Archive for the ‘Tagebuch’ Category

200 Jahre “Faust”

Montag, März 24th, 2008

Genau vor 200 Jahren zu Ostern erschien Goethe’s Faust. Das waren bisher 200 Jahre Osterspaziergang, 200 Jahre Hoffnung auf Vom Eise befreit … Was aber erleben wir draußen in diesen Tagen? Nichs, als die nüchterne Erkenntnis, dass selbst nach einer solch langen Zeit nichts besser sein muss, als früher … Dass Menschen auf Ewigkeit wohl nichts anderes übrigbleibt, als zu hoffen - auch in dem, was längst als sicher gilt. Auch in den simpelsten Dingen: dass Ostern Frühling wäre, Frühling Aufbruch und Aufbruch ein Neuanfang …

Stattdessen lastet in diesem Jahr alles Alte, Muffige, Niederdrückende vergangener Monate wohl noch einige Zeit auf uns … und nervt.

Am Tropf der Wirklichkeit

Freitag, August 17th, 2007

Heute ist Freitag, der 29. Juni, 21:00 Uhr - Ich habe eine erste Operation am Jochbein/bogen hinter mir. Alles läuft  erstaunlich unkompliziert, routiniert, fast unspektakulär ab. Zwanzig Minuten zuvor habe ich jene berühmt-berüchtigte LMA-Tablette erhalten, dann werde ich in den OP geschoben. Mehrere Frauen - Ärztinnen, Schwestern, ich weiß es nicht - sind eifrig mit Vorbereitungen beschäftigt. Sie drehen mir den Rücken zu. Das Letzte was ich denke ist: wieso stehen eigentlich alle Türen offen, nichts ist abgeschottet, keine keimfreien Schleusen haben wir durchfahren - was auch immer ich mit meinen ausschließlich medial geprägten Vorstellungen eines OP-Saals verbinde.  

In Wirklichkeit aber bin ich froh, dass jene Offenheit ist, weil es alle vorher immer wieder aufgeflackerten Gedanken nichtig macht: jene Angst vorm ungewollten Ende - was, wenn sich hinter mir die Türen für immer schließen, weil es während der OP Komplikationen geben würde? 

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Sekunden später interessiert mich keiner dieser absurden Gedanken mehr - denn da habe ich schon eine Spritze gesetzt und den Narkoseschlauch (oder war es der Beatmungsschlauch?) übergestülpt bekommen.  Ich bin in einer anderen Welt …

Was dann geschieht, ist das eigentlich Faszinierende dieses Tages: ihre Informationspflicht erfüllend, erklärten Ärzte mir vorab jeden kleinen Schritt eines solchen Eingriffs. Detailliert konnte ich im Voraus erleben - angereichert mit den Bildern eigener Phantasie - was passieren würde: die Haken die man von mehreren Seiten durch Wange und Schläfe führen würde, um die niedergedrückten Knochenteile zurück in ihre angestammte Position zu ziehen. Risiken - Chancen - Komplikationen … - Dann aber, wenn alles wirklich passiert, wenn diese vorabgedachten Prozeduren tatsächlich stattfinden, bleibt man - hilflos, narkotisiert unterm Messer liegend - von den Vorgängen ausgeschlossen.  Das gibt es so sonst vielleicht nur in ähnlichen Vorgängen, wie dem des Schreibens: vorab denken, durchleben, mit eigener Phantasie bereichern und am Ende aber, wenn das Vorabgedachte tatsächlich zum Leben erweckt wird - sei es durch die Phantasie eines Lesers oder durch die realen Inszenierungen eines verfilmten Drehbuchs - ist man als Autor von diesen erweckten Phantasien ausgeschlossen.

Egal - das Leben geht weiter. Keine halbe Stunde dauert der Eingriff, noch eine halbe Stunde am Tropf, eine Stunde später stehen die ersten Freunde an meinem Bett, ich bin erleichter - es geht also weiter: ich bin zurück in der wirklichen Welt.

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Mit Hoffnung allein hat das nichts zu tun …

Mittwoch, August 15th, 2007

Es ist Mittwoch, der 27. Juni, 20:45 - Ich liege regungslos auf meinem Krankenbett, dieser kleinen, geschützten Insel, die allein mir gehört. Diesmal nun steht diese Insel mitten im Gang der Augenklinik, ein paar Stationen höher gelegen. Ich warte, dass die diensthabende Ärztin mich untersucht … seit einer Stunde schon, mit einer Halskrause zur Bewegungslosigkeit verdammt.

Der Tag begann früh. Halb sechs … Ich habe schlecht geschlafen, eigentlich kaum, vor Schmerzen. Als das morgendliche Aufweck-, Reinigungs- und Aufmunterungskommando aus Schwestern, Pflegern und Zivis das Zimmer durchpflügt, bin ich froh, nicht länger liegen zu müssen. Aufrecht sitzen will ich und warten was passiert. Ich habe nichts: kein Zahnputzzeug, kein Handtuch, nichts zum Lesen, mein Handyakku ist leer, das Kabel fehlt. Ich bin nichts! amüsiere ich mich über mich selbst. Also beschließe ich, mich dem weißen Alltag auszuliefern und nehme, was ich bekomme, als gegeben. Das heisst an diesem Morgen aber auch: keinen streng ayurvedisch bereiteten Dinkelbrei, stattdessen lappriges Weißbrot mit Konfitüre, Streichwurst, Tee. Ich lasse mich bedienen und merke, dass es mir nichts nützt: der Kiefer schmerzt. Ich bleibe hungrig.  

