Archive for the ‘Politik’ Category

Der Osten ein Volk von Ex-Mördern?

Montag, Februar 25th, 2008

Junge, Junge (Mädchen, Mädchen) …. da zieht  offensichtlich jemand vom Leder, um nicht zu sagen: Er zieht blank. Ein amtierender Ministerpräsident eines Bundeslandes soll allen Ernstes (was zu erwarten wäre) behauptet haben - die in letzter Zeit häufigen Fälle von Kindstötungen in den neuen Bundesländern seien Folge von so etwas wie Ost-Mentalität. So kann man im Weltweitnetz lesen: Kindsmord habe zur Familienplanung in der ehemaligen DDR gehört.

Da diese Meldung offensichtlich wirklich stimmt: Bestand der ganze Osten quasi aus kriminellem, asozialem, unmenschlichem Pack. Oder wie?

Nun sollte man, von wem auch immer - durchaus also auch von einem Ex-Gynäkologen, aufgestiegen zum Nachwende- und Spitzenpolitiker - vermuten, er weiß, wovon er spricht. Aber - wie immer - verliert Politik ihre Glaubwürdigkeit in der Verkürzung auf vermeintlich schlagkräftige Aussagen.

Das ist das Dilemma dieser Zeit: Hau den Lukas gilt als das Gebot der Stunde. Wer am kräftigsten und am lautesten zuschlägt und also auf sich aufmerksam macht, bleibt im Gespräch. Wer still nachdenkt und schweigend reflektiert, wird geschlagen … Aber immer gleicht sich das Spiel: Die Karawane, der Zirkus, der Rummel ziehen weiter. Und der eben noch für seine Kraftmeierei bejubelte Provinzkönig zählt am nächsten Spielort nichts mehr. Da schreit und schlägt sich der nächste Heinz die Seele aus dem Leib …

(überarbeitet)

Die Moral stirbt immer backstage

Montag, Februar 18th, 2008

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Alles begann vor zwei Tagen, Sonnabendnachmittag. Beim Kramen in den Auslagen einer Buchhandlung entdecke ich die DVD eines Films von Andrej Konchalovsky: “Onkel Wanja”, nach dem Bühnenstück von Anton Tschechow. Für einen Moment verzaubern mich die Szenenfotos, ziehen sie mich in jene typische Atmosphäre Tschechow’scher Stücke aus verfallenden Landgütern Russlands und ihrem - gegen den Staub der Abwesenheit - unter weißen, unbefleckten Tüchern verhüllten Mobiliar, aus blühenden Kirschgärten und Birkenhainen. Plötzlich bin ich gefangen von jenem Nichts, das bei Tschechow immer nur die Ruhe vor einer Explosion zu sein scheint.  

Die DVD lasse ich stecken, aber am Abend will der Zufall es, dass eine fast 50 Jahre altes Hörspielfassung eben jenes “Onkel Wanjas” im Radio läuft. Ich bleibe hängen, lausche fasziniert und beschließe, mir am nächsten Morgen die Stücke von Tschechow erneut vorzunehmen. So verbringe ich den Sonntag und den darauf folgenden, verregneten Montag mit Anton Tschechow: Am Ende habe ich seine Theaterstücke “Der Kirschgarten”, “Drei Schwestern”, “Die Möwe” erneut gelesen, dazu ein gutes Dutzend Erzählungen. Irgendwie passt alles zu jenem Wetter draußen vor den Fenstern - ein fast lautloser Dunst, der Kälte und dem Nieselwetter trotzend, hat sich scheinbar über die Stadt gelegt, und er scheint jeglichen Lärm zu verschlucken.

Diese Stille erleichtert es mir, mich zwischen verfallenen Gutshöfen und zerbrechenden Gesellschaften, jener Zeit um 1900 herum also, zurechtzufinden. Immer schwingt eine Sehnsucht nach einem anderen Leben, nach besseren Zeiten und fernen Gegenden in den Figuren Tschechows mit, immer ist die Liebe unglücklich und der Traum von ”mehr Leben” die einzige Hoffnung. Immer heißt es, Abschied nehmen von vermeintlich friedlichen Orten der Kindheit, des Lebens und der Liebe und immer ist der lautlose Zerfall einer Gesellschaft, einer am Ende befindlichen Adelsklasse, deren beste Zeiten längst vorbei sind, das Beherrschende.

