Archive for the ‘Alltag’ Category

Audio-Podcast: Die Geschichte von Lisa und Sophie (letzte Episode)

Montag, Januar 18th, 2010

“Ich verstand nicht, wie sie, die für ihr Leben verletzt war durch ihre Blindheit, sich selbst und ihren Körper verletzen wollte - nur, um sich ein Abbild, ein Tattoo, einzubrennen. Das wäre es ja eben, sagte Sophie: Sich die Welt einbrennen. Spüren, was du nicht sehen kannst …”

Noch einmal wird die Freundschaft der beiden 16jährigen Lisa und Sophie beschworen, bevor sie an der Liebe einer der beiden Mädchen zu einem Jungen zerbricht. Eine Erzählung von Dietmar Haiduk, erschienen in: “Mein Sommer mit Marleen” - mehr auf www.dietmarhaiduk.de und www.marleen.probelesen.info

REINHÖREN: letzte Episode

Audio-Podcast: Die Geschichte von Lisa und Sophie (Episode 8)

Montag, Januar 18th, 2010

“Der Vater war außer sich. Er zerrte, prügelte und schleppte Sophie zurück auf ihr Zimmer. Aber er unterschätzte die Kraft der älter gewordenen Tochter …”

Noch einmal wird die Freundschaft der beiden 16jährigen Lisa und Sophie beschworen, bevor sie an der Liebe einer der beiden Mädchen zu einem Jungen zerbricht. Eine Erzählung von Dietmar Haiduk, erschienen in: “Mein Sommer mit Marleen” - mehr auf www.dietmarhaiduk.de und www.marleen.probelesen.info

REINHÖREN: Episode 8

offen und ehrlich, verstellt und verschwiegen

Sonntag, März 9th, 2008

mehr 

Zwei Nachrichten der letzten Woche - beide in den Potsdamer Neuesten Nachrichten gelesen - geben zu denken: In der einen wird davor gewarnt, die neue, auf Kommunikation zielende Offenheit von Web 2.0 - die öffentliche Darstellung eigener Gedanken, Interessen und Vorlieben im Internet also - könnte sich für Tausende heute junger Leute als schädlich für den eigenen beruflichen Weg erweisen. Viele Personalchefs würden bereits heute zu vorliegenden Bewerbungen im Internet recherchieren. Und das Bild, das sie dort bekämen, wäre oft genug Grund für eine Ablehnung.

Nun mag sein, dass die beim googeln erfahrenen privaten Dinge eines Menschen jenes - möglicherweise - in Chefetagen zu sehr von idealer Anzugreinheit geprägte Bild eines Wunschkandidaten verletzen könnten. Vorbei sind also die Zeiten, wo allein das Herausputzen, um sich dem makellosen Bild einer als seriös gelten wollenden Geschäftswelt anzupassen, schon Aufstiegschancen bedeuten konnte. Vorbei scheint damit aber vielleicht auch die spätere Erkenntnis, dass nicht jeder, der einen durch angenehme Erscheinung blenden konnte, sich im Nachhinein als rechtschaffend erweist.

Diese so genannte Bewerbung 2.0 - mit Hilfe von Suchfunktionen im Internet - offenbart sicherlich auch Unangenehmes, und die Ablehnung eines sich Bewerbenden wäre dann auch angebracht. Wer will schon einen sich in Partyportalen als besoffen und  sich übergeben darstellenden jungen Menschen  zukünftig als Koch in seinem Hotel einstellen?

Nur: Web 2.0 könnte und sollte möglichweise viel mehr die Offenheit der Gesellschaft und vielleicht irgendwann auch die Ewartungen einschlägiger “Entscheider” in Chefetagen ändern. Eine Gesellschaft, die sich offen bekennt, sich nicht verstellt, nicht glaubt, durch das Überstreifen eines Anzugs bereits Werte auch verinnerlicht zu haben, sondern sich durch unverstelltes Leben, durch Bekennen eigener Ansichten offen auch zur Diskussion stellt und auf diese Weise zeitgemäße Verhaltenswerte immer wieder neu erarbeitet, wäre mir in jedem Fall lieber. Und würde letztendlich wohl auch jedem Miteinander besser tun.