Die alltägliche Viste der Handvoll Ärzte ist schnell durchstanden und bringt auch nichts. Zum ersten Mal höre ich, was ich bis zu meiner Entlassung hören werde: Sie sind hier falsch. Kein Fall für die Chirurgie, eher für die HNO. Na, dann schiebt mich doch hin! denke ich trotzig und bin doch froh, dass alle bis zum letzten Tag die Verlegung scheuen, denn ich beginne, mich mit meinem neuen Dasein zu arangieren. Ich will, dass mir vertraut wird, was mich umgibt. Eben das Beste aus allem machen. In 48 Stunden ist geschafft.

Gegen Mittag drohen aus diesen 48 Stunden dann plötzlich acht lange Wochen zu werden: Ein Arzt kommt herein, legt mir eine Halskrause um und sagt: Sie bewegen sich jetzt keinen Milimeter mehr, ihre Halswirbelsäule ist angebrochen. Einen Millimeter weiter und ich hätte den Sturz nicht überlebt. Der junge Arzt erklärt es mir - zeichnet es sogar auf, um es verständlicher zu machen. Ich aber kann es gar nicht sehen - meine Augen füllen sich längst mit Tränen. Als der Arzt - noch immer kopfschüttelnd, dass mein verhältnismäßig ungeschwollenes Gesicht an sieben Stellen gebrochen sein soll - das Zimmer verlässt, bleibe ich stundenlang regungslos zurück. Immer hoffend, jede unbedachte, ruckartige Bewegung vermeiden zu können, um nichts zu riskieren. Diese Halskrause lässt mir auch kaum eine Chance. Ich liege eingezwängt und starre an die Decke. Ich rechne mir aus, was es bedeuten wird - für den laufenden Vertrag, für die nächsten Monate, für die Arbeit, das eigene, ungehinderte Leben. Ud ich denke vorallem darüber nach, was - wenn wirklich das Schlimmste passiert wäre - ich in jenem letzten Moment gesehen, gedacht, gespürt habe.

Und so liege ich an diesem Abend noch immer, wenn auch inzwischen hin - und hergeschoben durch endlose Krankenhausgänge, nun also in der Augenklinik. Ich bin erstaunt, wie gelassen ich nach Stunden mittlerweile bin. Es setzt eine fast pragmatische Duldsamkeit ein: Es ist wie es ist, mach das Beste draus.

Das Beste in diesen Minuten aber ist, zum Nichtstun verdonnert zu sein und also lauschen zu können: den Geräuschen auf diesem Gang, den schlurfenden Schritten der vor allem alten Leute. Und dabei dringt unerwartet Amüsantes an mein Ohr, denn am Ende des Ganges sitzen vier alte Männer und reden und lachen über Politik des letzten Jahrhunderts. Jeder streitet für und gegen einen anderen Kopf der Geschichte: gegen Honecker, gegen Kohl. gegen Hitler, gegen Stalin. Man kann es sich nicht ausdenken, so skuril ist, was geschieht. Ich aber ahne, dass das Leben hier drinnen, ausgeliefert den ewig gleichen Abläufen eines Krankenhausbetriebes, nicht wirklich vom Leben draußen getrennt ist. Alles scheint nur irgendwie komprimierter, skuriler, offensichtlicher wahrnehmbar.

So hat auch der Abend seine logische Konsequenz: als ich spät, gegen halb elf, erneut zu einer Untersuchung meines Halses durch die mittlerweile abgedunkelten, stillen Gänge des Krankenhauses geschoben werde, bin ich beruhigt: die Ärzte geben sich nicht zufrieden, sie sind hartnäckig. Minuten später bin ich wieder zurück - eine Freundin hat mir endlich die benötigen Sachen gebracht, ich freue mich, weil Vertrautheit mich zu umgeben beginnt. Kurz darauf tritt der Stationsarzt an mein Bett und nimmt mir überraschend die Halskrause ab. Der Halswirbel ist gesund. Ich schließe die Augen. Ich will nicht noch einmal, dass mir Tränen hervorschießen. Dass ich bereits am nächsten Tag operiert werden soll, dass Augenhöhle, Jochbein, Kiefernhöhle und was sonst noch alles gebrochen sind, scheint mir plötzlich nichtig, ein geringes Übel. Denn das ist nun wirklich in zwei, drei Tagen durchstanden.

Mir geht durch Kopf, dass vor allem Überschaubarkeit uns unser Leben leicht macht. Dass es die Aussicht auf das Ende eines ungewollten, belastenden Zustandes ist, die uns über Unangenehmes hinwegkommen lässt. Das hat weniger mit Hoffnung zu tun, sondern mit der Gewissheit, dass Ungewolltes, Zwingendes seine Bedrohlichkeit verliert, wenn wir es einbetten in das Davor und Danach. Ich erinnere mich an ungeliebte Aufgaben, bedrückende Verpflichtungen: immer habe ich mehr von jener Zeit danach geträumt, in der alles vorbei sein würde, als dass ich mich von Naheliegendem niederdrücken lassen hätte. Vielleicht ist dieses dem eigenen Leben ein klitzekleines Stück Vorauszuleben der Grund, dass am Ende alles tatsächlich sehr viel problemloser verlaufen sein wird, als ich an diesem Abend noch vermute.    

