Archive for the ‘Hoffnung’ Category

Ungeduld

Donnerstag, April 21st, 2011

Es wird Zeit. Lindgrün. Alles prägt sich. Und es schwitzt sich beim Glas Rosé zum Feierabend. Wann gab es das zuletzt?
Frühling ist.

mehr: www.dietmarhaiduk.de

Audio-Podcast: Die Geschichte von Lisa und Sophie (letzte Episode)

Montag, Januar 18th, 2010

“Ich verstand nicht, wie sie, die für ihr Leben verletzt war durch ihre Blindheit, sich selbst und ihren Körper verletzen wollte - nur, um sich ein Abbild, ein Tattoo, einzubrennen. Das wäre es ja eben, sagte Sophie: Sich die Welt einbrennen. Spüren, was du nicht sehen kannst …”

Noch einmal wird die Freundschaft der beiden 16jährigen Lisa und Sophie beschworen, bevor sie an der Liebe einer der beiden Mädchen zu einem Jungen zerbricht. Eine Erzählung von Dietmar Haiduk, erschienen in: “Mein Sommer mit Marleen” - mehr auf www.dietmarhaiduk.de und www.marleen.probelesen.info

REINHÖREN: letzte Episode

Audio-Podcast: Die Geschichte von Lisa und Sophie (Episode 8)

Montag, Januar 18th, 2010

“Der Vater war außer sich. Er zerrte, prügelte und schleppte Sophie zurück auf ihr Zimmer. Aber er unterschätzte die Kraft der älter gewordenen Tochter …”

Noch einmal wird die Freundschaft der beiden 16jährigen Lisa und Sophie beschworen, bevor sie an der Liebe einer der beiden Mädchen zu einem Jungen zerbricht. Eine Erzählung von Dietmar Haiduk, erschienen in: “Mein Sommer mit Marleen” - mehr auf www.dietmarhaiduk.de und www.marleen.probelesen.info

REINHÖREN: Episode 8

bleib geh hoff

Mittwoch, März 5th, 2008

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wie du dich fühlst nimm hin
wie sehr du vermisst verzicht
wie oft du weinst wein 

wen immer du liebst lieb
wen immer du brauchst brauch
wen immer du hasst hass niemals mehr

was gewesen ist vergiß
was ist lass geschehen
was sein soll lass sein

nie war schlimm auch schlimm genug
nie war gut auch gut genug
nie muss sein was niemals war 

wo du gehst gibt es keinen Weg
wo du wiederkehrst bleibt keine spur
wo du warst fragt keiner nach dem Sinn

bleib wo du bist
geh wohin du willst
hoff was keiner hofft

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Der Absturz … X+7

Mittwoch, Februar 20th, 2008

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Nun soll es also bereits in dieser Nacht geschehen: Der trudelnde Satellit soll abgeschossen werden, um kontrolliert zu verglühen. Und wenn es misslingt? Bleibt noch ein zweiter Versuch, ein dritter, ein vierter? Oder heißt es dann: hoffen, dass es andere trifft und dieses Monster von Technik anderen auf den Kopf fällt?

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Auch wenn die Wahrscheinlichkeit gegen Null geht, sich beim Absturz des Metallkolosses tatsächlich zur falschen Zeit am falschen Ort zu befinden, wäre jetzt noch die Zeit, das Wichtigste zu erledigen. Was aber wäre das in solch einem letzten Moment, den man glaubt nachempfinden zu können aus unzähligen Katastrophenfilmen, die jene Weltuntergangsstimmung - oft schlecht genug - immer wieder verbreiteten? Was, wenn es irgendwann tatsächlich so phantasiereich oder ähnlich passieren würde?