Mehr Angst bereitet mir die zweite Nachricht der vergangenen Woche: Amerikanische Wissenschaftler hätten experimentell die Möglichkeit nachgewiesen, durch Scannen von Hirnwellen menschliche Gedanken reproduzieren, also ”lesen” zu können. 

Dass sich eine Gesellschaft irgendwann dieser Möglichkeiten zum Schaden ihrer Menschen bedienen könnte, scheint mir viel bedrohlicher. Was wäre wohl verwerflicher? Dass derjenige, der Informationen über einen Menschen braucht, sich diese heimlich und ohne Wissen des anderen beschafft, sie also eben mal so im Vorbeigehen abgescannt? Oder wenn er Informationen nutzt, die die betreffende Person, im Wissen um Zugänglichkeit, freiwillig öffentlich machte?

Was sich ändern muss, ist nicht die Offenheit von Menschen, die Devise kann nicht lauten: Verstellt Euch! Verschwinden muss der Irrglaube, man könne sich Menschen so zurechtrücken, wie sie für das eigene Bedürfnis und das eigene Geschäft brauchbar wären. Dass sich Menschen verhalten, wie es den eigenen Vorstellungen genehm wäre …

PS: Wie verhalten sich eigentlich manche in den frühen Morgenstunden nach ihrem 60. Geburtag, dem Firmenjubiläum oder der alljährlichen Silvesterparty? Glück für manchen, dass keine Kamera dabei ist, die den besudelten Anzug, das zerfledderte Kostüm oder die ins Groteske verwurschtelte Frisur auf Speicher bannen könnte. Etwas wird doch nicht verwerflicher dadurch, dass es öffentlich wird. Und nichts ist besser, weil es verschwiegen bleibt.


Bookmark and Share

Der Osten ein Volk von Ex-Mördern?

Montag, Februar 25th, 2008

Junge, Junge (Mädchen, Mädchen) …. da zieht  offensichtlich jemand vom Leder, um nicht zu sagen: Er zieht blank. Ein amtierender Ministerpräsident eines Bundeslandes soll allen Ernstes (was zu erwarten wäre) behauptet haben - die in letzter Zeit häufigen Fälle von Kindstötungen in den neuen Bundesländern seien Folge von so etwas wie Ost-Mentalität. So kann man im Weltweitnetz lesen: Kindsmord habe zur Familienplanung in der ehemaligen DDR gehört.

Da diese Meldung offensichtlich wirklich stimmt: Bestand der ganze Osten quasi aus kriminellem, asozialem, unmenschlichem Pack. Oder wie?

Nun sollte man, von wem auch immer - durchaus also auch von einem Ex-Gynäkologen, aufgestiegen zum Nachwende- und Spitzenpolitiker - vermuten, er weiß, wovon er spricht. Aber - wie immer - verliert Politik ihre Glaubwürdigkeit in der Verkürzung auf vermeintlich schlagkräftige Aussagen.

Das ist das Dilemma dieser Zeit: Hau den Lukas gilt als das Gebot der Stunde. Wer am kräftigsten und am lautesten zuschlägt und also auf sich aufmerksam macht, bleibt im Gespräch. Wer still nachdenkt und schweigend reflektiert, wird geschlagen … Aber immer gleicht sich das Spiel: Die Karawane, der Zirkus, der Rummel ziehen weiter. Und der eben noch für seine Kraftmeierei bejubelte Provinzkönig zählt am nächsten Spielort nichts mehr. Da schreit und schlägt sich der nächste Heinz die Seele aus dem Leib …

(überarbeitet)

Zivilisierter, als gut wäre …

Mittwoch, Februar 6th, 2008



Während ich an diesem Abend am Rechner Suchdienst-Einträge zu meinem Namen und meinen Weblogs checke, landet unvermutet eine SMS auf meinem Handy. Ein Freund, Kameraassistent beim Film, meldet sich vom Set in Berlin. Ihm steht ein Nachtdreh irgendwo in diesem Großstadtmoloch bevor … Seine Nachricht verrät keine Details, keine mit unzureichender Handykamera aufgenommenen Bilder - nichts schickt er mir, was mir seine Zeit oder den Ort seines Aufenthaltes näherbringen könnte. Nur seine prophezeiende, in kurze Worte gefasste Enttäuschung: SIE ist mit IHM zusammen. Dazu gibts einen Gruß für mich und die Vertröstung auf spätere, detaillierte Berichte, irgendwann bei einem Bier.   