Ende eines langen Tages

Dienstag, August 14th, 2007

Es ist Dienstag, der 26. Juni, 23:10 Uhr - Endlich. Ich liege in einem Bett, fremd zwar, aber ich kann ausruhen. Für die beiden anderen in diesem 3-Bett-Zimmer ist die spätabendliche Notbelegung wohl nicht mehr als eine kurze Störung im abendlichen TV-Programm. Ich staune: Fernseher?! Dreißig lange Jahre lag ich nicht mehr in einem Krankenhaus.  

Ein jungscher Typ - gerade einmal zwanzig, wie ich schätze - fragt ungehemmt, was passiert sei. Er duzt mich. Ich bin zunächst irritiert. Über 25 Jahre liegen zwischen uns, aber es macht mir klar: hier sind wir alle nur Patienten, die dem Wohlwollen allein von Nichtpatienten ausgeliefert sind. Das verbindet und verbündet. Es ist das erste Mal an diesem Abend, dass ich grinsen muss. Du bist nichts sage ich mir. Und so passiert es: am nächsten Morgen schlurfe ich - mit der Gelassenheit eben dieses Satzes im Nacken, barfuß und im wehenden, viel zu kurzen, weißen Nachthemd durch die Krankenhausgänge … Nichts kann mich daran hindern. Als Einer, der übers Kuckucksnest flog …

An diesem Abend aber habe ich, was ich brauche: ein Glas Tee und ein Telefon. Unter der Decke versteckt, simse ich. Dieses in Kontakt bleiben können, nimmt mir die Angst, ausgeschlossen, eingeschlossen zu sein. Auch das ist anders, als es 30 Jahre zuvor in einem Krankenhaus war. Und auch: die Schwester entschuldigt sich fast - immer wieder hätte sie nachts zum Blutdruckmessen zu kommen. Ich lasse es geduldig über mich ergehen, auch weil ich um eine Tablette gegen die Schmerzen gebeten habe …

Mag sein, dass die erhoffte Wirkung mich Minuten später gleichgültig macht. Als ich die Augen aufschlage, hocken zwei uniformierte Polzeibeamte vor meinem Bett. Eine Frau mittleren Alters erkundigt sich in gedämpfter Lautstärke, was passiert sei. Und sie entschuldigt sich, dass man erst jetzt - über 3 Stunden nach dem Notruf - den Hinweis erhalten habe, irgendwo Personalien feststellen zu müssen.

Nicht sehr kraftvoll erzähle ich, was passiert war. Die Frau wiegelt ab, dies sei wohl eher eine Sache fürs Ordnungsamt der Stadt, wenn ein Hund einem anderen Hund nachjage. Im selben Moment frage ich mich, was es zählt, verletzt im Krankenhaus zu liegen. Wie weit mag die Wahrnehmungsgrenze verschoben sein, wenn man täglich zu ähnlichen Fällen gerufen wird. Ich will an diesem Abend nicht diskutieren.

 

Trauma

Dienstag, August 14th, 2007

Es ist Dienstag, der 26. Juni, 21:25 Uhr - Endlich werde ich ins Behandlungszimmer der Rettungsstelle gerufen, nach über zwei Stunden des Wartens. Es folgt das Übliche: ich bekomme eine Thetanus-Impfung, die klaffende Wunde am Auge wird geklebt, eine 360 grd Aufnahme vom Kopf wird gemacht. Plötzlich freue ich mich: in einer viertel Stunde ist der lange Abend vorbei, ich bin Zuhause, dann heißt es schlafen, ausruhen, morgen geht alles weiter, wie geplant.

Falsch.

Der Arzt - freundlich, erklärend, geduldig, aber scheinbar unbeteiligt - stellt es mir frei. Ein Schädel-Hirn-Trauma hätte ich. Wenn ich gehen will, könne ich gehen - er aber würde mir empfehlen, 48 Stunden zur Beobachtung stationär aufgenommen zu bleiben. Ich willige ein, ohne lange zu überlegen.

So kraftlos hat mich - gewohnt, seit Jahren allein klarzukommen - alles gemacht, dass ich mich fremder Hilfe stelle. Auch das wird mich Wochen später noch immer überraschen: wie sehr wir unser Leben in Gedanken auch durchspielen mögen, um auf alles vorbereitet zu sein - wie sehr wir auch wichtige Lebensentscheidungen gern vorab als endgültig festlegen mögen - wenn es instinktiv andere Entscheidungen braucht, treffen wir diese, ohne zu zögern.  

Minuten später schiebt mich der Notarzt selbst die Krankenhausgänge entlang zur Station, von den Schwester dafür später belächelt. Aber vielleicht ist er doch nur nicht so unbeteiligt, wie es mir Minuten vorher schien - ahnt er vielleicht längst, was Ärzte erst am nächsten Tag überrascht feststellen werden: dass ich mir mehr als eine Gehirnerschütterung zugezogen habe - dass mein Gesicht an sieben Stellen gleichzeitig gebrochen ist?

