neo-mediales stalking
Montag, Juli 19th, 2010das schlimme in diesen neo-medialen zeiten ist doch, ausgerechnet von jenen unabweisbar verfolgt zu werden, denen man nie zu begegnen hoffte
das schlimme in diesen neo-medialen zeiten ist doch, ausgerechnet von jenen unabweisbar verfolgt zu werden, denen man nie zu begegnen hoffte
Mit lautem Getöse geschehen, aber fast sang- und klanglos verhallt: Da bebt nur Stunden zuvor die Erde in Mittelitalien, es gibt Tote und Verletzte, aber das ganze Ereignis findet schon kurz darauf nur noch wenig Raum in der öffentlichen Wahrnehmung. Es ist interessant - schlaflos und deswegen schon früh am Morgen den Laptop vor sich - mitzuerleben, wie innerhalb von Minuten der Begriff “earthquake” in den Stichwortwolken solcher Micro-Blogging-Systeme wie Twitter an Relevanz gewinnt. Dutzende Nachrichten jagen von einem Freund zum anderen, Tagesschau und andere Redaktionen steigen bereits früh auf die Meldung ein, andere Nachrichtenredaktionen warten offensichtlich, bis die Bürozeit beginnt. Dann, gegen 7 Uhr, schwappt noch einmal eine Welle an Informationen aus den Web- und Blog-Redaktionen durchs Land, bevor - keine 3 Stunden nach dem Ereignis - die Informationen spärlicher werden und das Wort “earthquake” aus den Stichwortwolken fast völlig verschwindet. Der Alltag hat uns wieder: Wirtschafts-, Finanz- und andere ewige Krisen. Die Toten unter den eingestürzten Häusern im Erdbebengebiet in den Abruzzen sind wahrscheinlich noch nicht einmal geborgen.
Hat Romantik wirklich etwas mit Orten zu tun, an denen wir uns aufhalten? Sind Idealbilder, geprägt von Hochglanzjournalen, entscheidend für das, was wir als einen romantischen Ort empfinden? Sind Orte von sich aus romantisch oder sind es die Erlebnisse, die wir an ihnen haben? Hat es vielleicht mehr mit jenem zu tun, was wir erinnern? Was wir irgendwann einmal bei diesem Licht!, diesen Wolken!, diesem gleisenden, alles überwältigenden Spiel von Licht, Schatten und Farben!, erleben konnten? Ist also, was wir als romantisch empfinden, weniger von vermeintlich für romantisch gehaltenen Orten, als vielmehr von Erinnerungen abhängig, denen wir - rückblickend und nachhängend - den Stempel aufdrücken: romantisch … ?
Auf dem Foto übrigens: Der Sonnenaufgang letzten Sonntag - über dem Hauptbahnhof in Leipzig, aufgenommen nach einer zermürbenden, völlig unromantischen Hotelnacht, in der einen metallisch kreischende Zugeinfahrten, heulende Sonnabendnacht-Sirenen und besoffen durch die Straßen pöbelnde Frauen und Männer nicht einschlafen ließen. So “romantisch” können Sonnenaufgänge sein …
Soeben erschienen: Blogistiv 1.0 - Notizen eines Jahres von Dietmar Haiduk
Weltweit wird gebloggt. Was ist das? Der Versuch, sich ersatzweise durch ein virtuelles Zweitleben zu hecheln? Nur eine zeitgemäße Möglichkeit, sich selbst zu inszenieren? Oder vielleicht doch die Hoffnung, das wirkliche Leben - schreibend - zu begreifen? Was aber bliebe, wenn das Wesen Mensch irgendwann mutiert wäre zu einem Wesen mit auf das schnelle Anschlagen von Computertasten spezialisierten Fingern, aber einem - von kaum noch notwendigen Muskeln - ins Fratzenhafte verkümmerten Mund, der seine Funktion des Sprechens längst verloren hätte?
ISBN 9-7838-37023-985, Webtagebuch, erschienen April 2008 im Verlag Books on Demand GmbH, 9,95 EUR (inkl. gesetzl gültiger MWst), erhältlich u. a. libri.de, amazon.de / LESUNG am Donnerstag 22.Mai 2008, 21:00 im Archiv Cafe in Potsdam, mehr auf archivnacht.probelesen.info
Zukünftig wird es in diesem Blog vor allem um die alltägliche Wahrnehmung und Auseinandersetzung von und mit bedenkenswerten Nachrichten, Ereignissen und Ansichten gehen. Spannende, lesens- und empfehlenswerte Bücher werden dagegen in Lesbare Bücher besprochen. Für Schreib - und Leseproben wird es neben probelesen.info einen neuen Weblog geben, der im Moment allerdings noch in der Vorbereitung ist. Und (fast) alles über Potsdam kann man immer noch auf Himmel über Potsdam lesen …
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Der Weblog zum neuen Buch Blogistiv 1.0 - Notizen eines Jahres
ist zu finden unter www.blogistiv.probelesen.info
Weltweit wird gebloggt.