Mir aber bleibt nur, mir in meiner Phantasie auszumalen, wie es an diesem Abend dem Freund - seit Monaten vernarrt, wie ich weiß, in jene gut aussehende, manchmal wirre, immer aber amüsante und in jedem Fall erfolgreiche, junge Schauspielerin – wohl ergehen mag. Während er nun erst recht nicht mehr wahrgenommen wird im Schatten jenseits der alles trennenden Linie zwischen gleißendem Scheinwerferlicht und Dämmerlicht abseits der Kamera. Tag für Tag so nah dran am Objekt der Sehnsucht, der Begierde und doch ohne jede Chance. Eine moderne Mesalliance, jeden Drehtag neu .     

So sieht also Wirklichkeit 2008 aus? Was ein Freund im jetzigen Moment erlebt, was ihn bewegt oder bedrückt, werde ich – zeitversetzt - erst in ein paar Wochen, an einem Kneipentisch sitzend, aus seinen Erzählungen erfahren und, sofern ich dann noch will, ein weiteres Mal im allabendlichen Fernsehprogramm, Monate später, nacherleben können. SIE - zurechtgemacht, glitzernd, im gleißenden Licht.  Bis dahin aber und für diesen Moment bleiben mir nur Erlebnissplitter, vage Vermutungen und Ahnungen. Und wieder einmal spüre ich: Wir leben nach – jedenfalls in wichtigen Teilen unseres Alltags. Wir vertrösten uns gegenseitig auf später. Wir geben uns, statt mit einer Begebenheit, einem Erlebnis oder einer direkten Erfahrung, mit dem Bericht über diese Begebenheit, dieses Erlebnis, die Erfahrung anderer zufrieden: in Bildern, in Nachrichtenfetzen, in Zeitungsüberschriften, in geposteten Bloginfos. Wir erleben stellvertretend, zeitversetzt, später – aber immer weniger selbst und direkt.  

Leben aus zweiter Hand also. Und ich? Will ich etwas über mich selbst erfahren, klicke ich mich auf der Suche nach meinem Namen durch einen Internet-Suchdienst: Ranking, Klicks und Verlinkungen scheinen die Wirklichkeit abgelöst zu haben in der Bestimmung eigenen Wertes - und vor allem eigener Werte. Das ganze ist mindestens so skurril, wie vor einigen Jahren in einer europäischen Fernsehsendung geschehen. Auf die Frage - Was sei eigentlich Zivilisation? - soll der Kandidat geantwortet haben: Frühmorgens den Fernseher anzuschalten, statt das Fenster zu öffnen, um zu erfahren, wie das Wetter vorm Haus sei.  

So gesehen, bin ich zwar zivilisiert, aber wohl mehr, als mir lieb ist und vor allem mehr, als gut wäre.  

Dem Mensch vorausdenken …

Samstag, August 25th, 2007

Wenn es noch einen Beweis braucht, dass Hunde unabdingbar Freunde des Menschen sind, dann wohl diesen: vieles von dem, was wir täglich tun, passiert unbewusst - eingeschliffene Handlungen, die uns längst so leichtfertig von der Hand gehen, dass wir sie kaum noch wahrnehmen. Die Gefahr ist, dass so nicht nur Unbedeutendes, Alltägliches an uns vorbeirauscht, sondern auch die Dinge, die wir wahrnehmen sollten: das Rauschen eines Blätterwaldes, das Hilfsbedürfnis eines Freundes, die stille Freude eines Bruders …

ZEN hält dagegen, für ein Leben hin zu mehr Achtsamkeit und Wahrnehmung. Mein Hund scheint mir dabei helfen zu wollen, wie ich seit heute ahne  …

Da beginne ich an diesem Sonnabendvormittag auf etwas zuzusteuern, ohne mir dies schon ins Bewusstsein gerufen zu haben. Sicher, es gab einen Impuls, irgendwo ganz tief in mir muss an diesem Morgen eine Stimme gesagt haben: los gehts! Also schließe ich die Fenster, krame den Rucksack aus dem Schrank, ziehe die Schuhe an … Nichts davon nehme ich wahr - mit meinen Gedanken bin ich noch immer bei der gestern Abend gelesenen Erzählung. Und so laufen alle Handgriffe eher mechanisch ab. Aber ganz nebenbei fällt mir die verkalkte Armatur in der Küche auf, die ich schon längst reinigen wollte - und schrubbe sie endlich. Als ich fertig bin, nervt mich zum wiederholten Mal die im Zugwind klappernde Tür zum Arbeitszimmer - ich repariere auch sie eben mal schnell. Der Werkzeugkasten ist immer noch ein einziges Chaos - die Gelegenheit nutzend, schaffe ich endlich einmal Ordnung … 

