Archive for the ‘Leben & leben lassen’ Category

Von Eifersucht und dem Selbstverständnis der Männer

Donnerstag, Juni 12th, 2008

Frauen. Manchmal hängen sie uns Männern wie ein Klotz am Bein. Oft aber hängen auch wir an ihnen. Verlassen sie uns dann irgendwann, rennen wir ihnen hinterher aus verletztem Stolz, den wir – dabei ertappt, von jeglicher Liebe zu dieser Frau nicht lassen zu können – nur allzu gern als Eifersucht ausgeben. Denn diese Eifersucht scheint uns weniger beschämend und unser männliches Selbstverständnis weniger beschädigen zu können, als das Eingeständnis von verletztem Stolz. Eifersucht verlangt immer mindestens zwei Seiten, wie ich damals begriff: den Eifersüchtigen, aber auch das Objekt der Eifersucht – jenen gehassten dritten Mann also, auf den sich fortan alle Wut konzentriert. Dieser Verweis auf einen anderen Schuldigen – unseren Nebenbuhler – scheint es uns leichter zu machen, mit einer aus den Fugen geratenen Situation zu leben. So lassen wir uns gern in Eifersucht umschmeicheln, denn erst diese gibt uns die Chance, einem anderen als uns selbst die Schuld am Leiden unserer Liebe zu geben. Auf dass nicht wir es sind, dem Vorwürfe zu machen wären. So - frei gekommen von der Schuld am Vergehen eigener Liebe - stilisieren wir uns sehr schnell zu Opfern einer dritten Macht: jenes fremden Liebhabers. Wir wären sogar bereit, einen Eid darauf zu schwören, frei von jeglicher Schuld am Dilemma unserer Beziehung zu sein – schließlich hätten wir unsere Frau oder Freundin wirklich gern noch auf Jahre geliebt … Sagen wir, weil uns nichts besseres mehr einfällt. (…)

(Leseprobe aus: ABRISS LEBEN, Dietmar Haiduk/Roman, unveröffentlicht)  Text: Dietmar Haiduk

offen und ehrlich, verstellt und verschwiegen

Sonntag, März 9th, 2008

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Zwei Nachrichten der letzten Woche - beide in den Potsdamer Neuesten Nachrichten gelesen - geben zu denken: In der einen wird davor gewarnt, die neue, auf Kommunikation zielende Offenheit von Web 2.0 - die öffentliche Darstellung eigener Gedanken, Interessen und Vorlieben im Internet also - könnte sich für Tausende heute junger Leute als schädlich für den eigenen beruflichen Weg erweisen. Viele Personalchefs würden bereits heute zu vorliegenden Bewerbungen im Internet recherchieren. Und das Bild, das sie dort bekämen, wäre oft genug Grund für eine Ablehnung.

Nun mag sein, dass die beim googeln erfahrenen privaten Dinge eines Menschen jenes - möglicherweise - in Chefetagen zu sehr von idealer Anzugreinheit geprägte Bild eines Wunschkandidaten verletzen könnten. Vorbei sind also die Zeiten, wo allein das Herausputzen, um sich dem makellosen Bild einer als seriös gelten wollenden Geschäftswelt anzupassen, schon Aufstiegschancen bedeuten konnte. Vorbei scheint damit aber vielleicht auch die spätere Erkenntnis, dass nicht jeder, der einen durch angenehme Erscheinung blenden konnte, sich im Nachhinein als rechtschaffend erweist.

Diese so genannte Bewerbung 2.0 - mit Hilfe von Suchfunktionen im Internet - offenbart sicherlich auch Unangenehmes, und die Ablehnung eines sich Bewerbenden wäre dann auch angebracht. Wer will schon einen sich in Partyportalen als besoffen und  sich übergeben darstellenden jungen Menschen  zukünftig als Koch in seinem Hotel einstellen?

Nur: Web 2.0 könnte und sollte möglichweise viel mehr die Offenheit der Gesellschaft und vielleicht irgendwann auch die Ewartungen einschlägiger “Entscheider” in Chefetagen ändern. Eine Gesellschaft, die sich offen bekennt, sich nicht verstellt, nicht glaubt, durch das Überstreifen eines Anzugs bereits Werte auch verinnerlicht zu haben, sondern sich durch unverstelltes Leben, durch Bekennen eigener Ansichten offen auch zur Diskussion stellt und auf diese Weise zeitgemäße Verhaltenswerte immer wieder neu erarbeitet, wäre mir in jedem Fall lieber. Und würde letztendlich wohl auch jedem Miteinander besser tun.