eingeliefert - ausgeliefert

Dienstag, August 14th, 2007

Es ist Dienstag, der 26 Juni, 20:15 Uhr - Ich bin fremden Blicken ausgeliefert. Seit über einer Stunde. Der kalte Gang der Rettungsstelle im Klinkum. Stuhlreihen an den Wänden. Ehepaare, alt und jung, Mütter mit Kindern, Männer mittleren Alters. Alles sitzt an diesem Abend und wartet. Niemandem ist sein Schmerz, seine Verletzung anzusehen und so starren alle auf mich: zerissen, blutverschmiert, dreckig, das Gesicht geschwollen, Auge und Schläfe blutunterlaufen. Ich weiß nicht, wie ich sitzen soll und versuche doch Haltung zu wahren. Mehr als mein eigener Schmerz schmerzt mich wieder einmal, dem Mißverständnis Fremder, Starrender ausgeliefert zu sein. Dass man mich für jemand hält, der ich nicht sein will. Dies ist ein Gefühl, dass ich in all den nächsten Tagen nicht loswerden werde, wie ich Wochen später feststelle. Mein Unmut wächst, ich möchte aufstehen und mitten im Gang, auf einem Stuhl über allen stehend, klarstellen: Ich bin nicht betrunken! Ich habe nicht geprügelt! Ich bin nicht OWF! *

Ich stehe auf, laufe umher, verkrieche mit in einer Ecke, die von den übrigen Wartenden nicht eingesehen werden kann. Ich telefoniere mit meinem besten Freund (Er kümmert sich um meinen Hund), mit meiner Mutter ein paar hundert Kilometer entfernt (Ich beruhige sie, sie möge sich nicht in den Zug setzen und kommen.), mit meinem Assistenten (Ich weiß, er wird tun, was nötig ist, um das Projekt weiterlaufen zu lassen). Und ich wähle den Notruf der Polizei, denn mir wird langsam klar, dass Probleme auf mich zukommen könnten. Ich bitte den Beamten am Telefon um Hilfe, man möge am Ort des Geschehens, jenem Trinkerpavillion, mögliche Personalien feststellen. Der Beamte sichert mir zu, sofort jemanden auf den Weg zu schicken. Genau das aber passiert nicht, wie ich später erfahre …  

(*ohne festen Wohnsitz)

  

Im Dreck liegen

Dienstag, August 14th, 2007

Es ist Dienstag, der 26. Juni, 18:30 Uhr - Wie jeden Tag ist halb Sieben der Rechner runtergefahren, meine kleine, schwarze Hündin sitzt in Wartestellung an der Tür, überglücklich schwanzwedelnd, als es endlich losgeht. Ich hab keine Lust auf einen Spaziergang: es ist diesig, verregnet, die Wolken hängen tief. Ein Novemberabend im Hochsommer.

Wir drehen die allabendliche Runde. Nauener Tor, Bassinplatz, um die Wiesen, um den Friedhof. Eine merkwürdige Stimmung, der feine Regendunst, der sich zwischen den Sträuchern und Gräbern festzusetzen scheint. Bedrückend. Ich will weg aus dieser dunklen Ecke. Der weite Platz neben dem Friedhof, wohl auch einer dieser typischen preußischen Exerzierplätze aus vergangenen Jahrhunderten, schafft Raum. Das Kopfsteinpflaster glänzt im Regen und Licht der Autoscheinwerfer. Nie schließt die abendliche Hunderunden diesen Platz ein, nie wird er mit umrundet, also warum nicht … 

Später frage ich mich oft, warum an diesem Abend. Als mich diese Frage das erste Mal durchzuckt, liege ich am Boden. im feuchten Dreck dieses Platzes. Ungebremst aufgeschlagen mit dem flachen Gesicht. Das Letzte was ich sah, war dieser braune, gewaltige Hund, der meiner Hündin nachsetzen wollte - rücksichtslos mir beide Beine, die im Weg standen, wegschlagend. Geschrei von anderen, während ich merkwürdig stumm bleibe. Jedenfalls bleibt in den Bruchteilen eines solchen Geschehens wohl nur selten Zeit zur Wahrnehmung. Die Besitzerin bändigt nur mit Mühe ihr kampfhundähnliches Tier. Ich weiß nicht, ob ich benommen war oder noch bin. Ich rapple mich auf, sehe erst jetzt die ganze Szenerie: einer der Imbisspavillions am Platze, eine Gruppe der dort häufig Sitzenden und wohl auch häufig Trinkenden. Irgendwie sind alle aufgesprungen. Jemand reicht mir Zellstoff, Blut tropft mir von der Schläfe. Ich fühle mich erschlagen, hilflos, matt. Ich setze mich auf eine der Bierbänke. Ich merke, wie das angesammelte Regenwasser mir den Hosenboden durchnässt. Es ist mir egal. Die Schmerzen drücken. Innerhalb weniger Sekunden bin ich ein anderer: zerissen, verdreckt, blutend, inmitten bedrückend alkoholvernebelter Luft.

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Plötzlich macht mich die Hektik und die Aufmerksamkeit aller, die mich umstehen, stutzig. Ich spüre abgeschottet zu werden. Zuerst is es eben diese Wahrnehmung - und nicht die rationale Frage, wo und wer ist der Schuldige - die mich mich umdrehen lässt. Aber ich kann niemanden erkennen. Hunde und Besitzer sind verschwunden. Eine Stimme fragt, ob ich einen Arzt brauche. Ich wundere mich, wie bestimmt ich Ja sage, so Schwäche eingestehend.

Als ich das Blaulicht sehe - auch das kaleidoskopartig im regennassen Pflaster verstärkt - ist keine Minute vergangen. Glibbrige, gummiartige Handschuhe greifen nach meinem Kopf. Ob ich bewusstlos war, was wirklich schmerzt und - ob ich getrunken habe … Nein! Nein! Ich wiederhole es, nichts ist mir in diesem Moment unangenehmer, als zu einem oft nur verachteten Milieu zugehörig abgestempelt zu werden. Der Satz harkt sich fest in meinem Gedächtnis: Ich bin keiner von hier.

