Archive for the ‘Gewalt’ Category

Audio-Podcast: Die Geschichte von Lisa und Sophie (letzte Episode)

Montag, Januar 18th, 2010

“Ich verstand nicht, wie sie, die für ihr Leben verletzt war durch ihre Blindheit, sich selbst und ihren Körper verletzen wollte - nur, um sich ein Abbild, ein Tattoo, einzubrennen. Das wäre es ja eben, sagte Sophie: Sich die Welt einbrennen. Spüren, was du nicht sehen kannst …”

Noch einmal wird die Freundschaft der beiden 16jährigen Lisa und Sophie beschworen, bevor sie an der Liebe einer der beiden Mädchen zu einem Jungen zerbricht. Eine Erzählung von Dietmar Haiduk, erschienen in: “Mein Sommer mit Marleen” - mehr auf www.dietmarhaiduk.de und www.marleen.probelesen.info

REINHÖREN: letzte Episode

Der Osten ein Volk von Ex-Mördern?

Montag, Februar 25th, 2008

Junge, Junge (Mädchen, Mädchen) …. da zieht  offensichtlich jemand vom Leder, um nicht zu sagen: Er zieht blank. Ein amtierender Ministerpräsident eines Bundeslandes soll allen Ernstes (was zu erwarten wäre) behauptet haben - die in letzter Zeit häufigen Fälle von Kindstötungen in den neuen Bundesländern seien Folge von so etwas wie Ost-Mentalität. So kann man im Weltweitnetz lesen: Kindsmord habe zur Familienplanung in der ehemaligen DDR gehört.

Da diese Meldung offensichtlich wirklich stimmt: Bestand der ganze Osten quasi aus kriminellem, asozialem, unmenschlichem Pack. Oder wie?

Nun sollte man, von wem auch immer - durchaus also auch von einem Ex-Gynäkologen, aufgestiegen zum Nachwende- und Spitzenpolitiker - vermuten, er weiß, wovon er spricht. Aber - wie immer - verliert Politik ihre Glaubwürdigkeit in der Verkürzung auf vermeintlich schlagkräftige Aussagen.

Das ist das Dilemma dieser Zeit: Hau den Lukas gilt als das Gebot der Stunde. Wer am kräftigsten und am lautesten zuschlägt und also auf sich aufmerksam macht, bleibt im Gespräch. Wer still nachdenkt und schweigend reflektiert, wird geschlagen … Aber immer gleicht sich das Spiel: Die Karawane, der Zirkus, der Rummel ziehen weiter. Und der eben noch für seine Kraftmeierei bejubelte Provinzkönig zählt am nächsten Spielort nichts mehr. Da schreit und schlägt sich der nächste Heinz die Seele aus dem Leib …

(überarbeitet)

Phantasie & Wirklichkeit

Freitag, Juni 8th, 2007

Ich bin beruhigt. Die Wirklichkeit bleibt sich selbst treu, sie ist nicht nur, was sie zu sein scheint. Es gibt sie wirklich …  Heute Nachmittag kam das offizielle Eingeständnis, laut Newsticker von tageschau.de: Der inmitten der Demonstranten vor Heiligendamm vor wenigen Tagen aufgegriffene Vermummte war tatsächlich ein verdeckter Ermittler der Polizei.

Ein bisschen ist das - und ich bekenne, das ist nicht ohne Ironie gemeint - wie Schreiben, soll heissen: wie Geschichten ausdenken für Filme, Bücher, Theater … Man schlüpft in eine fremde Hülle, in fremde  Figuren und denkt sich ein fremdes Leben. Man kitscht sich ein und will - so genau wie möglich - die Figuren zeichnen, nach denen das Spiel verlangt und man will sie regelrecht selbst leben.

So mag sich auch ein verdeckter Ermittler fühlen.

Beim Schreiben jedenfalls unabdingbar ist dafür der Sinn für Realität. Stellen wir uns also vor: ein Vermummter, der sich als Teil des Schwarzen Blocks ausgibt, verkennt, dass dieses “im Block auftreten” auch heisst: es ist ein Zusammenschluss vieler Gleichgesinnter. Wer also in diesen Block als einsamer Streiter eintaucht - johlend und Parolen schreiend nach vorne stürmen mag - macht andere mißtrauisch. Wer nicht mindestens zwei, drei Gleichgesinnte neben sich weiß,  die für ihn sprechen, weil sie ihn kennen, liefert sich erst recht aus und hat sich schon verraten. Der Schwarze Block mag ohne Hierarchien funktionieren, aber mit Sicherheit ist er nicht das Zusammenspiel von Einzelgängern. Wer dem dennoch auf den Leim geht, fällt auf.