Mehr Angst bereitet mir die zweite Nachricht der vergangenen Woche: Amerikanische Wissenschaftler hätten experimentell die Möglichkeit nachgewiesen, durch Scannen von Hirnwellen menschliche Gedanken reproduzieren, also ”lesen” zu können. 

Dass sich eine Gesellschaft irgendwann dieser Möglichkeiten zum Schaden ihrer Menschen bedienen könnte, scheint mir viel bedrohlicher. Was wäre wohl verwerflicher? Dass derjenige, der Informationen über einen Menschen braucht, sich diese heimlich und ohne Wissen des anderen beschafft, sie also eben mal so im Vorbeigehen abgescannt? Oder wenn er Informationen nutzt, die die betreffende Person, im Wissen um Zugänglichkeit, freiwillig öffentlich machte?

Was sich ändern muss, ist nicht die Offenheit von Menschen, die Devise kann nicht lauten: Verstellt Euch! Verschwinden muss der Irrglaube, man könne sich Menschen so zurechtrücken, wie sie für das eigene Bedürfnis und das eigene Geschäft brauchbar wären. Dass sich Menschen verhalten, wie es den eigenen Vorstellungen genehm wäre …

PS: Wie verhalten sich eigentlich manche in den frühen Morgenstunden nach ihrem 60. Geburtag, dem Firmenjubiläum oder der alljährlichen Silvesterparty? Glück für manchen, dass keine Kamera dabei ist, die den besudelten Anzug, das zerfledderte Kostüm oder die ins Groteske verwurschtelte Frisur auf Speicher bannen könnte. Etwas wird doch nicht verwerflicher dadurch, dass es öffentlich wird. Und nichts ist besser, weil es verschwiegen bleibt.


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bleib geh hoff

Mittwoch, März 5th, 2008

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wie du dich fühlst nimm hin
wie sehr du vermisst verzicht
wie oft du weinst wein 

wen immer du liebst lieb
wen immer du brauchst brauch
wen immer du hasst hass niemals mehr

was gewesen ist vergiß
was ist lass geschehen
was sein soll lass sein

nie war schlimm auch schlimm genug
nie war gut auch gut genug
nie muss sein was niemals war 

wo du gehst gibt es keinen Weg
wo du wiederkehrst bleibt keine spur
wo du warst fragt keiner nach dem Sinn

bleib wo du bist
geh wohin du willst
hoff was keiner hofft

spuren.jpg


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Der Absturz … X+7, Die Ballade von John Meynard

Donnerstag, Februar 21st, 2008

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Ganze zehn Sekunden (sagt n-tv.de) bleiben also: ein minimales Zeitfenster, um zielgenau die Rakete auf Trefferkurs zu bringen. Das Schiff, von dem sie aus starten wird, heisst übrigens USS Lake Erie. Benannt wohl nach jenem Lake Erie - einem der fünf größten Seen Nordamerikas, an dem ausgerechnet auch die Ballade eines deutschen Schriftstellers spielt: John Meynard von Theodor Fontane. Sie erzählt von der wahren Begebenheit eines havarierenden Schiffes auf eben jenem See in der Mitte des 19. Jahrhunderts, von den unzähligen Toten, aber vor allem auch dem heroischen Kampf eines Steuermanns - John Meynard - der sein Leben opferte, um anderen Menschen zu helfen und das Schiff zurück an rettendes Land manövrierte. Jedenfalls in der Ballade Fontanes.