Fast eine halbe Stunde kostet mich all das. Als ich fertig bin, überlege ich, was noch zu tun sei an diesem Sonnabendvormittag. So in Gedanken versunken - überlegend, träumend - stutze ich, als ich an der Wohnungstür vorbeikomme: dort sitzt mein Hund, den starren Blick zur Tür gewandt. Für ihn waren das Schließen der Fenster, das Kramen nach dem Rucksack und das Anziehen der Schuhe unverkennbare Zeichen. Durch nichts war er von seiner Vorfreude auf den Spaziergag im Freien abzubringen. Und so sitzt er seit einer halben Stunde - bereit, zu gehen. Erst jetzt wird mir bewusst: Stimmt, Einkaufen gehen wollt’ ich …

feli-vorhang-ii.JPG

Manchmal ist es eben doch gut, einen treuen Freund zu haben, der einen auf den rechten Weg zurückführt. Nichts anderes ist ZEN: Iss, wenn du isst! Schlaf, wenn du schläfst! Geh einkaufen, wenn du einkaufen gehen willst …  mehr

Wer verletzt ist, wird verletzbarer …

Dienstag, August 21st, 2007

krankenhaus-tv.JPG 

Heute ist Dienstag, der 2. Juli 2007, 19:30 Uhr - Die Welt prallt wieder auf mich ein, nicht nur gefiltert über den an der Wand des Krankenzimmers hängenden Monitor. Ich habe es geschafft, ich werde aus dem Krankenhaus entlassen. Im Gesicht arg lädiert und nun auch noch die Verärgerung über einen arroganten Stationsarzt in Erinnerung, der in seiner dreisten Unverfrorenheit mir kurz vor der Entlassung ins Gesicht sagt, er würde mir meine Schilderung des Unfallhergangs nicht glauben. Auf Nachfragen kanzelt er mich ab, wie einen dreckigen, in eine Schlägerei verwickelt gewesenen, Penner.  Ich lasse mir diese Unverschämtheit nicht bieten. Ich wende mich an den Chefarzt, der mir versichert: niemand, der nicht Zeuge war, könne meine Schilderung anzweifeln. Eine simple Feststellung, dennoch bin ich beruhigt. Aber nun weiß ich erst recht, endlich aus der Klinik zu wollen: zurück in die eigenen Wände, den eigenen Rhythmus. Nichts ist schlimmer, als ausgeliefert zu sein. Nichts will ich weniger als das. Da schließt sich der Kreis zu den Ereignissen vor genau einer Woche, als alles passierte: die Erfahrung, das Verletztheit uns erneuter Verletzbarkeit ausliefert, bestätigt sich bis zuletzt. 

Am nächsten Tag stelle ich Strafanzeige gegen die unbekannte Hundehalterin, der ich die vergangene Woche Klinikaufenthalt zu verdanken habe. Ich weiß, es wird nichts nützen: ich habe keine Zeugen, keinen Schuldigen. - Da wird man also um eine Woche Lebenszeit betrogen und niemand ist greifbar, dem man das vorwerfen kann. Trotzdem könnte ich damit wohl leben, denn verloren ist diese eine Woche nicht wirklich: ich habe jede Menge erlebt und am Ende auch alles ganz gut überstanden - wenn man großzügig davon absieht, dass mich auch noch Wochen danach Kopfschmerzen plagen, die Knochen unter der Gesichtshaut knirschen und Kauen nahezu unmöglich ist. Neue Erfahrungen, wie gesagt - aber geplant waren ganz andere Dinge …  

Aber für diese anderen Dinge ist ab morgen wieder Zeit … heute ist Dienstag, der 21. August 2007, 20:39 Uhr … das Jägertor und die Hegelallee in Potsdam an diesem Abend. Das Leben draußen …

himmel-jagertor.jpg

 

Bin ich linksextrem?