Und - um zum Schreiben zurückzukehren: Genauigkeit ist Voraussetzung, um wahrhaftig zu sein: In der Realität heisst das: ein Slipknot-Kapuzenshirt passt irgendwie nicht nach Heiligendamm . Das Shirt einer Metalband inmitten einer von HC, Emo und Trash, Deutschpunk und ja - vielleicht auch jeder Menge Hippielieder - bestimmten Protestszene scheint fehl am Platz. Was nicht heisst, Metaller würden nicht ebenso Teil dieser Proteste sein. Aber die Grenzen sind fließend und dennoch sehr genau. Ein falscher Griff in die Asservatenkammer und der Deal fliegt auf. Ein Slipknot Shirt mag anderswo passend sein, bei Autonomen stiftete es wohl Verwirrung …  

Und das Ende der ganzen Geschichte? Wie schon gesagt: Genauigkeit ist die Voraussetzung, um wahrhaftig zu sein. Und - Phantasie und Wirklichkeit liegen manchmal sehr weit auseinander.

 

 

Greenpeace in Heiligendamm & Michael Kohlhaas in Wittenberg

Donnerstag, Juni 7th, 2007

Es lässt sich wohl nicht vermeiden, dass in Zeiten wie diesen, angesichts täglich neu über Bildschirme flimmernder Bilder, sich alle Gedanken um jenen Gipfel in Heiligendamm drehen. Heute waren es Bilder von einer lebendrohlichen Jagd auf Menschen - Greenpeace Aktivisten in Schlauchbooten, die verbotenermaßen versuchten in eine gesperrte Wasserzone einzudringen. Offensichtlich ein Polizeiboot überfährt auf dieser Jagd eines der Schlauchboote, drückt es fast unter Wasser. Die Aktivisten sind - trotz sichtbar erhobener, kapitulierender Hände - massiver Gefahr ausgesetzt - auch wenn sich alles letztendlich als ein Unfall erweisen sollte.

Was bleibt einem angesichts der Ratlosigkeit, die auf solche Bilder nur folgen kann? Man zieht sich zurück in seine Bücher. Man sucht Schutz, hält sich Augen und Ohren zu. Und dabei fällt einem ausgerechnet eine der schönsten deutschen Novellen in die Hände: Heinrich von Kleist’s Michael Kohlhaas - geschrieben im Jahre 1808. Im nächsten Jahr jährt sich dies zum 200. Mal. Michael Kohlhaas ist die Geschichte eines zu den Herrschenden gehörenden Gutsherren, der wegen Nichtigkeiten vergeblich um sein Recht kämpft und der am Ende vor ohnmächtiger Wut selbst zum Ungerechten wird und eine ganze Stadt, Wittenberg im heutigen Osten Deutschlands, in Schutt und Asche legt. Er scheitert, weil er sich derselben Mittel bedient, gegen die sich sein Protest einst richtete. Wo Gewalt Gewalt gebiert, läuft alles aus dem Ruder.  

Ich beschließe, die flimmernden Bilder abzuschalten und heute Abend Heinrich von Kleist zu lesen.

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Lehrstück Heiligendamm

Mittwoch, Juni 6th, 2007

Die Wirklichkeit scheint nie zu sein, was wir dafür halten … So schnell konnte man dann doch nicht damit rechnen, was sich zu bestätigen scheint: der Fernsehsender n-tv berichtet, dass heute Nachmittag Demonstranten um Heiligendamm in ihrer Mitte einen angeblich verdeckten Ermittler entarnt haben, der - in schwarzer Kleidung und vermummt - als Teil des Schwarzen Blocks - andere Demonstranten zum Steinewerfen und gewalttätigen Vorgehen gegen die Polizei angestachelt haben soll.

