Archive for the ‘Singspiel Lila’ Category

“Allen Gewalten zum Trutz …” - am “Tag der Muttersprache”

Donnerstag, Februar 21st, 2008

mehr

An manchen Tagen in jenen, vor dem Geschäft meines Buchhändlers stehenden Pappkartons mit antiquarischen Büchern kramend, finde ich dort heute ein kleines Reclame-Bändchen von  Tschingis Aitmatow, Die Richtstatt aus dem Jahr 1988. Für einen Euro beschließe ich das Büchlein mitzunehmen, auch weil ich wieder einmal vergessen habe, dass sich natürlich eine andere Ausgabe längst zwischen den Bücherreihen in meinem Arbeitszimmer befindet und ich dieses Buch natürlich auch längst - vor etlichen Jahren - schon einmal gelesen hatte.
Was mich meine Zweifel beim Durchblättern aber so schnell vergessen ließ, war ein Foto, das zwischen den Seiten steckte: das unscharfe, schwarz-weiße Bild eines kleinen Jungen - der Kleidung nach wohl irgendwann Ende der 80er/Anfang der 90er Jahre aufgenommen. Für einen Moment stand ich vor der Buchhandlung und rätselte mit fast kriminalistischem Spürsinn: Zu welcher Zeit entstanden denn Fotos überhaupt noch in Schwarz-Weiß? Wann machte man noch Abzüge auf Papier und nicht nur digitale Kopien? Gab es jene Patchwork-Kinderjacken vor langer Zeit eher im Osten oder eher im Westen? Und gab es solches geriffeltes Fotopapier sowieso niemals in der DDR?
Als ich das Bild umdrehe, auf der Suche nach einer Jahreszahl, irgendeiner Notiz, die Klarheit schaffen könnte, finde ich dort nur den mit Bleistift geschriebenen Satz: Allen Gewalten zum Trutz sich erhalten … Göthe
Das Zitat nicht kennend und zweifelnd, ob nicht wohl eher der gute, alte Goethe gemeint sei, googel … (nicht sehr deutsch dieses Wort, ausgerechnet am Internationalen Tag der  Muttersprache, aber immerhin steht das Wort neuerdings ja hoch offiziell im Duden, der deutschen Rechtschreibung) … ich googel also den Text ungeduldig auf meinem Handy und erfahre so, dass das Zitat tatsächlich von Johann Wolfgang Goethe stammt, aus seinem 1777 erschienenen Singspiel Lila.  Und dass es Bedeutung unter anderem auch dadurch erlangte, dass es Hans Scholl, Widerstandskämpfer der Weißen Rose, kurz vor seiner Hinrichtung an die Wand seiner Gefangenenzelle geschrieben haben soll.

Der alte Goethe wird es verkraften, dass man seinen Vers mit Göthe unterschrieb. Ich aber stecke das Foto ein und finde, es ist eine angemessene Erwerbung am “Tag der Muttersprache”. So kann ich ganz gut damit leben, wieder einmal ein Buch doppelt gekauft zu haben …