Archive for the ‘Träume’ Category

vergebens geklagt

Montag, Januar 18th, 2010

da wird man wieder einmal der eigenen verklärung überführt: seit 1964 gab es angeblich, wie zeitungen heute melden, keinen längeren zeitraum, in denen die Sonne über potsdam es nicht geschafft hatte, durch die wolken zu brechen …

in den vergangenen 11 tagen lebten wir also ohne einen strahl grellen lichtes, ohne ein fleckchen blauen himmel über uns … ganze elf tage halten wir dies gerade einmal aus - und damit doch länger, als je in den vergangenen 46 jahren. dabei hätten wir  schwören können, solche art lichtlose tristesse hat unser ganzes leben begleitet und wäre hier, mitten in europa, doch tag und täglich das normalste. und doch: nichts von alledem ist wahr. keine sonnenlosen winter, keine wolkenverhangenen sommermonate, statt dessen: in unserem leben war - jedenfalls wenn wir nicht älter als 46 sind - immer mehr sonne, als wir beklagt haben. oder gerne beklagt hätten …

jedenfalls sofern wir nicht älter als 46 sind …

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Park Sanssouci, Potsdam (Foto: Dietmar Haiduk)

Die Moral stirbt immer backstage

Montag, Februar 18th, 2008

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Alles begann vor zwei Tagen, Sonnabendnachmittag. Beim Kramen in den Auslagen einer Buchhandlung entdecke ich die DVD eines Films von Andrej Konchalovsky: “Onkel Wanja”, nach dem Bühnenstück von Anton Tschechow. Für einen Moment verzaubern mich die Szenenfotos, ziehen sie mich in jene typische Atmosphäre Tschechow’scher Stücke aus verfallenden Landgütern Russlands und ihrem - gegen den Staub der Abwesenheit - unter weißen, unbefleckten Tüchern verhüllten Mobiliar, aus blühenden Kirschgärten und Birkenhainen. Plötzlich bin ich gefangen von jenem Nichts, das bei Tschechow immer nur die Ruhe vor einer Explosion zu sein scheint.  

Die DVD lasse ich stecken, aber am Abend will der Zufall es, dass eine fast 50 Jahre altes Hörspielfassung eben jenes “Onkel Wanjas” im Radio läuft. Ich bleibe hängen, lausche fasziniert und beschließe, mir am nächsten Morgen die Stücke von Tschechow erneut vorzunehmen. So verbringe ich den Sonntag und den darauf folgenden, verregneten Montag mit Anton Tschechow: Am Ende habe ich seine Theaterstücke “Der Kirschgarten”, “Drei Schwestern”, “Die Möwe” erneut gelesen, dazu ein gutes Dutzend Erzählungen. Irgendwie passt alles zu jenem Wetter draußen vor den Fenstern - ein fast lautloser Dunst, der Kälte und dem Nieselwetter trotzend, hat sich scheinbar über die Stadt gelegt, und er scheint jeglichen Lärm zu verschlucken.

Diese Stille erleichtert es mir, mich zwischen verfallenen Gutshöfen und zerbrechenden Gesellschaften, jener Zeit um 1900 herum also, zurechtzufinden. Immer schwingt eine Sehnsucht nach einem anderen Leben, nach besseren Zeiten und fernen Gegenden in den Figuren Tschechows mit, immer ist die Liebe unglücklich und der Traum von ”mehr Leben” die einzige Hoffnung. Immer heißt es, Abschied nehmen von vermeintlich friedlichen Orten der Kindheit, des Lebens und der Liebe und immer ist der lautlose Zerfall einer Gesellschaft, einer am Ende befindlichen Adelsklasse, deren beste Zeiten längst vorbei sind, das Beherrschende.

Und Tschechow, selbst immer auch dem Selbstzweifel unterliegend, dass seine Stücke notwendige Dramatik, oft Handlung, entbehren, lässt passend auch die Selbstötung eines Verzweifelten nicht auf offener Bühne, sondern eher nebenbei und dadurch umso gewaltiger, geschehen. Immer leben die Menschen neben sich, der Zeit und dem wirklichen Leben.

Am Ende dieses Tschechow’schen Wochenendes, aufgetaucht aus dessen ferner, irgendwie aber wohl nahen Welt, rätsele ich, was uns zu ganz bestimmten Zeiten für ganz bestimmte Empfindungen empfänglich macht. Warum greifen wir an einem ganz bestimmten Tag einen Packen verstaubter Bücher aus dem Regal und lassen uns von ihren Geschichten vereinnahmen.

Und plötzlich ist da ein Bild vor den Augen: ein fast quadratisches Haus, etwas zu groß für ein Landhaus, nicht wirklich russisch, aber irgendwie danach aussehend, umgeben von einem weiß-grün gestrichenen, mannshohen Holzlattenzaun. Eine trügerische Idylle - denn gleichzeitig drängen sich jene News-Bilder von letzter Woche auf: von beanzugten Zivilbeamten, die Kisten voller Akten aus diesem Haus tragen, von zwei noblen Luxuskarossen, deren Eleganz nur durch zwei aufgesetzte Blaulichter getrübt wird und von einem - wie es heisst: freiwillig zur Aussage über seine Steuergeschäfte - hinwegfahrenden Chef eines großen  Unternehmens.