Also doch nicht grundlos die Frage: wem nützt es? Aber was, wenn auch diese Enttarnung inszeniert ist, um Argumente zu haben? Was ist wahr, was ist behauptet? Wer und was steckt hinter den Dingen? Und immer wieder: Wem nützt es, was passiert? Warum passiert etwas? Rostock und Heiligendamm könnten zu einem ganz neuen Lehrstück werden …

Nie bildet nur, was selbst erlebt, sondern vor allem: was selbst erfahren wird, den Grundstock, auf dem Schreiben möglich ist. Egal, wie weit man von den Dingen entfernt ist - oder sich entfernt glaubt.

Die mediale Szenerie

Mittwoch, Juni 6th, 2007

Autor: Dietmar Haiduk  

Die Nachrichten mögen sich auch an diesem Abend überschlagen, an dem von angeblich zurzeit stattfindender Aufrüstung inmitten von 10.000 Demonstrationen vor Kontrollpunkten um Heiligendamm die Rede ist. Das sind für den Moment scheinbar wichtige und scheinbar unzweifelhafte Fakten. Aber eben nur für den Moment, in Minuten oder Stunden kann alles anders aussehen. Das wirklich Bewegende sind die Mechanismen, die dahinter sichtbar werden.  

So lese ich heute: von der offensichtlichen Gewaltorgie am Sonnabend mit über 1.000 Verletzten, unter ihnen fast 500 Polizisten bleiben in den Nachrichten von heute - nach statistisch anerkannten Kriterien - ganze 2 (zwei) schwerverletzte Polizisten übrig. Um Mißverständnisse auszuschließen: auch diese 2, wie alle anderen Verletzten, hätte es nie geben dürfen und jegliche Gewalt, egal ob gegen Sachen oder Menschen, ist falsch.

Aber - wir erleben auf einer in diesen Tagen konzentriert medial nachvollziehbaren Szenerie das alte Spiel: man hat den Eindruck, die Gefährlichkeit und die Bedrohung einer Situation wird argumentativ und medial aufgebaut, um den Gegner anschließend diffamieren zu können, zu demontieren, sein Ansehen, den Wert seiner Ziele, in Verruf zu bringen. Denn was im Raum steht, gilt. Wer sich verteidigen muss, sich gar rechtfertigen oder entschuldigen will, hat verloren. Er gesteht Schuld ein. Der, der die andere Seite auf diesen Weg zwingt, hat das Recht vermeintlich auf seiner Seite. Leider nicht der, der sich die vielleicht klügeren, fortschrittlicheren und bedenkenswerteren Ziele auf die Fahne geschrieben hat. Wer im Geiste zerstört gilt, ist es auch auf dem Feld. Auch das ist klassische Tragödie.    

Wem nützt es?

Dienstag, Juni 5th, 2007

Die Absurdität dessen, was in und um Rostock passierte und passiert, liegt nicht in der unzweifelhaften Brutalität - die ist verachtenswert, von welcher Seite auch immer. Die Absurdität scheint in der völligen Verschiebung von bisherigen Wahrnehmungsmustern zu liegen: Da wird ein Steinewerfer zu zehn Monaten Haft ohne Bewährung verurteilt, während selbst die Tötung eines Menschen in diesem Land mitunter haftfrei bleibt. Da versprühen als Clowns - dem Inbegriff des Amüsements - verkleidete Demonstrationsteilnehmer Chemikalien gegen Polizisten. Ein Mitorganisator des sogenannten autonomen Blocks - wie es heißt - gibt ausgerechnet in dem doch eher szeneuntypischen Gesellschaftsmagazin Vanity Fair ein Interview und bekennt sich schuldig an der Gewalt, während Attac-Vertreter sich dafür entschuldigen, das Gewaltpotential unterschätzt zu haben. Eine in Berlin erfolgreiche Deeskalation der Polizei soll plötzlich nichts mehr bringen und wer Schwarz trägt setzt sich der Gefahr aus, zum Linksextremen stigmatisiert zu werden …

Was stimmt noch? Was ist spekulativ, was tendenziös, was taktisch? Wirklichkeit scheint längst nicht mehr zu sein, was wahr ist, sondern was spekuliert wird. Was aber am Ende, wenn diese Tage lange vorbei sind, zurückbleiben dürfte, wird eine Atmosphäre der Unberechenbarkeit, der Verunsicherung und der Verschiebungen von beurteilungsfähigen Wahrnehmungen sein.