Und Tschechow, selbst immer auch dem Selbstzweifel unterliegend, dass seine Stücke notwendige Dramatik, oft Handlung, entbehren, lässt passend auch die Selbstötung eines Verzweifelten nicht auf offener Bühne, sondern eher nebenbei und dadurch umso gewaltiger, geschehen. Immer leben die Menschen neben sich, der Zeit und dem wirklichen Leben.

Am Ende dieses Tschechow’schen Wochenendes, aufgetaucht aus dessen ferner, irgendwie aber wohl nahen Welt, rätsele ich, was uns zu ganz bestimmten Zeiten für ganz bestimmte Empfindungen empfänglich macht. Warum greifen wir an einem ganz bestimmten Tag einen Packen verstaubter Bücher aus dem Regal und lassen uns von ihren Geschichten vereinnahmen.

Und plötzlich ist da ein Bild vor den Augen: ein fast quadratisches Haus, etwas zu groß für ein Landhaus, nicht wirklich russisch, aber irgendwie danach aussehend, umgeben von einem weiß-grün gestrichenen, mannshohen Holzlattenzaun. Eine trügerische Idylle - denn gleichzeitig drängen sich jene News-Bilder von letzter Woche auf: von beanzugten Zivilbeamten, die Kisten voller Akten aus diesem Haus tragen, von zwei noblen Luxuskarossen, deren Eleganz nur durch zwei aufgesetzte Blaulichter getrübt wird und von einem - wie es heisst: freiwillig zur Aussage über seine Steuergeschäfte - hinwegfahrenden Chef eines großen  Unternehmens.

Und plötzlich hat jenes, sich beim Lesen Tschechow’scher Stücke breit machende Gefühl von Zerfall, Ende einer Ära, Zerwürfnis einer Gesellschaft, vom Ende eines Glaubens an Moral, seine reale Entsprechung. Plötzlich ahnt man, was Tschechow aktuell macht: dass sich leise und unter dem Schutz scheinbar unbefleckter, weißer Tücher längst Werte zersetzen, die Grundfeiler gesellschaftlicher Existenz sein sollten.  

Mit Hoffnung allein hat das nichts zu tun …

Mittwoch, August 15th, 2007

Es ist Mittwoch, der 27. Juni, 20:45 - Ich liege regungslos auf meinem Krankenbett, dieser kleinen, geschützten Insel, die allein mir gehört. Diesmal nun steht diese Insel mitten im Gang der Augenklinik, ein paar Stationen höher gelegen. Ich warte, dass die diensthabende Ärztin mich untersucht … seit einer Stunde schon, mit einer Halskrause zur Bewegungslosigkeit verdammt.

Der Tag begann früh. Halb sechs … Ich habe schlecht geschlafen, eigentlich kaum, vor Schmerzen. Als das morgendliche Aufweck-, Reinigungs- und Aufmunterungskommando aus Schwestern, Pflegern und Zivis das Zimmer durchpflügt, bin ich froh, nicht länger liegen zu müssen. Aufrecht sitzen will ich und warten was passiert. Ich habe nichts: kein Zahnputzzeug, kein Handtuch, nichts zum Lesen, mein Handyakku ist leer, das Kabel fehlt. Ich bin nichts! amüsiere ich mich über mich selbst. Also beschließe ich, mich dem weißen Alltag auszuliefern und nehme, was ich bekomme, als gegeben. Das heisst an diesem Morgen aber auch: keinen streng ayurvedisch bereiteten Dinkelbrei, stattdessen lappriges Weißbrot mit Konfitüre, Streichwurst, Tee. Ich lasse mich bedienen und merke, dass es mir nichts nützt: der Kiefer schmerzt. Ich bleibe hungrig.  

Die alltägliche Viste der Handvoll Ärzte ist schnell durchstanden und bringt auch nichts. Zum ersten Mal höre ich, was ich bis zu meiner Entlassung hören werde: Sie sind hier falsch. Kein Fall für die Chirurgie, eher für die HNO. Na, dann schiebt mich doch hin! denke ich trotzig und bin doch froh, dass alle bis zum letzten Tag die Verlegung scheuen, denn ich beginne, mich mit meinem neuen Dasein zu arangieren. Ich will, dass mir vertraut wird, was mich umgibt. Eben das Beste aus allem machen. In 48 Stunden ist geschafft.

