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Zwei Nachrichten der letzten Woche - beide in den Potsdamer Neuesten Nachrichten gelesen - geben zu denken: In der einen wird davor gewarnt, die neue, auf Kommunikation zielende Offenheit von Web 2.0 - die öffentliche Darstellung eigener Gedanken, Interessen und Vorlieben im Internet also - könnte sich für Tausende heute junger Leute als schädlich für den eigenen beruflichen Weg erweisen. Viele Personalchefs würden bereits heute zu vorliegenden Bewerbungen im Internet recherchieren. Und das Bild, das sie dort bekämen, wäre oft genug Grund für eine Ablehnung.
Nun mag sein, dass die beim googeln erfahrenen privaten Dinge eines Menschen jenes - möglicherweise - in Chefetagen zu sehr von idealer Anzugreinheit geprägte Bild eines Wunschkandidaten verletzen könnten. Vorbei sind also die Zeiten, wo allein das Herausputzen, um sich dem makellosen Bild einer als seriös gelten wollenden Geschäftswelt anzupassen, schon Aufstiegschancen bedeuten konnte. Vorbei scheint damit aber vielleicht auch die spätere Erkenntnis, dass nicht jeder, der einen durch angenehme Erscheinung blenden konnte, sich im Nachhinein als rechtschaffend erweist.
Diese so genannte Bewerbung 2.0 - mit Hilfe von Suchfunktionen im Internet - offenbart sicherlich auch Unangenehmes, und die Ablehnung eines sich Bewerbenden wäre dann auch angebracht. Wer will schon einen sich in Partyportalen als besoffen und sich übergeben darstellenden jungen Menschen zukünftig als Koch in seinem Hotel einstellen?
Nur: Web 2.0 könnte und sollte möglichweise viel mehr die Offenheit der Gesellschaft und vielleicht irgendwann auch die Ewartungen einschlägiger “Entscheider” in Chefetagen ändern. Eine Gesellschaft, die sich offen bekennt, sich nicht verstellt, nicht glaubt, durch das Überstreifen eines Anzugs bereits Werte auch verinnerlicht zu haben, sondern sich durch unverstelltes Leben, durch Bekennen eigener Ansichten offen auch zur Diskussion stellt und auf diese Weise zeitgemäße Verhaltenswerte immer wieder neu erarbeitet, wäre mir in jedem Fall lieber. Und würde letztendlich wohl auch jedem Miteinander besser tun.
Mehr Angst bereitet mir die zweite Nachricht der vergangenen Woche: Amerikanische Wissenschaftler hätten experimentell die Möglichkeit nachgewiesen, durch Scannen von Hirnwellen menschliche Gedanken reproduzieren, also ”lesen” zu können.
Dass sich eine Gesellschaft irgendwann dieser Möglichkeiten zum Schaden ihrer Menschen bedienen könnte, scheint mir viel bedrohlicher. Was wäre wohl verwerflicher? Dass derjenige, der Informationen über einen Menschen braucht, sich diese heimlich und ohne Wissen des anderen beschafft, sie also eben mal so im Vorbeigehen abgescannt? Oder wenn er Informationen nutzt, die die betreffende Person, im Wissen um Zugänglichkeit, freiwillig öffentlich machte?
Was sich ändern muss, ist nicht die Offenheit von Menschen, die Devise kann nicht lauten: Verstellt Euch! Verschwinden muss der Irrglaube, man könne sich Menschen so zurechtrücken, wie sie für das eigene Bedürfnis und das eigene Geschäft brauchbar wären. Dass sich Menschen verhalten, wie es den eigenen Vorstellungen genehm wäre …
PS: Wie verhalten sich eigentlich manche in den frühen Morgenstunden nach ihrem 60. Geburtag, dem Firmenjubiläum oder der alljährlichen Silvesterparty? Glück für manchen, dass keine Kamera dabei ist, die den besudelten Anzug, das zerfledderte Kostüm oder die ins Groteske verwurschtelte Frisur auf Speicher bannen könnte. Etwas wird doch nicht verwerflicher dadurch, dass es öffentlich wird. Und nichts ist besser, weil es verschwiegen bleibt.
