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Wem nützt es?

Dienstag, Juni 5th, 2007

Die Absurdität dessen, was in und um Rostock passierte und passiert, liegt nicht in der unzweifelhaften Brutalität - die ist verachtenswert, von welcher Seite auch immer. Die Absurdität scheint in der völligen Verschiebung von bisherigen Wahrnehmungsmustern zu liegen: Da wird ein Steinewerfer zu zehn Monaten Haft ohne Bewährung verurteilt, während selbst die Tötung eines Menschen in diesem Land mitunter haftfrei bleibt. Da versprühen als Clowns - dem Inbegriff des Amüsements - verkleidete Demonstrationsteilnehmer Chemikalien gegen Polizisten. Ein Mitorganisator des sogenannten autonomen Blocks - wie es heißt - gibt ausgerechnet in dem doch eher szeneuntypischen Gesellschaftsmagazin Vanity Fair ein Interview und bekennt sich schuldig an der Gewalt, während Attac-Vertreter sich dafür entschuldigen, das Gewaltpotential unterschätzt zu haben. Eine in Berlin erfolgreiche Deeskalation der Polizei soll plötzlich nichts mehr bringen und wer Schwarz trägt setzt sich der Gefahr aus, zum Linksextremen stigmatisiert zu werden …

Was stimmt noch? Was ist spekulativ, was tendenziös, was taktisch? Wirklichkeit scheint längst nicht mehr zu sein, was wahr ist, sondern was spekuliert wird. Was aber am Ende, wenn diese Tage lange vorbei sind, zurückbleiben dürfte, wird eine Atmosphäre der Unberechenbarkeit, der Verunsicherung und der Verschiebungen von beurteilungsfähigen Wahrnehmungen sein.

Wenn man die öffentliche Diskussion verfolgt scheint es, als würden bereits jene sprichwörtlichen Karten neu gemischt: für neue Ausrüstungen und Vorgehensweisen, um Herr solcher Lagen zu werden, für eine zurechtgestutzte Sicht auf gerade jetzt stärker in die öffentliche Wahrnehmung drängende Organisationen, wie Attac, oder für ein Zurückdrängen allzu großer Nähe kirchlicher Organisationen zu Globalisierungsgegnern, wie vereinzelt von Politikern bereits gefordert.  Für neue Feindbilder also, härteres Durchgreifen, größere Intoleranz, härtere Grabenkämpfe und nicht zuletzt für die unausweichliche Profilierung aller Seiten.

Aber was, wenn all das kein Zufall ist? Und was, wenn am Ende die wichtigste Frage aller dramatischen Zuspitzung - egal ob in der Realität des Lebens oder in ihrer Interpretation (auch in Literatur zum Beispiel) - nämlich die Frage nach dem Motiv des ganzen Geschehens, auch hier entscheidet, mit welchen Szenen und überraschenden Wendungen wir in den nächsten Tagen, nächsten Monaten und Jahren konfrontiert werden? 

Wer hat ein Motiv zu solch massiven Wahrnehmungsverschiebungen? Die alte Frage lautet: Wem nützt es, was in diesen Tagen in diesem Land passiert? Und man kommt ins Grübeln, ob die Geschichten eigener Fantasie - wie im fast fertigen Roman Abriss Leben - der Wirklichkeit überhaupt noch angemessen sind …