Gegen Mittag drohen aus diesen 48 Stunden dann plötzlich acht lange Wochen zu werden: Ein Arzt kommt herein, legt mir eine Halskrause um und sagt: Sie bewegen sich jetzt keinen Milimeter mehr, ihre Halswirbelsäule ist angebrochen. Einen Millimeter weiter und ich hätte den Sturz nicht überlebt. Der junge Arzt erklärt es mir - zeichnet es sogar auf, um es verständlicher zu machen. Ich aber kann es gar nicht sehen - meine Augen füllen sich längst mit Tränen. Als der Arzt - noch immer kopfschüttelnd, dass mein verhältnismäßig ungeschwollenes Gesicht an sieben Stellen gebrochen sein soll - das Zimmer verlässt, bleibe ich stundenlang regungslos zurück. Immer hoffend, jede unbedachte, ruckartige Bewegung vermeiden zu können, um nichts zu riskieren. Diese Halskrause lässt mir auch kaum eine Chance. Ich liege eingezwängt und starre an die Decke. Ich rechne mir aus, was es bedeuten wird - für den laufenden Vertrag, für die nächsten Monate, für die Arbeit, das eigene, ungehinderte Leben. Ud ich denke vorallem darüber nach, was - wenn wirklich das Schlimmste passiert wäre - ich in jenem letzten Moment gesehen, gedacht, gespürt habe.

Und so liege ich an diesem Abend noch immer, wenn auch inzwischen hin - und hergeschoben durch endlose Krankenhausgänge, nun also in der Augenklinik. Ich bin erstaunt, wie gelassen ich nach Stunden mittlerweile bin. Es setzt eine fast pragmatische Duldsamkeit ein: Es ist wie es ist, mach das Beste draus.

Das Beste in diesen Minuten aber ist, zum Nichtstun verdonnert zu sein und also lauschen zu können: den Geräuschen auf diesem Gang, den schlurfenden Schritten der vor allem alten Leute. Und dabei dringt unerwartet Amüsantes an mein Ohr, denn am Ende des Ganges sitzen vier alte Männer und reden und lachen über Politik des letzten Jahrhunderts. Jeder streitet für und gegen einen anderen Kopf der Geschichte: gegen Honecker, gegen Kohl. gegen Hitler, gegen Stalin. Man kann es sich nicht ausdenken, so skuril ist, was geschieht. Ich aber ahne, dass das Leben hier drinnen, ausgeliefert den ewig gleichen Abläufen eines Krankenhausbetriebes, nicht wirklich vom Leben draußen getrennt ist. Alles scheint nur irgendwie komprimierter, skuriler, offensichtlicher wahrnehmbar.

So hat auch der Abend seine logische Konsequenz: als ich spät, gegen halb elf, erneut zu einer Untersuchung meines Halses durch die mittlerweile abgedunkelten, stillen Gänge des Krankenhauses geschoben werde, bin ich beruhigt: die Ärzte geben sich nicht zufrieden, sie sind hartnäckig. Minuten später bin ich wieder zurück - eine Freundin hat mir endlich die benötigen Sachen gebracht, ich freue mich, weil Vertrautheit mich zu umgeben beginnt. Kurz darauf tritt der Stationsarzt an mein Bett und nimmt mir überraschend die Halskrause ab. Der Halswirbel ist gesund. Ich schließe die Augen. Ich will nicht noch einmal, dass mir Tränen hervorschießen. Dass ich bereits am nächsten Tag operiert werden soll, dass Augenhöhle, Jochbein, Kiefernhöhle und was sonst noch alles gebrochen sind, scheint mir plötzlich nichtig, ein geringes Übel. Denn das ist nun wirklich in zwei, drei Tagen durchstanden.