Aber wo endet dieses hier und wo beginnt jetzt noch mein dort, wo ich herkomme - so verdreckt, aufgeweicht, mit Blut beschmiert mein Gesicht, Hände und Sachen sind? Als ich in den Krankenwagen steige, denke ich ein zweites Mal: Warum heute? Immer trage ich schwarz, warum heute khakifarbene Hose, Jacke, Shirt? Jeder Fleck darauf erniedrigt mich. Sich dagegen aufzubäumen hilft aber wohl auch, scheint mir, die Schmerzen zu ertragen.

Bevor sich die Tür des Wagens schließt, sehe ich die dunklen Augen meiner Hündin. Ich kenne diesen Blick des verständnislos Zurückgelassenwerdens. Irgendwer hat Feli an einen Baum gebunden.

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Noch 24 Stunden …

Montag, August 13th, 2007

Endlich geht es weiter - nach über sieben Wochen, in denen an dieser Stelle nichts zu lesen war. Weil manchmal in unserem Leben Dinge passieren, mit denen wir nie und nimmer rechnen: dass es uns selbst irgendwann erwischen könnte. Dass wir herausgerissen werden, aus dem, was wir, täglichem Gleichlauf verfallen, tun. Plötzlich besteht Leben nur noch aus scheinbar unwichtigen Erinnerungsfetzen: das knirschende Geräusch und der fade Geschmack kleiner Kieselsteine im Mund, das Blaulicht noch weit hinter der Kreuzung, das plötzlich einem selbst gelten soll, die fremden Hände in glibbrigen Schutzhandschuhen, die einen erstversorgen, sich fürsorglich kümmern und doch kalt bleiben. 

Acht Tage werden sich hier auf diesen Seiten so abspulen, wie damals geschehen. Leben nachbereitet als Blog - vielleicht nicht wirklich aktuell, nicht wirklich dem Verlangen von Lesern genügend, teilhaben zu können am tatsächlichen Leben des Anderen. Eher altmodisch rückbesinnend geschrieben und Tagebuch führend über Dinge, die in wenigen Wochen seit Ende Juni längst von Aktuellem überholt wurden. Vielleicht entspricht dieses “Schreiben, das nur Altes hervorkramt und also nur vortäuscht, es wäre eben erst passiert” nicht ganz dem vermeintlichen Idealzustand des öffentlichen Schreibens, dem wohl jeder Blogger nachhechelt: im sekundenkurzen Moment des Erlebens schon darüber schreiben und andere teilhaben lassen zu können. Und dennoch wäre es den Versuch wert: soll sich doch in den kommenden acht Tagen die moderne Art des öffentlich Dokumentierens verbinden mit der alten, aber erprobten Art des bloßen Erzählens von einer Begebenheit … 

Alles begann an einem jener verregneten Sommertage in diesem Jahr … an einem Dienstagabend Ende Juni. Ab morgen, kurz vor 19 Uhr, wird in diesen Texten noch einmal passieren, was war …

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Leseprobe

Donnerstag, Juni 21st, 2007

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für P. für M. für C. und auch für G.

ich hab dich nie gesucht

und trotzdem gibt es dich

ich hab dich nie gewollt

und trotzdem brauch ich dich

ich hab dich nie erkannt

und trotzdem spür ich dich

ich hab mich oft versteckt

und trotzdem kennst du mich

du warst mir immer nah

hab trotzdem dich vermisst

ich hoffte ein leben lang

und hab dich nie geküsst

ich werd dich nie verlassen

und trotzdem wirst du gehen

ich werd dich immer halten

und trotzdem wirds geschehen

ich wünsch dir alles glück

und trotzdem nie genug

was sollt ich dir bedeuten

wo alle hoffnung ich begrub

ich hatte einen traum voll sehnsucht

und trotzdem ward mir kalt

nun starre ich nachts ins dunkle

und du du fehlst in allem

 

*** mehr Leseproben gibt es auf ProbeLesen.info

Vergänglichkeit

Samstag, Juni 16th, 2007

Meistens sind es ja die vermeintlich unscheinbaren Ereignisse, die uns verschreckt innehalten lassen. Weil wir plötzlich mehr in ihnen entdecken, als zu vermuten war -  manchmal wohl auch mehr, als gut ist. Mehr jedenfalls über die Puhdys, Roger Chapman und die Vergänglichkeit von 29 Jahren gibt es seit ein paar Minuten auf Himmel über Potsdam

Sonnabendabend

Samstag, Juni 16th, 2007

Die Angst, der Fülle an Büchern nicht hinterherlesen zu können. Die Befürchtung, all die Stapel auf Tischen, neben dem Bett und in den Regalen nicht schaffen zu können. Es fehlt einfach Zeit, sich nur darauf zu beschränken. Aber, was wäre das denn für ein Leben: nur aus zweiter Hand und gefiltert? In eine Welt zwischen ein paar hundert Seiten und zwei leinengebundenen Klappdeckeln abzutauchen - während vor meinem Fenster die johlenden, schon angetrunkenen Samstagabendhorden vorbeiziehen? 

Keine Frage, vor diese Entscheidung gestellt wäre mir ein Leben aus zweiter Hand dann doch lieber.