Was ist das? Der Versuch, sich ersatzweise durch ein virtuelles Zweitleben zu hecheln? Nur eine zeitgemäße Möglichkeit, sich selbst zu inszenieren? Oder vielleicht doch die Hoffnung, das wirkliche Leben - schreibend - zu begreifen? Was aber bliebe, wenn das Wesen Mensch irgendwann mutiert wäre zu einem Wesen mit stark ausgeprägten und auf das schnelle Anschlagen von Computertasten spezialisierten Fingern, aber einem, von erstarrten, kaum noch notwendigen Muskeln, ins Fratzenhafte verkümmerten Mund, der als Organ des Sprechens längst seine Funktion verloren hätte?
Dietmar Haiduk, Blogistiv 1.0 - Notizen eines Jahres, 120 Seiten, Taschenbuch, Veröffentlichung: ca. März 2008 mehr
Den Blog Himmel über Potsdam gibts ab jetzt in neuer Verpackung … - Und hier noch mal alle Blogs und Webseiten von mir auf einen Blick:
Im Idealfall kann Bloggen das Fortschreiben eines Gedankens sein - über Tage, vielleicht Wochen hinweg, nur dadurch erschwert, dass einem jede Stunde Hunderte neue Gedanken durch den Kopf gehen, sich auflösen, festhaken, im besten Fall einen nicht mehr zur Ruhe kommen lassen. Ein Vorgang, der einen täglich vor die Entscheidung stellt: was ist wichtig genug, um es als Quintessenz (hurra, wieder so ein altes Wort verwendet, das auszusterben droht!) für Andere, draußen in der Welt, in wenige Zeilen zu pressen. Immer die Gefahr fürchtend, dass die geposteten Texte der Vortage nichts, aber auch gar nichts, mit aktuell beschreibenswert scheinenden Dingen zu tun haben könnten.
Genau an dem Punkt aber wird es spannend. Wenn man sich selbst - dieser Gefahr entkommen wollend - dabei ertappt, in den nachgedachten Texten unsichtbare Linien zu suchen. Gedrängt vom eigenen Ehrgeiz, sich selbst zu überzeugen: da müsse es doch eine innere Konsequenz des eigenen Denkens geben, man könne doch nicht gestern über Globalisierung nachdenken und heute über die Auswirkungen einer sich durch Lebensjahre bloggenden schreibwütigen Generation.
Plötzlich also steht die Frage im Raum, welcher rote Faden all dem Niedergeschriebenen inne liegt. Was haben Globalisierung und alltägliches Bloggen als Teil dieser neuen, weltweiten Bloggergesellschaft gemeinsam, dass die Beschäftigung mit beiden Themen zeitlich so nah liegt? Was verbindet die Themen: ihr gemeinsamer Hang zur Verflechtung? Der Zusammenschluss vor allem laustark sich Behauptender? Möglichst schräg. Die Rechtfertigung, Alltäglichkeit organisieren zu wollen - dort politisch und wirtschaftlich, hier schreibend - um sie so angeblich besser in den Griff zu bekommen: also Neuorganisation von Leben jenseits aller für Zusammenleben und Kommunikation bisher erprobter Konventionen, Begriffe, Regeln?
Heute habe ich entdeckt: in einem Forum für junge Literatur können eigene Texte in Genre/Gattungs-Kategorien gepostet werden. Die Kategorie Dramatik > Tragödien beinhaltet tatsächlich jede Menge spannender Texte. Aber: es handelt sich um Prosatexte, die dramatisch enden. Was den Schreibenden selbst tragisch erscheint - manchmal auch nur wehmütig oder auf die eigene Tränendrüsen drückend, wird schon als Tragödie empfunden. Nicht einer dieser Texte jedoch ist im klassischen Sinne Dramatik oder gar eine Tragödie. Die Kriterien verschwimmen, die Genauigkeit verblasst. Es darf Schreiben können, wer Worte aneinanderfügt - manchmal erfreulich erfolgreich und ziemlich unkompliziert lesbar, oft aber erschreckend frei schwebend. Man reiht sich ein in die weltweit schreibende Gemeinschaft, um ja mitmischen zu können und zum globalisierten Kreis jener zu gehören, die den Anschluss nicht verpasst haben.