Mir geht durch Kopf, dass vor allem Überschaubarkeit uns unser Leben leicht macht. Dass es die Aussicht auf das Ende eines ungewollten, belastenden Zustandes ist, die uns über Unangenehmes hinwegkommen lässt. Das hat weniger mit Hoffnung zu tun, sondern mit der Gewissheit, dass Ungewolltes, Zwingendes seine Bedrohlichkeit verliert, wenn wir es einbetten in das Davor und Danach. Ich erinnere mich an ungeliebte Aufgaben, bedrückende Verpflichtungen: immer habe ich mehr von jener Zeit danach geträumt, in der alles vorbei sein würde, als dass ich mich von Naheliegendem niederdrücken lassen hätte. Vielleicht ist dieses dem eigenen Leben ein klitzekleines Stück Vorauszuleben der Grund, dass am Ende alles tatsächlich sehr viel problemloser verlaufen sein wird, als ich an diesem Abend noch vermute.    

Phantasie & Wirklichkeit

Freitag, Juni 8th, 2007

Ich bin beruhigt. Die Wirklichkeit bleibt sich selbst treu, sie ist nicht nur, was sie zu sein scheint. Es gibt sie wirklich …  Heute Nachmittag kam das offizielle Eingeständnis, laut Newsticker von tageschau.de: Der inmitten der Demonstranten vor Heiligendamm vor wenigen Tagen aufgegriffene Vermummte war tatsächlich ein verdeckter Ermittler der Polizei.

Ein bisschen ist das - und ich bekenne, das ist nicht ohne Ironie gemeint - wie Schreiben, soll heissen: wie Geschichten ausdenken für Filme, Bücher, Theater … Man schlüpft in eine fremde Hülle, in fremde  Figuren und denkt sich ein fremdes Leben. Man kitscht sich ein und will - so genau wie möglich - die Figuren zeichnen, nach denen das Spiel verlangt und man will sie regelrecht selbst leben.

So mag sich auch ein verdeckter Ermittler fühlen.

Beim Schreiben jedenfalls unabdingbar ist dafür der Sinn für Realität. Stellen wir uns also vor: ein Vermummter, der sich als Teil des Schwarzen Blocks ausgibt, verkennt, dass dieses “im Block auftreten” auch heisst: es ist ein Zusammenschluss vieler Gleichgesinnter. Wer also in diesen Block als einsamer Streiter eintaucht - johlend und Parolen schreiend nach vorne stürmen mag - macht andere mißtrauisch. Wer nicht mindestens zwei, drei Gleichgesinnte neben sich weiß,  die für ihn sprechen, weil sie ihn kennen, liefert sich erst recht aus und hat sich schon verraten. Der Schwarze Block mag ohne Hierarchien funktionieren, aber mit Sicherheit ist er nicht das Zusammenspiel von Einzelgängern. Wer dem dennoch auf den Leim geht, fällt auf.

Und - um zum Schreiben zurückzukehren: Genauigkeit ist Voraussetzung, um wahrhaftig zu sein: In der Realität heisst das: ein Slipknot-Kapuzenshirt passt irgendwie nicht nach Heiligendamm . Das Shirt einer Metalband inmitten einer von HC, Emo und Trash, Deutschpunk und ja - vielleicht auch jeder Menge Hippielieder - bestimmten Protestszene scheint fehl am Platz. Was nicht heisst, Metaller würden nicht ebenso Teil dieser Proteste sein. Aber die Grenzen sind fließend und dennoch sehr genau. Ein falscher Griff in die Asservatenkammer und der Deal fliegt auf. Ein Slipknot Shirt mag anderswo passend sein, bei Autonomen stiftete es wohl Verwirrung …  

Und das Ende der ganzen Geschichte? Wie schon gesagt: Genauigkeit ist die Voraussetzung, um wahrhaftig zu sein. Und - Phantasie und Wirklichkeit liegen manchmal sehr weit auseinander.

 

 

Greenpeace in Heiligendamm & Michael Kohlhaas in Wittenberg

Donnerstag, Juni 7th, 2007

Es lässt sich wohl nicht vermeiden, dass in Zeiten wie diesen, angesichts täglich neu über Bildschirme flimmernder Bilder, sich alle Gedanken um jenen Gipfel in Heiligendamm drehen. Heute waren es Bilder von einer lebendrohlichen Jagd auf Menschen - Greenpeace Aktivisten in Schlauchbooten, die verbotenermaßen versuchten in eine gesperrte Wasserzone einzudringen. Offensichtlich ein Polizeiboot überfährt auf dieser Jagd eines der Schlauchboote, drückt es fast unter Wasser. Die Aktivisten sind - trotz sichtbar erhobener, kapitulierender Hände - massiver Gefahr ausgesetzt - auch wenn sich alles letztendlich als ein Unfall erweisen sollte.