Würde man dann doch noch einen letzten Versuch wagen und ein Ticket nach Kanada buchen, um die dort seit der Trennung lebende Ex-Freundin zu treffen? Einen letzten Versuch also unternehmen, um Ungeklärtes zu bereinigen, um klarzustellen, dass man doch immer gehofft hatte, alles würde noch einmal von vorne beginnen können? Würden uns in einem solchen letzten Moment - in der Gewissheit, nur noch wenige Tage zu bleiben - alle nur erdenklichen Versprechen leichtfertig, weil danach doch nicht mehr nachprüfbar, über die Lippen gehen: vom Verlangen nach Harmonie und Zweisamkeit und Toleranz und Verständnis? Würden wir alles daran setzen, um in Harmonie diese Welt zu verlassen? Oder würden wir erbittert bis zur letzten Sekunde aussprechen, was wir jahrlang sowieso nur in uns hineingefressen hatten - immer auf den letzten, großen Tag der Abrechnung hoffend, der ja nun - so es uns treffen würde - gekommen zu sein scheint?

Wofür mag man sich denn nun in einem solchen - angenommenen - letzten Moment entscheiden: für Ausgleich oder Konfrontation, für Rechthaberei oder Nachsicht, für Abrechnung oder für Vergebung? Und wie würde sich bei allem die ehemalige Freundin, Frau, Geliebte verhalten … ? Egal, was man sich vornimmt, es blieben also selbst in jenem letzten Moment jede Menge Unwägbarkeiten, von uns nicht bestimmbar. 

Soll es also laufen, wie es läuft, soll also kommen, was kommt …  X+7 bleiben, sofern der Abschuss in dieser Nacht misslingt.

Die Moral stirbt immer backstage

Montag, Februar 18th, 2008

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Alles begann vor zwei Tagen, Sonnabendnachmittag. Beim Kramen in den Auslagen einer Buchhandlung entdecke ich die DVD eines Films von Andrej Konchalovsky: “Onkel Wanja”, nach dem Bühnenstück von Anton Tschechow. Für einen Moment verzaubern mich die Szenenfotos, ziehen sie mich in jene typische Atmosphäre Tschechow’scher Stücke aus verfallenden Landgütern Russlands und ihrem - gegen den Staub der Abwesenheit - unter weißen, unbefleckten Tüchern verhüllten Mobiliar, aus blühenden Kirschgärten und Birkenhainen. Plötzlich bin ich gefangen von jenem Nichts, das bei Tschechow immer nur die Ruhe vor einer Explosion zu sein scheint.  

Die DVD lasse ich stecken, aber am Abend will der Zufall es, dass eine fast 50 Jahre altes Hörspielfassung eben jenes “Onkel Wanjas” im Radio läuft. Ich bleibe hängen, lausche fasziniert und beschließe, mir am nächsten Morgen die Stücke von Tschechow erneut vorzunehmen. So verbringe ich den Sonntag und den darauf folgenden, verregneten Montag mit Anton Tschechow: Am Ende habe ich seine Theaterstücke “Der Kirschgarten”, “Drei Schwestern”, “Die Möwe” erneut gelesen, dazu ein gutes Dutzend Erzählungen. Irgendwie passt alles zu jenem Wetter draußen vor den Fenstern - ein fast lautloser Dunst, der Kälte und dem Nieselwetter trotzend, hat sich scheinbar über die Stadt gelegt, und er scheint jeglichen Lärm zu verschlucken.

Diese Stille erleichtert es mir, mich zwischen verfallenen Gutshöfen und zerbrechenden Gesellschaften, jener Zeit um 1900 herum also, zurechtzufinden. Immer schwingt eine Sehnsucht nach einem anderen Leben, nach besseren Zeiten und fernen Gegenden in den Figuren Tschechows mit, immer ist die Liebe unglücklich und der Traum von ”mehr Leben” die einzige Hoffnung. Immer heißt es, Abschied nehmen von vermeintlich friedlichen Orten der Kindheit, des Lebens und der Liebe und immer ist der lautlose Zerfall einer Gesellschaft, einer am Ende befindlichen Adelsklasse, deren beste Zeiten längst vorbei sind, das Beherrschende.