Habe mir heute endlich einmal das erste Buch aus der seit Jahren in meinem Regal stehenden 10bändigen Werkausgabe von Günter Grass vorgenommen. Irgendwann hatte ich die einem guten Freund abgekauft, der die Romane, Novellen, Gespräche und Essays allerdings so wenig gelesen haben muss, wie zuvor sein Vater, in dessen Nachlass mein Freund die - trotz der fast 15 Jahre immer noch erstaunlich ungefledderten - Paperbacks irgendwann vorgefunden hatte. Nun also liegen die Bücher auf meinem Tisch und ab heute Katz und Maus beim Lesen zwischen meinen Händen. Mehr dazu demnächst.

Relativitätstheorie & Mäuse

Dienstag, Juni 12th, 2007

Jahrelang dümpeln Texte vor sich hin - auf diesen kleinen, längst veralteten Disketten, auf diversen Festplatten diverser Rechner. Manchmal hat der eine oder andere dieser Texte es schon geschafft, sich auf Papier auszubreiten: ausgedruckt, um kurz danach irgendwo - vergilbt - zu enden. Ein Wort wie ein Name: kurze Texte, in der Tradition klassischer Haikus, meist gleichsilbrig 5 – 7 – 5. Was nicht immer, ich gestehe, gelingt. Aber auch mit weniger Silben lassen sich Worte zum Klingen bringen.  Denn nicht immer lässt sich, was man aufschreiben will, wirklich in eine Form zwingen. Davon also heute eine weitere Leseprobe, wie schon in den letzten Wochen geschehen. Geplant ist im Dezember übrigens ein Band mit Fotos und Dutzenden solcher kurzen Texte. Mehr gibts dann auch wieder rechtzeitig auf ProbeLesen.info

LIEBESKUMMER

der tropfen fällt

und bricht so wolkenherz

für regen

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RELATIVITÄTSTHEORIE

herbstblatt fällt

und klemmt dem käfer

beine ein

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ZU FRÜH GEFREUT

der käse will im

bauch der maus entfliehen

da schlägt die falle zu

Mehr zum Thema Albert Einstein und Potsdam gibt es übrigens auf www.himmel-über-Potsdam.de 

 

Hinweis

Samstag, Juni 9th, 2007

So, irgendjemand muss ja mal drauf hinweisen, um das Ranking zu heben ;-) www.himmel-über-potsdam.de

 

Geliftet: Himmel über Potsdam

Samstag, Juni 9th, 2007

Den Blog Himmel über Potsdam gibts ab jetzt in neuer Verpackung … - Und hier noch mal alle Blogs und Webseiten von mir auf einen Blick:

Phantasie & Wirklichkeit

Freitag, Juni 8th, 2007

Ich bin beruhigt. Die Wirklichkeit bleibt sich selbst treu, sie ist nicht nur, was sie zu sein scheint. Es gibt sie wirklich …  Heute Nachmittag kam das offizielle Eingeständnis, laut Newsticker von tageschau.de: Der inmitten der Demonstranten vor Heiligendamm vor wenigen Tagen aufgegriffene Vermummte war tatsächlich ein verdeckter Ermittler der Polizei.

Ein bisschen ist das - und ich bekenne, das ist nicht ohne Ironie gemeint - wie Schreiben, soll heissen: wie Geschichten ausdenken für Filme, Bücher, Theater … Man schlüpft in eine fremde Hülle, in fremde  Figuren und denkt sich ein fremdes Leben. Man kitscht sich ein und will - so genau wie möglich - die Figuren zeichnen, nach denen das Spiel verlangt und man will sie regelrecht selbst leben.

So mag sich auch ein verdeckter Ermittler fühlen.

Beim Schreiben jedenfalls unabdingbar ist dafür der Sinn für Realität. Stellen wir uns also vor: ein Vermummter, der sich als Teil des Schwarzen Blocks ausgibt, verkennt, dass dieses “im Block auftreten” auch heisst: es ist ein Zusammenschluss vieler Gleichgesinnter. Wer also in diesen Block als einsamer Streiter eintaucht - johlend und Parolen schreiend nach vorne stürmen mag - macht andere mißtrauisch. Wer nicht mindestens zwei, drei Gleichgesinnte neben sich weiß,  die für ihn sprechen, weil sie ihn kennen, liefert sich erst recht aus und hat sich schon verraten. Der Schwarze Block mag ohne Hierarchien funktionieren, aber mit Sicherheit ist er nicht das Zusammenspiel von Einzelgängern. Wer dem dennoch auf den Leim geht, fällt auf.

Und - um zum Schreiben zurückzukehren: Genauigkeit ist Voraussetzung, um wahrhaftig zu sein: In der Realität heisst das: ein Slipknot-Kapuzenshirt passt irgendwie nicht nach Heiligendamm . Das Shirt einer Metalband inmitten einer von HC, Emo und Trash, Deutschpunk und ja - vielleicht auch jeder Menge Hippielieder - bestimmten Protestszene scheint fehl am Platz. Was nicht heisst, Metaller würden nicht ebenso Teil dieser Proteste sein. Aber die Grenzen sind fließend und dennoch sehr genau. Ein falscher Griff in die Asservatenkammer und der Deal fliegt auf. Ein Slipknot Shirt mag anderswo passend sein, bei Autonomen stiftete es wohl Verwirrung …  

Und das Ende der ganzen Geschichte? Wie schon gesagt: Genauigkeit ist die Voraussetzung, um wahrhaftig zu sein. Und - Phantasie und Wirklichkeit liegen manchmal sehr weit auseinander.