Was bleibt einem angesichts der Ratlosigkeit, die auf solche Bilder nur folgen kann? Man zieht sich zurück in seine Bücher. Man sucht Schutz, hält sich Augen und Ohren zu. Und dabei fällt einem ausgerechnet eine der schönsten deutschen Novellen in die Hände: Heinrich von Kleist’s Michael Kohlhaas - geschrieben im Jahre 1808. Im nächsten Jahr jährt sich dies zum 200. Mal. Michael Kohlhaas ist die Geschichte eines zu den Herrschenden gehörenden Gutsherren, der wegen Nichtigkeiten vergeblich um sein Recht kämpft und der am Ende vor ohnmächtiger Wut selbst zum Ungerechten wird und eine ganze Stadt, Wittenberg im heutigen Osten Deutschlands, in Schutt und Asche legt. Er scheitert, weil er sich derselben Mittel bedient, gegen die sich sein Protest einst richtete. Wo Gewalt Gewalt gebiert, läuft alles aus dem Ruder.  

Ich beschließe, die flimmernden Bilder abzuschalten und heute Abend Heinrich von Kleist zu lesen.

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Lehrstück Heiligendamm

Mittwoch, Juni 6th, 2007

Die Wirklichkeit scheint nie zu sein, was wir dafür halten … So schnell konnte man dann doch nicht damit rechnen, was sich zu bestätigen scheint: der Fernsehsender n-tv berichtet, dass heute Nachmittag Demonstranten um Heiligendamm in ihrer Mitte einen angeblich verdeckten Ermittler entarnt haben, der - in schwarzer Kleidung und vermummt - als Teil des Schwarzen Blocks - andere Demonstranten zum Steinewerfen und gewalttätigen Vorgehen gegen die Polizei angestachelt haben soll.

Also doch nicht grundlos die Frage: wem nützt es? Aber was, wenn auch diese Enttarnung inszeniert ist, um Argumente zu haben? Was ist wahr, was ist behauptet? Wer und was steckt hinter den Dingen? Und immer wieder: Wem nützt es, was passiert? Warum passiert etwas? Rostock und Heiligendamm könnten zu einem ganz neuen Lehrstück werden …

Nie bildet nur, was selbst erlebt, sondern vor allem: was selbst erfahren wird, den Grundstock, auf dem Schreiben möglich ist. Egal, wie weit man von den Dingen entfernt ist - oder sich entfernt glaubt.

Die mediale Szenerie

Mittwoch, Juni 6th, 2007

Autor: Dietmar Haiduk  

Die Nachrichten mögen sich auch an diesem Abend überschlagen, an dem von angeblich zurzeit stattfindender Aufrüstung inmitten von 10.000 Demonstrationen vor Kontrollpunkten um Heiligendamm die Rede ist. Das sind für den Moment scheinbar wichtige und scheinbar unzweifelhafte Fakten. Aber eben nur für den Moment, in Minuten oder Stunden kann alles anders aussehen. Das wirklich Bewegende sind die Mechanismen, die dahinter sichtbar werden.  

So lese ich heute: von der offensichtlichen Gewaltorgie am Sonnabend mit über 1.000 Verletzten, unter ihnen fast 500 Polizisten bleiben in den Nachrichten von heute - nach statistisch anerkannten Kriterien - ganze 2 (zwei) schwerverletzte Polizisten übrig. Um Mißverständnisse auszuschließen: auch diese 2, wie alle anderen Verletzten, hätte es nie geben dürfen und jegliche Gewalt, egal ob gegen Sachen oder Menschen, ist falsch.

