Archive for the ‘Abriss Leben’ Category

Virtuelle Verarschung: 4. Dimension.

Dienstag, Dezember 23rd, 2008

Was für ein Leben, was für eine Zeit. Wir gewöhnen uns daran, virtuell zu sein. Wir suchen nach Nähe in einer Dimension, die es nicht wirklich gibt. Jene VIERTE scheint eine Dimension der Voraus-Ahnung, des Voraus-Lebens zu sein. Wir antizipieren Hoffnungen, wir füllen jenen engen Raum um uns herum mit Projektionen über das, was wir wünschen - allein schon froh über ein simples Flirren der Luft, das diese bewirken könnten: Endlich bewegt sich etwas in uns, mit uns, um uns herum. Fasziniert sind wir allein von einer schemenhaften Ahnung dessen, was noch sein könnte: Leben leben zu können, wie nie gelebt.

Manchmal treffen wir auf jenem Feldzug über - ja, sicher - unsichtbare, in jedem Fall aber unzählbar virtuelle Linien auf Menschen, die uns innehalten lassen. Konsterniert verharren wir, weil es sie wirklich zu geben scheint: Menschen aus Fleisch und Blut und also mit Sinn hinter hastig dahin geschriebenen Worten, mit Mut, Trauer, Schmerz. Vielleicht mit zerbrechlichen Beziehungen und nie für möglich gehaltenen Sehnsüchten, mit einem Hang zu eigentlich als vergänglich erachteten Beweisen von Liebe: verliebt - verlobt - verheiratet. Aber in jedem Fall staunen wir: Was für ein Wesen ist jener virtuelle Freund - neu, fremd, ungeahnt und Hunderte Kilometer entfernt lebend? Mit fast nieder drückender Präsenz und mit bisher nicht für möglich gehaltenen - am eigenen Ego kratzenden - Worten …

Konsterniert zwar, merken wir aber sehr schnell:  Wir brauchen genau dies. Denn wir suchen nicht nur nach dem, was uns bestätigt, wir suchen immer auch nach dem, was uns in Frage stellt: nach jenem, das einfach nur bezweifelt, was uns selbst seit jeher als unzweifelhaft erschien. Wir brauchen nicht wirklich die millionenfache Konturenlosigkeit eines Netzes. Wir brauchen Wahrhaftigkeit.

Also sind wir froh, denn wir haben gefunden, was uns in unserem dreidimensionalen Leben bisher unmöglich schien. Wir haben einen Freund gefunden, der einen braucht, der da ist, wenn man ihn braucht. Der sich meldet auf einen Klick hin. Vor allem: einen Freund, der kritisiert, ohne zu zögern. Das einzig Verwerfliche bleibt: Anonym kommt diese Kritik, schriftlich zwar, auch bildhaft. Nie aber wirklich. Nie hörbar. Nie im Moment der Wahrnehmung widersprechbar. Nie einen wirklichen Diskurs ermöglichend, immer nur Rechtfertigung ermöglichend. Nie mehr, als  nachgereichte Erklärungen ermöglichend: Nein, so war es nie gemeint! Nein, so habe ich es nicht gewollt! Nein, so sollte es nie verstanden werden! -  Rechtfertigungen also, die einen selbst immer nur in den Erklärungsnotstand zwingen. Spätestens jetzt bleibt die erhoffte Wirklichkeit scheinbar, virtuell und will als solche begriffen werden.

Dies endlich annehmend, fügen wir uns irgendwann: Es gibt keinen Weg. Die 4. Dimension bleibt jenseits aller dritten.

Was wir erleiden, erleiden allein wir. Hier und jetzt. Dessen Stimme wir nicht hören, dessen Körper wir nicht riechen, dessen Flackern der Augen wir nicht sehen, dessen erhabenes “in-sich-selbst-seien” wir nicht spüren, ist nicht wahrhaftig.