Und Tschechow, selbst immer auch dem Selbstzweifel unterliegend, dass seine Stücke notwendige Dramatik, oft Handlung, entbehren, lässt passend auch die Selbstötung eines Verzweifelten nicht auf offener Bühne, sondern eher nebenbei und dadurch umso gewaltiger, geschehen. Immer leben die Menschen neben sich, der Zeit und dem wirklichen Leben.

Am Ende dieses Tschechow’schen Wochenendes, aufgetaucht aus dessen ferner, irgendwie aber wohl nahen Welt, rätsele ich, was uns zu ganz bestimmten Zeiten für ganz bestimmte Empfindungen empfänglich macht. Warum greifen wir an einem ganz bestimmten Tag einen Packen verstaubter Bücher aus dem Regal und lassen uns von ihren Geschichten vereinnahmen.

Und plötzlich ist da ein Bild vor den Augen: ein fast quadratisches Haus, etwas zu groß für ein Landhaus, nicht wirklich russisch, aber irgendwie danach aussehend, umgeben von einem weiß-grün gestrichenen, mannshohen Holzlattenzaun. Eine trügerische Idylle - denn gleichzeitig drängen sich jene News-Bilder von letzter Woche auf: von beanzugten Zivilbeamten, die Kisten voller Akten aus diesem Haus tragen, von zwei noblen Luxuskarossen, deren Eleganz nur durch zwei aufgesetzte Blaulichter getrübt wird und von einem - wie es heisst: freiwillig zur Aussage über seine Steuergeschäfte - hinwegfahrenden Chef eines großen  Unternehmens.

Und plötzlich hat jenes, sich beim Lesen Tschechow’scher Stücke breit machende Gefühl von Zerfall, Ende einer Ära, Zerwürfnis einer Gesellschaft, vom Ende eines Glaubens an Moral, seine reale Entsprechung. Plötzlich ahnt man, was Tschechow aktuell macht: dass sich leise und unter dem Schutz scheinbar unbefleckter, weißer Tücher längst Werte zersetzen, die Grundfeiler gesellschaftlicher Existenz sein sollten.  

Am Tropf der Wirklichkeit

Freitag, August 17th, 2007

Heute ist Freitag, der 29. Juni, 21:00 Uhr - Ich habe eine erste Operation am Jochbein/bogen hinter mir. Alles läuft  erstaunlich unkompliziert, routiniert, fast unspektakulär ab. Zwanzig Minuten zuvor habe ich jene berühmt-berüchtigte LMA-Tablette erhalten, dann werde ich in den OP geschoben. Mehrere Frauen - Ärztinnen, Schwestern, ich weiß es nicht - sind eifrig mit Vorbereitungen beschäftigt. Sie drehen mir den Rücken zu. Das Letzte was ich denke ist: wieso stehen eigentlich alle Türen offen, nichts ist abgeschottet, keine keimfreien Schleusen haben wir durchfahren - was auch immer ich mit meinen ausschließlich medial geprägten Vorstellungen eines OP-Saals verbinde.  

In Wirklichkeit aber bin ich froh, dass jene Offenheit ist, weil es alle vorher immer wieder aufgeflackerten Gedanken nichtig macht: jene Angst vorm ungewollten Ende - was, wenn sich hinter mir die Türen für immer schließen, weil es während der OP Komplikationen geben würde? 

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Sekunden später interessiert mich keiner dieser absurden Gedanken mehr - denn da habe ich schon eine Spritze gesetzt und den Narkoseschlauch (oder war es der Beatmungsschlauch?) übergestülpt bekommen.  Ich bin in einer anderen Welt …