Aber - wir erleben auf einer in diesen Tagen konzentriert medial nachvollziehbaren Szenerie das alte Spiel: man hat den Eindruck, die Gefährlichkeit und die Bedrohung einer Situation wird argumentativ und medial aufgebaut, um den Gegner anschließend diffamieren zu können, zu demontieren, sein Ansehen, den Wert seiner Ziele, in Verruf zu bringen. Denn was im Raum steht, gilt. Wer sich verteidigen muss, sich gar rechtfertigen oder entschuldigen will, hat verloren. Er gesteht Schuld ein. Der, der die andere Seite auf diesen Weg zwingt, hat das Recht vermeintlich auf seiner Seite. Leider nicht der, der sich die vielleicht klügeren, fortschrittlicheren und bedenkenswerteren Ziele auf die Fahne geschrieben hat. Wer im Geiste zerstört gilt, ist es auch auf dem Feld. Auch das ist klassische Tragödie.    

Wem nützt es?

Dienstag, Juni 5th, 2007

Die Absurdität dessen, was in und um Rostock passierte und passiert, liegt nicht in der unzweifelhaften Brutalität - die ist verachtenswert, von welcher Seite auch immer. Die Absurdität scheint in der völligen Verschiebung von bisherigen Wahrnehmungsmustern zu liegen: Da wird ein Steinewerfer zu zehn Monaten Haft ohne Bewährung verurteilt, während selbst die Tötung eines Menschen in diesem Land mitunter haftfrei bleibt. Da versprühen als Clowns - dem Inbegriff des Amüsements - verkleidete Demonstrationsteilnehmer Chemikalien gegen Polizisten. Ein Mitorganisator des sogenannten autonomen Blocks - wie es heißt - gibt ausgerechnet in dem doch eher szeneuntypischen Gesellschaftsmagazin Vanity Fair ein Interview und bekennt sich schuldig an der Gewalt, während Attac-Vertreter sich dafür entschuldigen, das Gewaltpotential unterschätzt zu haben. Eine in Berlin erfolgreiche Deeskalation der Polizei soll plötzlich nichts mehr bringen und wer Schwarz trägt setzt sich der Gefahr aus, zum Linksextremen stigmatisiert zu werden …

Was stimmt noch? Was ist spekulativ, was tendenziös, was taktisch? Wirklichkeit scheint längst nicht mehr zu sein, was wahr ist, sondern was spekuliert wird. Was aber am Ende, wenn diese Tage lange vorbei sind, zurückbleiben dürfte, wird eine Atmosphäre der Unberechenbarkeit, der Verunsicherung und der Verschiebungen von beurteilungsfähigen Wahrnehmungen sein.

Wenn man die öffentliche Diskussion verfolgt scheint es, als würden bereits jene sprichwörtlichen Karten neu gemischt: für neue Ausrüstungen und Vorgehensweisen, um Herr solcher Lagen zu werden, für eine zurechtgestutzte Sicht auf gerade jetzt stärker in die öffentliche Wahrnehmung drängende Organisationen, wie Attac, oder für ein Zurückdrängen allzu großer Nähe kirchlicher Organisationen zu Globalisierungsgegnern, wie vereinzelt von Politikern bereits gefordert.  Für neue Feindbilder also, härteres Durchgreifen, größere Intoleranz, härtere Grabenkämpfe und nicht zuletzt für die unausweichliche Profilierung aller Seiten.

Aber was, wenn all das kein Zufall ist? Und was, wenn am Ende die wichtigste Frage aller dramatischen Zuspitzung - egal ob in der Realität des Lebens oder in ihrer Interpretation (auch in Literatur zum Beispiel) - nämlich die Frage nach dem Motiv des ganzen Geschehens, auch hier entscheidet, mit welchen Szenen und überraschenden Wendungen wir in den nächsten Tagen, nächsten Monaten und Jahren konfrontiert werden? 

Wer hat ein Motiv zu solch massiven Wahrnehmungsverschiebungen? Die alte Frage lautet: Wem nützt es, was in diesen Tagen in diesem Land passiert? Und man kommt ins Grübeln, ob die Geschichten eigener Fantasie - wie im fast fertigen Roman Abriss Leben - der Wirklichkeit überhaupt noch angemessen sind …

G(ebt) 8

Montag, Juni 4th, 2007

G(ebt) 8! Gewalt könnte in Rostock an diesem Abend zunichte machen, was nützt … Es ist das alte Spiel der Macht …

So begann ein Text , den ich hier Sonnabend Abend gepostet hatte. Ich habe ihn gelöscht, weil sich - zumindest aus der Ferne und im Nachhinein betrachtet - einiges anders darstellt.