Und plötzlich hat jenes, sich beim Lesen Tschechow’scher Stücke breit machende Gefühl von Zerfall, Ende einer Ära, Zerwürfnis einer Gesellschaft, vom Ende eines Glaubens an Moral, seine reale Entsprechung. Plötzlich ahnt man, was Tschechow aktuell macht: dass sich leise und unter dem Schutz scheinbar unbefleckter, weißer Tücher längst Werte zersetzen, die Grundfeiler gesellschaftlicher Existenz sein sollten.  

wir sind nicht allein

Mittwoch, April 25th, 2007

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Gestern noch ging mir jene spöttelnde Warnung durch den Kopf (siehe Text am Tag vorher), sich angesichts eines nahen Endes, eines drohenden Untergangs, einer bevorstehenden Ablösung - nichts ahnend - in alltäglicher Gewissheit zu wiegen. Und einen Tag später scheint tatsächlich alles so weit: nichts bleibt mehr auf unsere eigene kleine Welt beschränkt, sollten wir wirklich nicht allein in den Weiten des Weltalls sein. 

Vor über 2000 Jahren schrieb Epikur, griechischer Philosoph: die Natur habe uns zur Gemeinschaft geschaffen. So war es nur eine Frage der Zeit, dass wir, frühmorgens, die Zeitung aufschlagen und lesen würden, was wir heute lesen: Es gibt sie doch - eine zweite Erde. Einen zweiten Planeten, 20 Lichtjahre entfernt zwar, aber auf dem Bedingungen herrschen, wie hier unten, bei uns. 

Passend zur Endzeitdiskussion über Klimawandel und bedrohlich zerstörte Existenzräume, gibt es also einen zweiten Weg. Und wie geht man damit um? Stört solch unerwartete Aussicht am Ende nur jene letzte Kraftanstrengung, die gerade - angesichts all der Schreckensszenarien über ein sich veränderndes Klima - in Gang gekommen ist und die immer ein nützlicher Nebeneffekt ausweglos scheinender Situationen ist: sich sammeln, gemeinsam vorankommen wollen? Nimmt diese freudige Nachricht, nun wäre ein Ausweichen - was ja wohl hieße: Flucht - ja auch noch möglich, den Wind aus den Segeln jenes Klippers, der gerade erst Fahrt aufgenommen hat, um die längst zerklüftete Küste unserer Welt vielleicht doch noch heil zu umrunden und nicht zwischen ölverklebten Vögeln, blutig geschlagenen Robben und ausgetrockneten Wattflächen stranden zu müssen? Besänftigt eine solch überraschende Nachricht also doch nur wieder jene, die sich auf diesem Klipper in lauteren und unlauteren Absichten versammelt haben, um seit ein paar Monaten die Flagge des Klimaschutzes vor sich herzuschwenken? Heißt es nun doch wieder: zurück an Land - alles halb so schlimm? Wird es uns hier unten auf der Erde zu trocken, zu stürmisch zu überflutet, zu stickig, kann die Karavane ja nun wenigstens weiter ziehen. Ab zum nächsten Planeten? Umsiedeln als brauchbare Alternative - nicht für heutige Menschen, die das kaum erleben werden - wohl aber für die Menschheit?

Trotzdem: die Ahnung, dass längst auch irgendwo anders möglich gewesen sei, was wir hier unten immer als unser alleiniges Recht gesehen haben: zu leben und sich eine Welt nutzbar zu machen, macht einen schon auf eine sanfte Weise glücklich. Vor allem wegen der stillen Hoffnung, jene fremden Wesen könnten schon immer alles besser gemacht haben, als wir hier unten. Dass sie sich ihre Welt nicht nur nutzbar gemacht, sondern sich mit ihr arrangiert haben könnten: respektvoll, wahrnehmend, rücksichtsvoll. 

Ein bisschen Schadenfreude mischt an diesem Tag nun schon mit - da habt ihr es: Besser geht es also doch!

 

Die Sehnsucht nach Venedig

Freitag, April 20th, 2007

Lese Profane Freundschaft von Harold Brodkey. Ein wirres Spiel von Gedanken, geiler Lust und Leben in einer traumhaften Stadt des 20. Jahrhunderts. In den letzten Tagen glaubte ich, die Genauigkeit der Beschreibung einer Freundschaft lassen mich das Buch immer wieder zur Hand nehmen. Aber es scheint etwas anderes zu sein: die enttäuschende Erkenntnis, dass in einer faszinierenden Stadt wie Venedig – für den Außenstehenden und aus weiter Ferne Beobachtenden doch immer nur der Inbegriff des Harmonischen, des Vollendeten, des Ästhetischen – alltägliches Leben auch profan, verletzend, schäbig und unliebsam sein kann. Venedig als eine missverstandene Stadt und Lesen über sie als Klärungsprozess?

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Brodkey skizziert Venedig als Stadt menschlich und ekstatisch. Ich ahne, was mich in wenigen Wochen ein zweites Mal in diese Stadt treibt.

Leben im freien Fall

Freitag, Februar 16th, 2007

Wieder Nachrichten gelesen, Australien. Wie mag das sein, 10.000 Meter an einem Gleitschirm in die Höhe gerissen zu werden, fast eine Stunde lang Sturm und Hagelkörnern ausgesetzt zu sein, umhergewirbelt zu werden und dann, binnen Minuten, in die Tiefe gezogen zu werden? So, wie vor ein paar Tagen einer Paragleiterin in Australien geschehen und heute vermeldet. Eine Stunde lang zwischen Himmel und Hölle, zwischen Erde und Weltall gefangen sein, zum Spielball der Kräfte verdammt? Ist das ein Glücksmoment? Ist Glück immer das, was andere nie empfinden können? Koste es auch den eigenen Tod?