 

 

Greenpeace in Heiligendamm & Michael Kohlhaas in Wittenberg

Donnerstag, Juni 7th, 2007

Es lässt sich wohl nicht vermeiden, dass in Zeiten wie diesen, angesichts täglich neu über Bildschirme flimmernder Bilder, sich alle Gedanken um jenen Gipfel in Heiligendamm drehen. Heute waren es Bilder von einer lebendrohlichen Jagd auf Menschen - Greenpeace Aktivisten in Schlauchbooten, die verbotenermaßen versuchten in eine gesperrte Wasserzone einzudringen. Offensichtlich ein Polizeiboot überfährt auf dieser Jagd eines der Schlauchboote, drückt es fast unter Wasser. Die Aktivisten sind - trotz sichtbar erhobener, kapitulierender Hände - massiver Gefahr ausgesetzt - auch wenn sich alles letztendlich als ein Unfall erweisen sollte.

Was bleibt einem angesichts der Ratlosigkeit, die auf solche Bilder nur folgen kann? Man zieht sich zurück in seine Bücher. Man sucht Schutz, hält sich Augen und Ohren zu. Und dabei fällt einem ausgerechnet eine der schönsten deutschen Novellen in die Hände: Heinrich von Kleist’s Michael Kohlhaas - geschrieben im Jahre 1808. Im nächsten Jahr jährt sich dies zum 200. Mal. Michael Kohlhaas ist die Geschichte eines zu den Herrschenden gehörenden Gutsherren, der wegen Nichtigkeiten vergeblich um sein Recht kämpft und der am Ende vor ohnmächtiger Wut selbst zum Ungerechten wird und eine ganze Stadt, Wittenberg im heutigen Osten Deutschlands, in Schutt und Asche legt. Er scheitert, weil er sich derselben Mittel bedient, gegen die sich sein Protest einst richtete. Wo Gewalt Gewalt gebiert, läuft alles aus dem Ruder.  

Ich beschließe, die flimmernden Bilder abzuschalten und heute Abend Heinrich von Kleist zu lesen.

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Lehrstück Heiligendamm

Mittwoch, Juni 6th, 2007

Die Wirklichkeit scheint nie zu sein, was wir dafür halten … So schnell konnte man dann doch nicht damit rechnen, was sich zu bestätigen scheint: der Fernsehsender n-tv berichtet, dass heute Nachmittag Demonstranten um Heiligendamm in ihrer Mitte einen angeblich verdeckten Ermittler entarnt haben, der - in schwarzer Kleidung und vermummt - als Teil des Schwarzen Blocks - andere Demonstranten zum Steinewerfen und gewalttätigen Vorgehen gegen die Polizei angestachelt haben soll.

Also doch nicht grundlos die Frage: wem nützt es? Aber was, wenn auch diese Enttarnung inszeniert ist, um Argumente zu haben? Was ist wahr, was ist behauptet? Wer und was steckt hinter den Dingen? Und immer wieder: Wem nützt es, was passiert? Warum passiert etwas? Rostock und Heiligendamm könnten zu einem ganz neuen Lehrstück werden …

Nie bildet nur, was selbst erlebt, sondern vor allem: was selbst erfahren wird, den Grundstock, auf dem Schreiben möglich ist. Egal, wie weit man von den Dingen entfernt ist - oder sich entfernt glaubt.

Die mediale Szenerie

Mittwoch, Juni 6th, 2007

Autor: Dietmar Haiduk  

Die Nachrichten mögen sich auch an diesem Abend überschlagen, an dem von angeblich zurzeit stattfindender Aufrüstung inmitten von 10.000 Demonstrationen vor Kontrollpunkten um Heiligendamm die Rede ist. Das sind für den Moment scheinbar wichtige und scheinbar unzweifelhafte Fakten. Aber eben nur für den Moment, in Minuten oder Stunden kann alles anders aussehen. Das wirklich Bewegende sind die Mechanismen, die dahinter sichtbar werden.  

So lese ich heute: von der offensichtlichen Gewaltorgie am Sonnabend mit über 1.000 Verletzten, unter ihnen fast 500 Polizisten bleiben in den Nachrichten von heute - nach statistisch anerkannten Kriterien - ganze 2 (zwei) schwerverletzte Polizisten übrig. Um Mißverständnisse auszuschließen: auch diese 2, wie alle anderen Verletzten, hätte es nie geben dürfen und jegliche Gewalt, egal ob gegen Sachen oder Menschen, ist falsch.

Aber - wir erleben auf einer in diesen Tagen konzentriert medial nachvollziehbaren Szenerie das alte Spiel: man hat den Eindruck, die Gefährlichkeit und die Bedrohung einer Situation wird argumentativ und medial aufgebaut, um den Gegner anschließend diffamieren zu können, zu demontieren, sein Ansehen, den Wert seiner Ziele, in Verruf zu bringen. Denn was im Raum steht, gilt. Wer sich verteidigen muss, sich gar rechtfertigen oder entschuldigen will, hat verloren. Er gesteht Schuld ein. Der, der die andere Seite auf diesen Weg zwingt, hat das Recht vermeintlich auf seiner Seite. Leider nicht der, der sich die vielleicht klügeren, fortschrittlicheren und bedenkenswerteren Ziele auf die Fahne geschrieben hat. Wer im Geiste zerstört gilt, ist es auch auf dem Feld. Auch das ist klassische Tragödie.    