Wir anerkennen, dass es Grenzen gibt. Wir sind austauschbar, wegklickbar. Wir sind nichts als 4. Dimension. Aber wir hoffen, wir träumen und wir sehnen uns weiter nach jenem - einen - Freund. Unsere ewige Voraus-Ahnung: Wir könnten Freunde werden. Mit uns und der Welt.

Von Eifersucht und dem Selbstverständnis der Männer

Donnerstag, Juni 12th, 2008

Frauen. Manchmal hängen sie uns Männern wie ein Klotz am Bein. Oft aber hängen auch wir an ihnen. Verlassen sie uns dann irgendwann, rennen wir ihnen hinterher aus verletztem Stolz, den wir – dabei ertappt, von jeglicher Liebe zu dieser Frau nicht lassen zu können – nur allzu gern als Eifersucht ausgeben. Denn diese Eifersucht scheint uns weniger beschämend und unser männliches Selbstverständnis weniger beschädigen zu können, als das Eingeständnis von verletztem Stolz. Eifersucht verlangt immer mindestens zwei Seiten, wie ich damals begriff: den Eifersüchtigen, aber auch das Objekt der Eifersucht – jenen gehassten dritten Mann also, auf den sich fortan alle Wut konzentriert. Dieser Verweis auf einen anderen Schuldigen – unseren Nebenbuhler – scheint es uns leichter zu machen, mit einer aus den Fugen geratenen Situation zu leben. So lassen wir uns gern in Eifersucht umschmeicheln, denn erst diese gibt uns die Chance, einem anderen als uns selbst die Schuld am Leiden unserer Liebe zu geben. Auf dass nicht wir es sind, dem Vorwürfe zu machen wären. So - frei gekommen von der Schuld am Vergehen eigener Liebe - stilisieren wir uns sehr schnell zu Opfern einer dritten Macht: jenes fremden Liebhabers. Wir wären sogar bereit, einen Eid darauf zu schwören, frei von jeglicher Schuld am Dilemma unserer Beziehung zu sein – schließlich hätten wir unsere Frau oder Freundin wirklich gern noch auf Jahre geliebt … Sagen wir, weil uns nichts besseres mehr einfällt. (…)

(Leseprobe aus: ABRISS LEBEN, Dietmar Haiduk/Roman, unveröffentlicht)  Text: Dietmar Haiduk

Hören: Myk Jung

Dienstag, Mai 6th, 2008

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Sich einhören auf SCHEMENTHEMEN am 22. Mai 2008 im Rahmen der Archivnacht Potsdam: Musik von Myk Jung - melancholisch, tiefsinnig, schaudernd - gibts hier zu hören. Mehr von Dietmar Haiduk gibts hier   

Geliftet: Himmel über Potsdam

Samstag, Juni 9th, 2007

Den Blog Himmel über Potsdam gibts ab jetzt in neuer Verpackung … - Und hier noch mal alle Blogs und Webseiten von mir auf einen Blick:

Wem nützt es?

Dienstag, Juni 5th, 2007

Die Absurdität dessen, was in und um Rostock passierte und passiert, liegt nicht in der unzweifelhaften Brutalität - die ist verachtenswert, von welcher Seite auch immer. Die Absurdität scheint in der völligen Verschiebung von bisherigen Wahrnehmungsmustern zu liegen: Da wird ein Steinewerfer zu zehn Monaten Haft ohne Bewährung verurteilt, während selbst die Tötung eines Menschen in diesem Land mitunter haftfrei bleibt. Da versprühen als Clowns - dem Inbegriff des Amüsements - verkleidete Demonstrationsteilnehmer Chemikalien gegen Polizisten. Ein Mitorganisator des sogenannten autonomen Blocks - wie es heißt - gibt ausgerechnet in dem doch eher szeneuntypischen Gesellschaftsmagazin Vanity Fair ein Interview und bekennt sich schuldig an der Gewalt, während Attac-Vertreter sich dafür entschuldigen, das Gewaltpotential unterschätzt zu haben. Eine in Berlin erfolgreiche Deeskalation der Polizei soll plötzlich nichts mehr bringen und wer Schwarz trägt setzt sich der Gefahr aus, zum Linksextremen stigmatisiert zu werden …