Ich ahne - egal wie, wo, womit - mich vor allem gegen jegliche Form der Globalisierung - nicht nur die politische, gesellschaftliche - im Leben zu wehren: vor allem gegen die Missachtung von Übereinkünften, die miteinander leben - also reden, handeln, tauschen, lesen, schreiben, treffen, zuhören, helfen usw. - erst ermöglicht, gegen Ignoranz allem Leisen und Schwachen gegenüber, gegen bloggerechtes, stakkatohaftes Leben: plattwalzend, zielorientiert und die Genauigkeit durch Banalität demütigend. Also auch gegen ein Schreiben, das das Festhalten von banal Alltäglichem nicht als wachen Blick auf leicht zu Übersehendes begreift, sondern als Möglichkeit zum Exhibitionismus eigener Existenz. Wohl wissend, wie schnell man selbst der Gefahr unterliegt.
So gesehen, bin ich beruhigt: es gibt doch diesen einen Faden, der verbindet, was einem täglich durch den Kopf geht. So verschieden einem selbst die Themen mitunter erscheinen.
Habe heute mit einem Freund über die Frage diskutiert, was überwiegen würde: die zunehmende Vereinzelung massenhafter Netz-User und deren Entfremdung realen Erlebnissen gegenüber - oder vielleicht doch die Chance, dass der damit verbundene Mangel an physischer Mobilität durch ein größere Mobilität des Geistes aufgewogen werden könnte. Kommunikation über das Netz erweitert ja auch die Möglichkeit der Wahrnehmung: es bleibt nicht nur beim passiven Hören oder Lesen über bisher Unbekanntes. Das im Netz Erlebte wird längst im selben Moment gelebt: der Webcam-Blick in die Wohnung des neuen Chatpartners ist real, die angeschauten Videos und runtergeladenen Songs amüsieren gleichzeitig und gemeinsam, die zu kommentieren Fotos und geposteten Texte lassen in jeder Sekunde teilhaben am Leben bisher fremder, hunderte Kilometer enfernt lebender User. Aus dem virtuell Gelebten werden - ohne dieses weltweite Netz vielleicht kaum machbare - Erfahrungen.
Was aber, wenn die tatsächliche Wirklichkeit - draußen vor den Fenstern und also dort, wo diese neuen Erfahrungen dann auch nutz- und brauchbar sein könnten - irgendwann nur noch auf ein Minimum reduziert ist, weil alle Welt sich längst dem virtuellen zweiten Leben zugewandt hat? Was bleibt, wenn das Wesen Mensch mutiert wäre zu einem Wesen mit stark ausgeprägten und auf das schnelle Anschlagen von Computertasten spezialisierten Fingern, aber einem - von erstarrten, kaum noch notwendigen Muskeln - ins Fratzenhafte verkümmerten Mund, der als Organ des Sprechens längst seine Funktion verloren haben wird? Wie lernen Nachfolgende Lesen (eine unabdingbare Voraussetzung, um chatten und mailen zu können) wenn die, die es ihnen durch vernehmbare Lautartikulierung beibringen könnten, im Taumel virtueller Welten längst das Sprechen verlernt haben werden?
Es ist kurz nach Mitternacht. Ich schau mir die Seitenclicks/Aufrufe der Webseiten an. Aber leider haben nur wenige heute den Weg auf die Seiten gefunden. Spielt Wetter bei Computerabrufen eine Rolle? Es war ein warmer Tag und ist immer noch ein warmer Abend - die Leute, draußen, haben wichtigeres zu tun, als Webseiten und Blogs zu studieren. Zum Glück …
Bloggen scheint zu sein wie Schreiben: es gibt Zeiten, in denen man sich nichts und niemandem anvertrauen will. Erst recht nicht einem solch offenen Weg, wie er sich über einen :blog herstellt … Deswegen fast zwei Wochen Pause …

Außerdem: ich bin mit den Entwürfen für MARLEEN immer noch nicht wirklich zufrieden. Auch nach einem zweiten Entwurf nicht. Was macht man? Man bestellt sich die entsprechende Layout-SW und macht sich selbst an die Arbeit …