Dienstag, Juni 5th, 2007

Autor: Dietmar Haiduk 

Die Potsdamer Neuesten Nachrichten heute aufschlagend, kann ich dort lesen: Berliner Politiker machen sich für ein Verbot schwarzer, uniformähnlicher Kleidung stark, um angesichts der Gewaltorgien am letzten Wochenende in Rostock bessere Verbotsmöglichkeiten gegen Linksextreme zu haben.

Die drohende Stigmatisierung vor Augen, trinke ich meinen Tee hastig aus und reiße meinen Kleiderschrank auf. Zusammengezählt finde ich dort: 42 schwarze T-Shirts, 5 schwarze Pullover, 3 schwarze Kapuzenshirts, 6 schwarze Jacken (2 mit aufgesetzten Taschen und Schulterklappen), 7 schwarze Hosen (3 wiederum mit aufgesetzten Taschen und im army-look), außerdem 3 Paar schwarze Stiefel, 4 Paar schwarze Halbschuhe, 37 Paar schwarze Socken, 2 schwarze Mäntel, 3 schwarze Anzüge, 2 schwarze Jackets, 3 schwarze Wollmützen, 2 schwarze Basecaps, 2 Paar schwarze Handschuhe, 1 schwarzen Regenschirm, 1 schwarzen Rucksack, 3 schwarze Gürteltaschen …

haiduk.JPG

In meiner Wohnung befinden sich außerdem unter anderem: 2 schwarze Regale, 4 schwarze Beistelltische, 1 schwarzer Vorhang (1,5 x 3,0 Meter) eine schwarze Hifi Anlage, ein schwarzer Synthesizer, 5 schwarze Tischleuchten, 1 schwarzer Fernseher, 4 schwarze CD-Regale, 1 schwarzes Notebook, ca. 35 lfd. Meter schwarze Strom-, Audio- und PC-Kabel … und - ein schwarzer Hund:

feli-sw.JPG 

Bin ich linksextrem? Nein. Die Hilflosigkeit von Politik hat sich schon immer am Grad der Absurdität ihrer Vorschläge messen lassen.

mehr Probe lesen

Sich hechelnd durchs Leben bloggen?

Dienstag, Mai 15th, 2007

Im Idealfall kann Bloggen das Fortschreiben eines Gedankens sein - über Tage, vielleicht Wochen hinweg, nur dadurch erschwert, dass einem jede Stunde Hunderte neue Gedanken durch den Kopf gehen, sich auflösen, festhaken, im besten Fall einen nicht mehr zur Ruhe kommen lassen. Ein Vorgang, der einen täglich vor die Entscheidung stellt: was ist wichtig genug, um es als Quintessenz (hurra, wieder so ein altes Wort verwendet, das auszusterben droht!) für Andere, draußen in der Welt, in wenige Zeilen zu pressen. Immer die Gefahr fürchtend, dass die geposteten Texte der Vortage nichts, aber auch gar nichts, mit aktuell beschreibenswert scheinenden Dingen zu tun haben könnten.

Genau an dem Punkt aber wird es spannend. Wenn man sich selbst - dieser Gefahr entkommen wollend - dabei ertappt, in den nachgedachten Texten unsichtbare Linien zu suchen. Gedrängt vom eigenen Ehrgeiz, sich selbst zu überzeugen:  da müsse es doch eine innere Konsequenz des eigenen Denkens geben, man könne doch nicht gestern über Globalisierung nachdenken und heute über die Auswirkungen einer sich durch Lebensjahre bloggenden schreibwütigen Generation.

Plötzlich also steht die Frage im Raum, welcher rote Faden all dem Niedergeschriebenen inne liegt. Was haben Globalisierung und alltägliches Bloggen als Teil dieser neuen, weltweiten Bloggergesellschaft gemeinsam, dass die Beschäftigung mit beiden Themen zeitlich so nah liegt? Was verbindet die Themen: ihr gemeinsamer Hang zur Verflechtung? Der Zusammenschluss vor allem laustark sich Behauptender? Möglichst schräg. Die Rechtfertigung, Alltäglichkeit organisieren zu wollen - dort politisch und wirtschaftlich, hier schreibend - um sie so angeblich besser in den Griff zu bekommen: also Neuorganisation von Leben jenseits aller für Zusammenleben und Kommunikation bisher erprobter Konventionen, Begriffe, Regeln?