Was für ein heroischer Auftritt, dem heutigen Anlass angemessen - was für ein patriotischer Zufall, eben jenem Kriegsschiff Lake Erie den finalen Rettungsschuss auf einen uns bedrohenden - weil absturzgefährdeten - Satelliten zuzubilligen. Und wir Deutsche sind mal wieder mittendrin, jedefalls indirekt und dank Theodor Fontane, der es schon irgendwie immer geahnt haben muss, wie wichtig diese Geschichte einmal werden würde. In Wirklichkeit hieß John Meynard übrigens Luther Fuller, und er überlebte seine heroische Heldentat nur um den Preis, später dem Alkohol zu verfallen und als Trinker, dem Vernehmen nach, in einem Armenhaus gestorben zu sein. (Informationen von wikipedia.de - mehr zu den Hintergründen gibt’s dort nachzulesen:   www.wikipedia.de

Der Absturz … X+7

Mittwoch, Februar 20th, 2008

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Nun soll es also bereits in dieser Nacht geschehen: Der trudelnde Satellit soll abgeschossen werden, um kontrolliert zu verglühen. Und wenn es misslingt? Bleibt noch ein zweiter Versuch, ein dritter, ein vierter? Oder heißt es dann: hoffen, dass es andere trifft und dieses Monster von Technik anderen auf den Kopf fällt?

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Auch wenn die Wahrscheinlichkeit gegen Null geht, sich beim Absturz des Metallkolosses tatsächlich zur falschen Zeit am falschen Ort zu befinden, wäre jetzt noch die Zeit, das Wichtigste zu erledigen. Was aber wäre das in solch einem letzten Moment, den man glaubt nachempfinden zu können aus unzähligen Katastrophenfilmen, die jene Weltuntergangsstimmung - oft schlecht genug - immer wieder verbreiteten? Was, wenn es irgendwann tatsächlich so phantasiereich oder ähnlich passieren würde?

Würde man dann doch noch einen letzten Versuch wagen und ein Ticket nach Kanada buchen, um die dort seit der Trennung lebende Ex-Freundin zu treffen? Einen letzten Versuch also unternehmen, um Ungeklärtes zu bereinigen, um klarzustellen, dass man doch immer gehofft hatte, alles würde noch einmal von vorne beginnen können? Würden uns in einem solchen letzten Moment - in der Gewissheit, nur noch wenige Tage zu bleiben - alle nur erdenklichen Versprechen leichtfertig, weil danach doch nicht mehr nachprüfbar, über die Lippen gehen: vom Verlangen nach Harmonie und Zweisamkeit und Toleranz und Verständnis? Würden wir alles daran setzen, um in Harmonie diese Welt zu verlassen? Oder würden wir erbittert bis zur letzten Sekunde aussprechen, was wir jahrlang sowieso nur in uns hineingefressen hatten - immer auf den letzten, großen Tag der Abrechnung hoffend, der ja nun - so es uns treffen würde - gekommen zu sein scheint?

Wofür mag man sich denn nun in einem solchen - angenommenen - letzten Moment entscheiden: für Ausgleich oder Konfrontation, für Rechthaberei oder Nachsicht, für Abrechnung oder für Vergebung? Und wie würde sich bei allem die ehemalige Freundin, Frau, Geliebte verhalten … ? Egal, was man sich vornimmt, es blieben also selbst in jenem letzten Moment jede Menge Unwägbarkeiten, von uns nicht bestimmbar. 

Soll es also laufen, wie es läuft, soll also kommen, was kommt …  X+7 bleiben, sofern der Abschuss in dieser Nacht misslingt.

Der Absturz … X+8

Dienstag, Februar 19th, 2008

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Er scheint unvermeidbar: jener amerikanische Satellit, den es unweigerlich zurück zu uns auf die Erde zieht, außer Kontrolle geraten und uns selbst demütigend in der Ohnmächtigkeit, die Geister, die wir (die sie, um genau zu sein …) beschworen, nicht mehr los zu werden. Was wird passieren, wenn in ein paar Tagen 2.500 kg verseuchtes Metall irgendwo auf dieser Erde aufschlagen, weil letzte Rettungsversuche, den trudelnden Satelliten mit einer Rakete von Bord eines Kriegsschiffes aus abzuschießen, fehlschlagen würden?

Ich lese vor ein paar Minuten, jener unheilvolle Koloss überquert täglich die Schweiz. Wer aber kann das noch wissen, wo doch alles außer Kontrolle geraten ist? Und wer kann mit Bestimmheit ausschließen, dass er nicht auch den einen oder anderen Schlenker Richtung Berlin trudelt? Wen wird es treffen? In wessen Vorgarten werden, wenn es passiert sein wird, vollschutzummantelte Gestalten mit der Dekontaminierung beginnen, weil die größte Gefahr von hochgiftigem Treibstoff ausgeht?