Wenn man die öffentliche Diskussion verfolgt scheint es, als würden bereits jene sprichwörtlichen Karten neu gemischt: für neue Ausrüstungen und Vorgehensweisen, um Herr solcher Lagen zu werden, für eine zurechtgestutzte Sicht auf gerade jetzt stärker in die öffentliche Wahrnehmung drängende Organisationen, wie Attac, oder für ein Zurückdrängen allzu großer Nähe kirchlicher Organisationen zu Globalisierungsgegnern, wie vereinzelt von Politikern bereits gefordert.  Für neue Feindbilder also, härteres Durchgreifen, größere Intoleranz, härtere Grabenkämpfe und nicht zuletzt für die unausweichliche Profilierung aller Seiten.

Aber was, wenn all das kein Zufall ist? Und was, wenn am Ende die wichtigste Frage aller dramatischen Zuspitzung - egal ob in der Realität des Lebens oder in ihrer Interpretation (auch in Literatur zum Beispiel) - nämlich die Frage nach dem Motiv des ganzen Geschehens, auch hier entscheidet, mit welchen Szenen und überraschenden Wendungen wir in den nächsten Tagen, nächsten Monaten und Jahren konfrontiert werden? 

Wer hat ein Motiv zu solch massiven Wahrnehmungsverschiebungen? Die alte Frage lautet: Wem nützt es, was in diesen Tagen in diesem Land passiert? Und man kommt ins Grübeln, ob die Geschichten eigener Fantasie - wie im fast fertigen Roman Abriss Leben - der Wirklichkeit überhaupt noch angemessen sind …

Bin ich linksextrem?

Dienstag, Juni 5th, 2007

Autor: Dietmar Haiduk 

Die Potsdamer Neuesten Nachrichten heute aufschlagend, kann ich dort lesen: Berliner Politiker machen sich für ein Verbot schwarzer, uniformähnlicher Kleidung stark, um angesichts der Gewaltorgien am letzten Wochenende in Rostock bessere Verbotsmöglichkeiten gegen Linksextreme zu haben.

Die drohende Stigmatisierung vor Augen, trinke ich meinen Tee hastig aus und reiße meinen Kleiderschrank auf. Zusammengezählt finde ich dort: 42 schwarze T-Shirts, 5 schwarze Pullover, 3 schwarze Kapuzenshirts, 6 schwarze Jacken (2 mit aufgesetzten Taschen und Schulterklappen), 7 schwarze Hosen (3 wiederum mit aufgesetzten Taschen und im army-look), außerdem 3 Paar schwarze Stiefel, 4 Paar schwarze Halbschuhe, 37 Paar schwarze Socken, 2 schwarze Mäntel, 3 schwarze Anzüge, 2 schwarze Jackets, 3 schwarze Wollmützen, 2 schwarze Basecaps, 2 Paar schwarze Handschuhe, 1 schwarzen Regenschirm, 1 schwarzen Rucksack, 3 schwarze Gürteltaschen …

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In meiner Wohnung befinden sich außerdem unter anderem: 2 schwarze Regale, 4 schwarze Beistelltische, 1 schwarzer Vorhang (1,5 x 3,0 Meter) eine schwarze Hifi Anlage, ein schwarzer Synthesizer, 5 schwarze Tischleuchten, 1 schwarzer Fernseher, 4 schwarze CD-Regale, 1 schwarzes Notebook, ca. 35 lfd. Meter schwarze Strom-, Audio- und PC-Kabel … und - ein schwarzer Hund:

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Bin ich linksextrem? Nein. Die Hilflosigkeit von Politik hat sich schon immer am Grad der Absurdität ihrer Vorschläge messen lassen.

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G(ebt) 8

Montag, Juni 4th, 2007

G(ebt) 8! Gewalt könnte in Rostock an diesem Abend zunichte machen, was nützt … Es ist das alte Spiel der Macht …

So begann ein Text , den ich hier Sonnabend Abend gepostet hatte. Ich habe ihn gelöscht, weil sich - zumindest aus der Ferne und im Nachhinein betrachtet - einiges anders darstellt.