Es ist Dienstag, der 26. Juni, 18:30 Uhr - Wie jeden Tag ist halb Sieben der Rechner runtergefahren, meine kleine, schwarze Hündin sitzt in Wartestellung an der Tür, überglücklich schwanzwedelnd, als es endlich losgeht. Ich hab keine Lust auf einen Spaziergang: es ist diesig, verregnet, die Wolken hängen tief. Ein Novemberabend im Hochsommer.
Wir drehen die allabendliche Runde. Nauener Tor, Bassinplatz, um die Wiesen, um den Friedhof. Eine merkwürdige Stimmung, der feine Regendunst, der sich zwischen den Sträuchern und Gräbern festzusetzen scheint. Bedrückend. Ich will weg aus dieser dunklen Ecke. Der weite Platz neben dem Friedhof, wohl auch einer dieser typischen preußischen Exerzierplätze aus vergangenen Jahrhunderten, schafft Raum. Das Kopfsteinpflaster glänzt im Regen und Licht der Autoscheinwerfer. Nie schließt die abendliche Hunderunden diesen Platz ein, nie wird er mit umrundet, also warum nicht …
Später frage ich mich oft, warum an diesem Abend. Als mich diese Frage das erste Mal durchzuckt, liege ich am Boden. im feuchten Dreck dieses Platzes. Ungebremst aufgeschlagen mit dem flachen Gesicht. Das Letzte was ich sah, war dieser braune, gewaltige Hund, der meiner Hündin nachsetzen wollte - rücksichtslos mir beide Beine, die im Weg standen, wegschlagend. Geschrei von anderen, während ich merkwürdig stumm bleibe. Jedenfalls bleibt in den Bruchteilen eines solchen Geschehens wohl nur selten Zeit zur Wahrnehmung. Die Besitzerin bändigt nur mit Mühe ihr kampfhundähnliches Tier. Ich weiß nicht, ob ich benommen war oder noch bin. Ich rapple mich auf, sehe erst jetzt die ganze Szenerie: einer der Imbisspavillions am Platze, eine Gruppe der dort häufig Sitzenden und wohl auch häufig Trinkenden. Irgendwie sind alle aufgesprungen. Jemand reicht mir Zellstoff, Blut tropft mir von der Schläfe. Ich fühle mich erschlagen, hilflos, matt. Ich setze mich auf eine der Bierbänke. Ich merke, wie das angesammelte Regenwasser mir den Hosenboden durchnässt. Es ist mir egal. Die Schmerzen drücken. Innerhalb weniger Sekunden bin ich ein anderer: zerissen, verdreckt, blutend, inmitten bedrückend alkoholvernebelter Luft.

Plötzlich macht mich die Hektik und die Aufmerksamkeit aller, die mich umstehen, stutzig. Ich spüre abgeschottet zu werden. Zuerst is es eben diese Wahrnehmung - und nicht die rationale Frage, wo und wer ist der Schuldige - die mich mich umdrehen lässt. Aber ich kann niemanden erkennen. Hunde und Besitzer sind verschwunden. Eine Stimme fragt, ob ich einen Arzt brauche. Ich wundere mich, wie bestimmt ich Ja sage, so Schwäche eingestehend.
Als ich das Blaulicht sehe - auch das kaleidoskopartig im regennassen Pflaster verstärkt - ist keine Minute vergangen. Glibbrige, gummiartige Handschuhe greifen nach meinem Kopf. Ob ich bewusstlos war, was wirklich schmerzt und - ob ich getrunken habe … Nein! Nein! Ich wiederhole es, nichts ist mir in diesem Moment unangenehmer, als zu einem oft nur verachteten Milieu zugehörig abgestempelt zu werden. Der Satz harkt sich fest in meinem Gedächtnis: Ich bin keiner von hier.
Aber wo endet dieses hier und wo beginnt jetzt noch mein dort, wo ich herkomme - so verdreckt, aufgeweicht, mit Blut beschmiert mein Gesicht, Hände und Sachen sind? Als ich in den Krankenwagen steige, denke ich ein zweites Mal: Warum heute? Immer trage ich schwarz, warum heute khakifarbene Hose, Jacke, Shirt? Jeder Fleck darauf erniedrigt mich. Sich dagegen aufzubäumen hilft aber wohl auch, scheint mir, die Schmerzen zu ertragen.
Bevor sich die Tür des Wagens schließt, sehe ich die dunklen Augen meiner Hündin. Ich kenne diesen Blick des verständnislos Zurückgelassenwerdens. Irgendwer hat Feli an einen Baum gebunden.