Was dann geschieht, ist das eigentlich Faszinierende dieses Tages: ihre Informationspflicht erfüllend, erklärten Ärzte mir vorab jeden kleinen Schritt eines solchen Eingriffs. Detailliert konnte ich im Voraus erleben - angereichert mit den Bildern eigener Phantasie - was passieren würde: die Haken die man von mehreren Seiten durch Wange und Schläfe führen würde, um die niedergedrückten Knochenteile zurück in ihre angestammte Position zu ziehen. Risiken - Chancen - Komplikationen … - Dann aber, wenn alles wirklich passiert, wenn diese vorabgedachten Prozeduren tatsächlich stattfinden, bleibt man - hilflos, narkotisiert unterm Messer liegend - von den Vorgängen ausgeschlossen.  Das gibt es so sonst vielleicht nur in ähnlichen Vorgängen, wie dem des Schreibens: vorab denken, durchleben, mit eigener Phantasie bereichern und am Ende aber, wenn das Vorabgedachte tatsächlich zum Leben erweckt wird - sei es durch die Phantasie eines Lesers oder durch die realen Inszenierungen eines verfilmten Drehbuchs - ist man als Autor von diesen erweckten Phantasien ausgeschlossen.

Egal - das Leben geht weiter. Keine halbe Stunde dauert der Eingriff, noch eine halbe Stunde am Tropf, eine Stunde später stehen die ersten Freunde an meinem Bett, ich bin erleichter - es geht also weiter: ich bin zurück in der wirklichen Welt.

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Mit Hoffnung allein hat das nichts zu tun …

Mittwoch, August 15th, 2007

Es ist Mittwoch, der 27. Juni, 20:45 - Ich liege regungslos auf meinem Krankenbett, dieser kleinen, geschützten Insel, die allein mir gehört. Diesmal nun steht diese Insel mitten im Gang der Augenklinik, ein paar Stationen höher gelegen. Ich warte, dass die diensthabende Ärztin mich untersucht … seit einer Stunde schon, mit einer Halskrause zur Bewegungslosigkeit verdammt.

Der Tag begann früh. Halb sechs … Ich habe schlecht geschlafen, eigentlich kaum, vor Schmerzen. Als das morgendliche Aufweck-, Reinigungs- und Aufmunterungskommando aus Schwestern, Pflegern und Zivis das Zimmer durchpflügt, bin ich froh, nicht länger liegen zu müssen. Aufrecht sitzen will ich und warten was passiert. Ich habe nichts: kein Zahnputzzeug, kein Handtuch, nichts zum Lesen, mein Handyakku ist leer, das Kabel fehlt. Ich bin nichts! amüsiere ich mich über mich selbst. Also beschließe ich, mich dem weißen Alltag auszuliefern und nehme, was ich bekomme, als gegeben. Das heisst an diesem Morgen aber auch: keinen streng ayurvedisch bereiteten Dinkelbrei, stattdessen lappriges Weißbrot mit Konfitüre, Streichwurst, Tee. Ich lasse mich bedienen und merke, dass es mir nichts nützt: der Kiefer schmerzt. Ich bleibe hungrig.  

Die alltägliche Viste der Handvoll Ärzte ist schnell durchstanden und bringt auch nichts. Zum ersten Mal höre ich, was ich bis zu meiner Entlassung hören werde: Sie sind hier falsch. Kein Fall für die Chirurgie, eher für die HNO. Na, dann schiebt mich doch hin! denke ich trotzig und bin doch froh, dass alle bis zum letzten Tag die Verlegung scheuen, denn ich beginne, mich mit meinem neuen Dasein zu arangieren. Ich will, dass mir vertraut wird, was mich umgibt. Eben das Beste aus allem machen. In 48 Stunden ist geschafft.

Gegen Mittag drohen aus diesen 48 Stunden dann plötzlich acht lange Wochen zu werden: Ein Arzt kommt herein, legt mir eine Halskrause um und sagt: Sie bewegen sich jetzt keinen Milimeter mehr, ihre Halswirbelsäule ist angebrochen. Einen Millimeter weiter und ich hätte den Sturz nicht überlebt. Der junge Arzt erklärt es mir - zeichnet es sogar auf, um es verständlicher zu machen. Ich aber kann es gar nicht sehen - meine Augen füllen sich längst mit Tränen. Als der Arzt - noch immer kopfschüttelnd, dass mein verhältnismäßig ungeschwollenes Gesicht an sieben Stellen gebrochen sein soll - das Zimmer verlässt, bleibe ich stundenlang regungslos zurück. Immer hoffend, jede unbedachte, ruckartige Bewegung vermeiden zu können, um nichts zu riskieren. Diese Halskrause lässt mir auch kaum eine Chance. Ich liege eingezwängt und starre an die Decke. Ich rechne mir aus, was es bedeuten wird - für den laufenden Vertrag, für die nächsten Monate, für die Arbeit, das eigene, ungehinderte Leben. Ud ich denke vorallem darüber nach, was - wenn wirklich das Schlimmste passiert wäre - ich in jenem letzten Moment gesehen, gedacht, gespürt habe.