Und wie lebt es sich die verbleibenden Tage mit der Ahnung, zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort gewesen sein zu können, wenn das Monster irgendwann zu Boden gekracht sein wird. Was wird in den verbleibenden Tagen wichtig? X+8, acht Tage sollen noch bleiben, um die Gefahr zu bannen. Acht Tage, um Klarheit zu schaffen - die da draußen und ich hier bei mir … Koyannisquatsi.

Zivilisierter, als gut wäre …

Mittwoch, Februar 6th, 2008



Während ich an diesem Abend am Rechner Suchdienst-Einträge zu meinem Namen und meinen Weblogs checke, landet unvermutet eine SMS auf meinem Handy. Ein Freund, Kameraassistent beim Film, meldet sich vom Set in Berlin. Ihm steht ein Nachtdreh irgendwo in diesem Großstadtmoloch bevor … Seine Nachricht verrät keine Details, keine mit unzureichender Handykamera aufgenommenen Bilder - nichts schickt er mir, was mir seine Zeit oder den Ort seines Aufenthaltes näherbringen könnte. Nur seine prophezeiende, in kurze Worte gefasste Enttäuschung: SIE ist mit IHM zusammen. Dazu gibts einen Gruß für mich und die Vertröstung auf spätere, detaillierte Berichte, irgendwann bei einem Bier.   

Mir aber bleibt nur, mir in meiner Phantasie auszumalen, wie es an diesem Abend dem Freund - seit Monaten vernarrt, wie ich weiß, in jene gut aussehende, manchmal wirre, immer aber amüsante und in jedem Fall erfolgreiche, junge Schauspielerin – wohl ergehen mag. Während er nun erst recht nicht mehr wahrgenommen wird im Schatten jenseits der alles trennenden Linie zwischen gleißendem Scheinwerferlicht und Dämmerlicht abseits der Kamera. Tag für Tag so nah dran am Objekt der Sehnsucht, der Begierde und doch ohne jede Chance. Eine moderne Mesalliance, jeden Drehtag neu .     

So sieht also Wirklichkeit 2008 aus? Was ein Freund im jetzigen Moment erlebt, was ihn bewegt oder bedrückt, werde ich – zeitversetzt - erst in ein paar Wochen, an einem Kneipentisch sitzend, aus seinen Erzählungen erfahren und, sofern ich dann noch will, ein weiteres Mal im allabendlichen Fernsehprogramm, Monate später, nacherleben können. SIE - zurechtgemacht, glitzernd, im gleißenden Licht.  Bis dahin aber und für diesen Moment bleiben mir nur Erlebnissplitter, vage Vermutungen und Ahnungen. Und wieder einmal spüre ich: Wir leben nach – jedenfalls in wichtigen Teilen unseres Alltags. Wir vertrösten uns gegenseitig auf später. Wir geben uns, statt mit einer Begebenheit, einem Erlebnis oder einer direkten Erfahrung, mit dem Bericht über diese Begebenheit, dieses Erlebnis, die Erfahrung anderer zufrieden: in Bildern, in Nachrichtenfetzen, in Zeitungsüberschriften, in geposteten Bloginfos. Wir erleben stellvertretend, zeitversetzt, später – aber immer weniger selbst und direkt.  

Leben aus zweiter Hand also. Und ich? Will ich etwas über mich selbst erfahren, klicke ich mich auf der Suche nach meinem Namen durch einen Internet-Suchdienst: Ranking, Klicks und Verlinkungen scheinen die Wirklichkeit abgelöst zu haben in der Bestimmung eigenen Wertes - und vor allem eigener Werte. Das ganze ist mindestens so skurril, wie vor einigen Jahren in einer europäischen Fernsehsendung geschehen. Auf die Frage - Was sei eigentlich Zivilisation? - soll der Kandidat geantwortet haben: Frühmorgens den Fernseher anzuschalten, statt das Fenster zu öffnen, um zu erfahren, wie das Wetter vorm Haus sei.  

So gesehen, bin ich zwar zivilisiert, aber wohl mehr, als mir lieb ist und vor allem mehr, als gut wäre.