img_0649.JPG

Heute habe ich entdeckt: in einem Forum für junge Literatur können eigene Texte in Genre/Gattungs-Kategorien gepostet werden. Die Kategorie Dramatik > Tragödien beinhaltet tatsächlich jede Menge spannender Texte. Aber: es handelt sich um Prosatexte, die dramatisch enden. Was den Schreibenden selbst tragisch erscheint - manchmal auch nur wehmütig oder auf die eigene Tränendrüsen drückend, wird schon als Tragödie empfunden. Nicht einer dieser Texte jedoch ist im klassischen Sinne Dramatik oder gar eine Tragödie. Die Kriterien verschwimmen, die Genauigkeit verblasst. Es darf Schreiben können, wer Worte aneinanderfügt - manchmal erfreulich erfolgreich und ziemlich unkompliziert lesbar, oft aber erschreckend frei schwebend. Man reiht sich ein in die weltweit schreibende Gemeinschaft, um ja mitmischen zu können und zum globalisierten Kreis jener zu gehören, die den Anschluss nicht verpasst haben.

Ich ahne - egal wie, wo, womit - mich vor allem gegen jegliche Form der Globalisierung - nicht nur die politische, gesellschaftliche - im Leben zu wehren: vor allem gegen die Missachtung von Übereinkünften, die miteinander leben - also reden, handeln, tauschen, lesen, schreiben, treffen, zuhören, helfen usw. - erst ermöglicht, gegen Ignoranz allem Leisen und Schwachen gegenüber, gegen bloggerechtes, stakkatohaftes Leben: plattwalzend, zielorientiert und die Genauigkeit durch Banalität demütigend. Also auch gegen ein Schreiben, das das Festhalten von banal Alltäglichem nicht als wachen Blick auf leicht zu Übersehendes begreift, sondern als Möglichkeit zum Exhibitionismus eigener Existenz. Wohl wissend, wie schnell man selbst der Gefahr unterliegt.  

So gesehen, bin ich beruhigt: es gibt doch diesen einen Faden, der verbindet, was einem täglich durch den Kopf geht. So verschieden einem selbst die Themen mitunter erscheinen.

 

Was vom Tage übrig blieb …

Freitag, Mai 11th, 2007

Was für ein Tag … Ich lese in den Nachrichten etwas von einzurichtenden Sammellagern für G8-Gegner und von Büchern, deren Inhalte Grund sind für vorbeugende Razzien. Was für ein Land, noch immer. Wäre ein solcher Gedanke nicht absurd? Und wäre er nicht das Schlimmste, was diesem Land nach über 50 Jahren Demokratie passieren könnte?

sonnenuntergang.JPG

Saft abdrehen

Montag, April 30th, 2007

kanal.JPG 

In diesem Land verhungerte in diesen Tagen ein 20-jähriger, der zurückgezogen und mittellos mit seiner Mutter lebte. Wie man liest, stellten die Behörden offenbar - nachdem beide Hartz-4-Empfänger auf Schreiben nicht mehr reagierten -bereits vor Monaten sämtliche Unterstützungszahlungen ein. 

Welchen Sinn macht es - wie gestern an dieser Stelle - über die Isolation in virtuellen Welten zu wettern, wenn die Isolation in realen Welten noch immer bedrohlichere Ausmaße annimmt. Mag sein, dass Kommunikation, also auch die angemessene Reaktion auf behördliche Aufforderungen, Grundlage menschlicher Existenz ist. Aber ist diese Existenz weniger berechtigt, weil sich jemand dieser Kommunikation entzieht, zumal wohl nicht freiwillig, sondern in einem Zustand geschwächten, hilf- und ratlosen Dahinvegetierens. Und berechtigt allein das - wen auch immer - Leitungen zu kappen, die Stecker zu ziehen, Zahlungen einzustellen? Hat wirklich nur ein Recht auf Existenz, wer noch wahrgenommen wird? Oder ist es nicht umgedreht: verpflichtet nicht jegliche Existenz - egal wie laut, wie leise, wie asozial, wie gesittet, wie faul, wie destruktiv, wie genial, wie erfolgreich - uns Andere zur Wahrnehmung. Dazu also, auch auf leise Töne zu achten, nichts zu überhören und nichts zu übersehen. Darf wirklich nur der überleben, der auf sich aufmerksam macht?