Und so liege ich an diesem Abend noch immer, wenn auch inzwischen hin - und hergeschoben durch endlose Krankenhausgänge, nun also in der Augenklinik. Ich bin erstaunt, wie gelassen ich nach Stunden mittlerweile bin. Es setzt eine fast pragmatische Duldsamkeit ein: Es ist wie es ist, mach das Beste draus.

Das Beste in diesen Minuten aber ist, zum Nichtstun verdonnert zu sein und also lauschen zu können: den Geräuschen auf diesem Gang, den schlurfenden Schritten der vor allem alten Leute. Und dabei dringt unerwartet Amüsantes an mein Ohr, denn am Ende des Ganges sitzen vier alte Männer und reden und lachen über Politik des letzten Jahrhunderts. Jeder streitet für und gegen einen anderen Kopf der Geschichte: gegen Honecker, gegen Kohl. gegen Hitler, gegen Stalin. Man kann es sich nicht ausdenken, so skuril ist, was geschieht. Ich aber ahne, dass das Leben hier drinnen, ausgeliefert den ewig gleichen Abläufen eines Krankenhausbetriebes, nicht wirklich vom Leben draußen getrennt ist. Alles scheint nur irgendwie komprimierter, skuriler, offensichtlicher wahrnehmbar.

So hat auch der Abend seine logische Konsequenz: als ich spät, gegen halb elf, erneut zu einer Untersuchung meines Halses durch die mittlerweile abgedunkelten, stillen Gänge des Krankenhauses geschoben werde, bin ich beruhigt: die Ärzte geben sich nicht zufrieden, sie sind hartnäckig. Minuten später bin ich wieder zurück - eine Freundin hat mir endlich die benötigen Sachen gebracht, ich freue mich, weil Vertrautheit mich zu umgeben beginnt. Kurz darauf tritt der Stationsarzt an mein Bett und nimmt mir überraschend die Halskrause ab. Der Halswirbel ist gesund. Ich schließe die Augen. Ich will nicht noch einmal, dass mir Tränen hervorschießen. Dass ich bereits am nächsten Tag operiert werden soll, dass Augenhöhle, Jochbein, Kiefernhöhle und was sonst noch alles gebrochen sind, scheint mir plötzlich nichtig, ein geringes Übel. Denn das ist nun wirklich in zwei, drei Tagen durchstanden.

Mir geht durch Kopf, dass vor allem Überschaubarkeit uns unser Leben leicht macht. Dass es die Aussicht auf das Ende eines ungewollten, belastenden Zustandes ist, die uns über Unangenehmes hinwegkommen lässt. Das hat weniger mit Hoffnung zu tun, sondern mit der Gewissheit, dass Ungewolltes, Zwingendes seine Bedrohlichkeit verliert, wenn wir es einbetten in das Davor und Danach. Ich erinnere mich an ungeliebte Aufgaben, bedrückende Verpflichtungen: immer habe ich mehr von jener Zeit danach geträumt, in der alles vorbei sein würde, als dass ich mich von Naheliegendem niederdrücken lassen hätte. Vielleicht ist dieses dem eigenen Leben ein klitzekleines Stück Vorauszuleben der Grund, dass am Ende alles tatsächlich sehr viel problemloser verlaufen sein wird, als ich an diesem Abend noch vermute.