

So gesehen, bin ich zwar zivilisiert, aber wohl mehr, als mir lieb ist und vor allem mehr, als gut wäre.