 

Mobilität des Geistes

Sonntag, April 29th, 2007

Habe heute mit einem Freund über die Frage diskutiert, was überwiegen würde: die zunehmende Vereinzelung massenhafter Netz-User und deren Entfremdung realen Erlebnissen gegenüber - oder vielleicht doch die Chance, dass der damit verbundene Mangel an physischer Mobilität durch ein größere Mobilität des Geistes aufgewogen werden könnte. Kommunikation über das Netz erweitert ja auch die Möglichkeit der Wahrnehmung: es bleibt nicht nur beim passiven Hören oder Lesen über bisher Unbekanntes. Das im Netz Erlebte wird längst im selben Moment gelebt: der Webcam-Blick in die Wohnung des neuen Chatpartners ist real, die angeschauten Videos und runtergeladenen Songs amüsieren gleichzeitig und gemeinsam, die zu kommentieren Fotos und geposteten Texte lassen in jeder Sekunde teilhaben am Leben bisher fremder, hunderte Kilometer enfernt lebender User. Aus dem virtuell Gelebten werden - ohne dieses weltweite Netz vielleicht kaum machbare - Erfahrungen.

Was aber, wenn die tatsächliche Wirklichkeit - draußen vor den Fenstern und also dort, wo diese neuen Erfahrungen dann auch nutz- und brauchbar sein könnten - irgendwann nur noch auf ein Minimum reduziert ist, weil alle Welt sich längst dem virtuellen zweiten Leben zugewandt hat? Was bleibt, wenn das Wesen Mensch mutiert wäre zu einem Wesen mit stark ausgeprägten und auf das schnelle Anschlagen von Computertasten spezialisierten Fingern, aber einem - von erstarrten, kaum noch notwendigen Muskeln - ins Fratzenhafte verkümmerten Mund, der als Organ des Sprechens längst seine Funktion verloren haben wird? Wie lernen Nachfolgende Lesen (eine unabdingbare Voraussetzung, um chatten und mailen zu können) wenn die, die es ihnen durch vernehmbare Lautartikulierung beibringen könnten, im Taumel virtueller Welten längst das Sprechen verlernt haben werden? 

Hier bei uns in Blacksburg

Montag, April 16th, 2007

Was für ein Dilemma in dieser Welt: während man sich selbst eben noch den Kopf zerbricht über Sinn und Unsinn eines schnöden Buchcover-Entwurfs, stirbt einige Flugstunden entfernt - im amerikanischen Blacksburg - ein Mensch nach dem anderen … Heute ist Montag, der 16. April 2007, ein lauer Frühsommer-Abend in Potsdam, 20 Grad. Draußen, vor den Fenstern, in den Kneipen der Straße, lärmen die, die sich amüsieren wollen.

dsc07732.JPG 

Hier drinnen und je öfter ich den Browser meines Rechners auf aktualisieren schalte, werden in jenem Blacksburg offensichtlich immer neue Leichen geborgen. Vor vier Stunden waren es 22, jetzt sind es 33 tote Studenten.

Wie viele werden es morgen früh sein - nach dem Aufstehen? Oder was wird dann auf dieser Welt Schlimmeres geschehen sein? Man will nicht hinausschauen in diese Welt. Aber: Warum sollte man dann hier sitzen und noch schreiben? Die ewige Frage: Was würde Schreiben noch für Sinn machen, ohne diese Welt?

Leben im freien Fall

Freitag, Februar 16th, 2007

Wieder Nachrichten gelesen, Australien. Wie mag das sein, 10.000 Meter an einem Gleitschirm in die Höhe gerissen zu werden, fast eine Stunde lang Sturm und Hagelkörnern ausgesetzt zu sein, umhergewirbelt zu werden und dann, binnen Minuten, in die Tiefe gezogen zu werden? So, wie vor ein paar Tagen einer Paragleiterin in Australien geschehen und heute vermeldet. Eine Stunde lang zwischen Himmel und Hölle, zwischen Erde und Weltall gefangen sein, zum Spielball der Kräfte verdammt? Ist das ein Glücksmoment? Ist Glück immer das, was andere nie empfinden können? Koste es auch den eigenen Tod?