Was vom Tage übrig blieb …

Freitag, Mai 11th, 2007

Was für ein Tag … Ich lese in den Nachrichten etwas von einzurichtenden Sammellagern für G8-Gegner und von Büchern, deren Inhalte Grund sind für vorbeugende Razzien. Was für ein Land, noch immer. Wäre ein solcher Gedanke nicht absurd? Und wäre er nicht das Schlimmste, was diesem Land nach über 50 Jahren Demokratie passieren könnte?

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Saft abdrehen

Montag, April 30th, 2007

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In diesem Land verhungerte in diesen Tagen ein 20-jähriger, der zurückgezogen und mittellos mit seiner Mutter lebte. Wie man liest, stellten die Behörden offenbar - nachdem beide Hartz-4-Empfänger auf Schreiben nicht mehr reagierten -bereits vor Monaten sämtliche Unterstützungszahlungen ein. 

Welchen Sinn macht es - wie gestern an dieser Stelle - über die Isolation in virtuellen Welten zu wettern, wenn die Isolation in realen Welten noch immer bedrohlichere Ausmaße annimmt. Mag sein, dass Kommunikation, also auch die angemessene Reaktion auf behördliche Aufforderungen, Grundlage menschlicher Existenz ist. Aber ist diese Existenz weniger berechtigt, weil sich jemand dieser Kommunikation entzieht, zumal wohl nicht freiwillig, sondern in einem Zustand geschwächten, hilf- und ratlosen Dahinvegetierens. Und berechtigt allein das - wen auch immer - Leitungen zu kappen, die Stecker zu ziehen, Zahlungen einzustellen? Hat wirklich nur ein Recht auf Existenz, wer noch wahrgenommen wird? Oder ist es nicht umgedreht: verpflichtet nicht jegliche Existenz - egal wie laut, wie leise, wie asozial, wie gesittet, wie faul, wie destruktiv, wie genial, wie erfolgreich - uns Andere zur Wahrnehmung. Dazu also, auch auf leise Töne zu achten, nichts zu überhören und nichts zu übersehen. Darf wirklich nur der überleben, der auf sich aufmerksam macht?

 

wir sind nicht allein

Mittwoch, April 25th, 2007

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Gestern noch ging mir jene spöttelnde Warnung durch den Kopf (siehe Text am Tag vorher), sich angesichts eines nahen Endes, eines drohenden Untergangs, einer bevorstehenden Ablösung - nichts ahnend - in alltäglicher Gewissheit zu wiegen. Und einen Tag später scheint tatsächlich alles so weit: nichts bleibt mehr auf unsere eigene kleine Welt beschränkt, sollten wir wirklich nicht allein in den Weiten des Weltalls sein. 

Vor über 2000 Jahren schrieb Epikur, griechischer Philosoph: die Natur habe uns zur Gemeinschaft geschaffen. So war es nur eine Frage der Zeit, dass wir, frühmorgens, die Zeitung aufschlagen und lesen würden, was wir heute lesen: Es gibt sie doch - eine zweite Erde. Einen zweiten Planeten, 20 Lichtjahre entfernt zwar, aber auf dem Bedingungen herrschen, wie hier unten, bei uns. 

Passend zur Endzeitdiskussion über Klimawandel und bedrohlich zerstörte Existenzräume, gibt es also einen zweiten Weg. Und wie geht man damit um? Stört solch unerwartete Aussicht am Ende nur jene letzte Kraftanstrengung, die gerade - angesichts all der Schreckensszenarien über ein sich veränderndes Klima - in Gang gekommen ist und die immer ein nützlicher Nebeneffekt ausweglos scheinender Situationen ist: sich sammeln, gemeinsam vorankommen wollen? Nimmt diese freudige Nachricht, nun wäre ein Ausweichen - was ja wohl hieße: Flucht - ja auch noch möglich, den Wind aus den Segeln jenes Klippers, der gerade erst Fahrt aufgenommen hat, um die längst zerklüftete Küste unserer Welt vielleicht doch noch heil zu umrunden und nicht zwischen ölverklebten Vögeln, blutig geschlagenen Robben und ausgetrockneten Wattflächen stranden zu müssen? Besänftigt eine solch überraschende Nachricht also doch nur wieder jene, die sich auf diesem Klipper in lauteren und unlauteren Absichten versammelt haben, um seit ein paar Monaten die Flagge des Klimaschutzes vor sich herzuschwenken? Heißt es nun doch wieder: zurück an Land - alles halb so schlimm? Wird es uns hier unten auf der Erde zu trocken, zu stürmisch zu überflutet, zu stickig, kann die Karavane ja nun wenigstens weiter ziehen. Ab zum nächsten Planeten? Umsiedeln als brauchbare Alternative - nicht für heutige Menschen, die das kaum erleben werden - wohl aber für die Menschheit?