Wem nützt es?

Dienstag, Juni 5th, 2007

Die Absurdität dessen, was in und um Rostock passierte und passiert, liegt nicht in der unzweifelhaften Brutalität - die ist verachtenswert, von welcher Seite auch immer. Die Absurdität scheint in der völligen Verschiebung von bisherigen Wahrnehmungsmustern zu liegen: Da wird ein Steinewerfer zu zehn Monaten Haft ohne Bewährung verurteilt, während selbst die Tötung eines Menschen in diesem Land mitunter haftfrei bleibt. Da versprühen als Clowns - dem Inbegriff des Amüsements - verkleidete Demonstrationsteilnehmer Chemikalien gegen Polizisten. Ein Mitorganisator des sogenannten autonomen Blocks - wie es heißt - gibt ausgerechnet in dem doch eher szeneuntypischen Gesellschaftsmagazin Vanity Fair ein Interview und bekennt sich schuldig an der Gewalt, während Attac-Vertreter sich dafür entschuldigen, das Gewaltpotential unterschätzt zu haben. Eine in Berlin erfolgreiche Deeskalation der Polizei soll plötzlich nichts mehr bringen und wer Schwarz trägt setzt sich der Gefahr aus, zum Linksextremen stigmatisiert zu werden …

Was stimmt noch? Was ist spekulativ, was tendenziös, was taktisch? Wirklichkeit scheint längst nicht mehr zu sein, was wahr ist, sondern was spekuliert wird. Was aber am Ende, wenn diese Tage lange vorbei sind, zurückbleiben dürfte, wird eine Atmosphäre der Unberechenbarkeit, der Verunsicherung und der Verschiebungen von beurteilungsfähigen Wahrnehmungen sein.

Wenn man die öffentliche Diskussion verfolgt scheint es, als würden bereits jene sprichwörtlichen Karten neu gemischt: für neue Ausrüstungen und Vorgehensweisen, um Herr solcher Lagen zu werden, für eine zurechtgestutzte Sicht auf gerade jetzt stärker in die öffentliche Wahrnehmung drängende Organisationen, wie Attac, oder für ein Zurückdrängen allzu großer Nähe kirchlicher Organisationen zu Globalisierungsgegnern, wie vereinzelt von Politikern bereits gefordert.  Für neue Feindbilder also, härteres Durchgreifen, größere Intoleranz, härtere Grabenkämpfe und nicht zuletzt für die unausweichliche Profilierung aller Seiten.

Aber was, wenn all das kein Zufall ist? Und was, wenn am Ende die wichtigste Frage aller dramatischen Zuspitzung - egal ob in der Realität des Lebens oder in ihrer Interpretation (auch in Literatur zum Beispiel) - nämlich die Frage nach dem Motiv des ganzen Geschehens, auch hier entscheidet, mit welchen Szenen und überraschenden Wendungen wir in den nächsten Tagen, nächsten Monaten und Jahren konfrontiert werden? 

Wer hat ein Motiv zu solch massiven Wahrnehmungsverschiebungen? Die alte Frage lautet: Wem nützt es, was in diesen Tagen in diesem Land passiert? Und man kommt ins Grübeln, ob die Geschichten eigener Fantasie - wie im fast fertigen Roman Abriss Leben - der Wirklichkeit überhaupt noch angemessen sind …

Bin ich linksextrem?

Dienstag, Juni 5th, 2007

Autor: Dietmar Haiduk 

Die Potsdamer Neuesten Nachrichten heute aufschlagend, kann ich dort lesen: Berliner Politiker machen sich für ein Verbot schwarzer, uniformähnlicher Kleidung stark, um angesichts der Gewaltorgien am letzten Wochenende in Rostock bessere Verbotsmöglichkeiten gegen Linksextreme zu haben.

Die drohende Stigmatisierung vor Augen, trinke ich meinen Tee hastig aus und reiße meinen Kleiderschrank auf. Zusammengezählt finde ich dort: 42 schwarze T-Shirts, 5 schwarze Pullover, 3 schwarze Kapuzenshirts, 6 schwarze Jacken (2 mit aufgesetzten Taschen und Schulterklappen), 7 schwarze Hosen (3 wiederum mit aufgesetzten Taschen und im army-look), außerdem 3 Paar schwarze Stiefel, 4 Paar schwarze Halbschuhe, 37 Paar schwarze Socken, 2 schwarze Mäntel, 3 schwarze Anzüge, 2 schwarze Jackets, 3 schwarze Wollmützen, 2 schwarze Basecaps, 2 Paar schwarze Handschuhe, 1 schwarzen Regenschirm, 1 schwarzen Rucksack, 3 schwarze Gürteltaschen …

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In meiner Wohnung befinden sich außerdem unter anderem: 2 schwarze Regale, 4 schwarze Beistelltische, 1 schwarzer Vorhang (1,5 x 3,0 Meter) eine schwarze Hifi Anlage, ein schwarzer Synthesizer, 5 schwarze Tischleuchten, 1 schwarzer Fernseher, 4 schwarze CD-Regale, 1 schwarzes Notebook, ca. 35 lfd. Meter schwarze Strom-, Audio- und PC-Kabel … und - ein schwarzer Hund:

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Bin ich linksextrem? Nein. Die Hilflosigkeit von Politik hat sich schon immer am Grad der Absurdität ihrer Vorschläge messen lassen.

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