Was stimmt noch? Was ist spekulativ, was tendenziös, was taktisch? Wirklichkeit scheint längst nicht mehr zu sein, was wahr ist, sondern was spekuliert wird. Was aber am Ende, wenn diese Tage lange vorbei sind, zurückbleiben dürfte, wird eine Atmosphäre der Unberechenbarkeit, der Verunsicherung und der Verschiebungen von beurteilungsfähigen Wahrnehmungen sein.

Wenn man die öffentliche Diskussion verfolgt scheint es, als würden bereits jene sprichwörtlichen Karten neu gemischt: für neue Ausrüstungen und Vorgehensweisen, um Herr solcher Lagen zu werden, für eine zurechtgestutzte Sicht auf gerade jetzt stärker in die öffentliche Wahrnehmung drängende Organisationen, wie Attac, oder für ein Zurückdrängen allzu großer Nähe kirchlicher Organisationen zu Globalisierungsgegnern, wie vereinzelt von Politikern bereits gefordert.  Für neue Feindbilder also, härteres Durchgreifen, größere Intoleranz, härtere Grabenkämpfe und nicht zuletzt für die unausweichliche Profilierung aller Seiten.

Aber was, wenn all das kein Zufall ist? Und was, wenn am Ende die wichtigste Frage aller dramatischen Zuspitzung - egal ob in der Realität des Lebens oder in ihrer Interpretation (auch in Literatur zum Beispiel) - nämlich die Frage nach dem Motiv des ganzen Geschehens, auch hier entscheidet, mit welchen Szenen und überraschenden Wendungen wir in den nächsten Tagen, nächsten Monaten und Jahren konfrontiert werden? 

Wer hat ein Motiv zu solch massiven Wahrnehmungsverschiebungen? Die alte Frage lautet: Wem nützt es, was in diesen Tagen in diesem Land passiert? Und man kommt ins Grübeln, ob die Geschichten eigener Fantasie - wie im fast fertigen Roman Abriss Leben - der Wirklichkeit überhaupt noch angemessen sind …

Wirklichkeit

Montag, Juni 4th, 2007

Es ist geschafft und aus den Ideen zu Mein Sommer mit Marleen ist tatsächlich ein fühlbares, lesbares Buch geworden. Noch wird es einige Zeit brauchen, bis es richtig beworben wird. Erst im September, zusammen mit Abriss Leben und Zimmer der Tränen, schließlich ist alles mit einem enormen organisatorischen und finanziellen Aufwand verbunden, so dass es besser ist, alles zu bündeln. mehr

Punker Leben - Abriss Leben

Mittwoch, Mai 30th, 2007

Autor: Dietmar Haiduk  

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Die Arbeit am Roman Abriss Leben nähert sich dem Ende …

Manchmal haben Menschen mein Leben berührt, die viele andere nur vom Wegsehen kennen: Schnorrer, Punks. Unter ihnen D., Schmuddelpunk und hoch intelligent. Ein wildes Kind, inmitten einer Großstadt, das in einem Abrisshaus lebte, fünfzehn Bier am Tag soff und wohl alle Drogen nahm, die es gibt und das, als ich es kennenlernte, das Reden verlernt hatte. Dem man sekundenlang gegenübersitzen und sehen konnte, wie seine Lippen versuchten, Worte zu finden. Das am Ende doch mit einer Handbewegung den Tisch vor sich leer fegte, um mit der Stirn auf die Holzplatte zu schlagen, weil es das, was es sagen wollte, nicht mehr anders aus seinem Kopf herausbekam.  >mehr