Trotzdem: die Ahnung, dass längst auch irgendwo anders möglich gewesen sei, was wir hier unten immer als unser alleiniges Recht gesehen haben: zu leben und sich eine Welt nutzbar zu machen, macht einen schon auf eine sanfte Weise glücklich. Vor allem wegen der stillen Hoffnung, jene fremden Wesen könnten schon immer alles besser gemacht haben, als wir hier unten. Dass sie sich ihre Welt nicht nur nutzbar gemacht, sondern sich mit ihr arrangiert haben könnten: respektvoll, wahrnehmend, rücksichtsvoll. 

Ein bisschen Schadenfreude mischt an diesem Tag nun schon mit - da habt ihr es: Besser geht es also doch!

 

bedrückende Nähe

Donnerstag, April 19th, 2007

Ein merkwürdiges Gefühl, am Morgen eine große Berliner Zeitung aufzuschlagen und - auszugsweise - die Theatertexte jenes Amokläufers zu lesen. Er schrieb also auch. Und er schrieb auch mehr, als das heute noch zum alltäglichen Dasein zwingend notwendig wäre. Verwirrt, wie es schien, war er – in sich und mit allem um sich zerrissen, am Ende wohl nicht mehr er selbst. Heißt es. Aber wahrscheinlicher ist doch, dass er nie so sehr er selbst war, wie an jenem letzten Montagmorgen in Blacksburg. Was, wenn auch er nur aus Gründen geschrieben hat, die einen selbst täglich an den Rechner treiben:  sich in den eigenen Texten selbst zu finden. Sich selbst mit Worten zu ergründen. Das eigentlich Beklemmende ist zu erkennen, dass ausgerechnet das Schreiben einen mit diesem  Menschen verbunden hat. Schlimmer: dass Schreiben allein also nie heißen muss, am Ende besser dazustehen, als vorher. Vielleicht weiß man mehr, vielleicht wäre es manchmal aber auch  besser, Gras über Verschüttetes wachsen zu lassen. Nichts hervorquellen zu lassen, was einen im simpelsten Fall überraschen, im schlimmsten entgleiten könnte. Allein, dass man schreibt und reflektiert, was einen umgibt, heißt also wohl noch lange nicht, der Welt näher zu kommen. Es kann einen auch von dieser entrücken auf das größte mögliche Maß.

Hier bei uns in Blacksburg

Montag, April 16th, 2007

Was für ein Dilemma in dieser Welt: während man sich selbst eben noch den Kopf zerbricht über Sinn und Unsinn eines schnöden Buchcover-Entwurfs, stirbt einige Flugstunden entfernt - im amerikanischen Blacksburg - ein Mensch nach dem anderen … Heute ist Montag, der 16. April 2007, ein lauer Frühsommer-Abend in Potsdam, 20 Grad. Draußen, vor den Fenstern, in den Kneipen der Straße, lärmen die, die sich amüsieren wollen.

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Hier drinnen und je öfter ich den Browser meines Rechners auf aktualisieren schalte, werden in jenem Blacksburg offensichtlich immer neue Leichen geborgen. Vor vier Stunden waren es 22, jetzt sind es 33 tote Studenten.

Wie viele werden es morgen früh sein - nach dem Aufstehen? Oder was wird dann auf dieser Welt Schlimmeres geschehen sein? Man will nicht hinausschauen in diese Welt. Aber: Warum sollte man dann hier sitzen und noch schreiben? Die ewige Frage: Was würde Schreiben noch für Sinn machen, ohne diese Welt?