Archive for the ‘virtuelles Leben’ Category

Neuerscheinung: Blogistiv 1.0 Notizen eines Jahres

Mittwoch, Mai 21st, 2008

Soeben erschienen:  Blogistiv 1.0 - Notizen eines Jahres von Dietmar Haiduk

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Weltweit wird gebloggt. Was ist das? Der Versuch, sich ersatzweise durch ein virtuelles Zweitleben zu hecheln? Nur eine zeitgemäße Möglichkeit, sich selbst zu inszenieren? Oder vielleicht doch die Hoffnung, das wirkliche Leben - schreibend - zu begreifen? Was aber bliebe, wenn das Wesen Mensch irgendwann mutiert wäre zu einem Wesen mit auf das schnelle Anschlagen von Computertasten spezialisierten Fingern, aber einem - von kaum noch notwendigen Muskeln - ins Fratzenhafte verkümmerten Mund, der seine Funktion des Sprechens längst verloren hätte?

ISBN 9-7838-37023-985, Webtagebuch, erschienen April 2008 im Verlag Books on Demand GmbH, 9,95 EUR (inkl. gesetzl gültiger MWst), erhältlich u. a. libri.de, amazon.de / LESUNG am Donnerstag 22.Mai 2008, 21:00 im Archiv Cafe in Potsdam, mehr auf archivnacht.probelesen.info

offen und ehrlich, verstellt und verschwiegen

Sonntag, März 9th, 2008

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Zwei Nachrichten der letzten Woche - beide in den Potsdamer Neuesten Nachrichten gelesen - geben zu denken: In der einen wird davor gewarnt, die neue, auf Kommunikation zielende Offenheit von Web 2.0 - die öffentliche Darstellung eigener Gedanken, Interessen und Vorlieben im Internet also - könnte sich für Tausende heute junger Leute als schädlich für den eigenen beruflichen Weg erweisen. Viele Personalchefs würden bereits heute zu vorliegenden Bewerbungen im Internet recherchieren. Und das Bild, das sie dort bekämen, wäre oft genug Grund für eine Ablehnung.

Nun mag sein, dass die beim googeln erfahrenen privaten Dinge eines Menschen jenes - möglicherweise - in Chefetagen zu sehr von idealer Anzugreinheit geprägte Bild eines Wunschkandidaten verletzen könnten. Vorbei sind also die Zeiten, wo allein das Herausputzen, um sich dem makellosen Bild einer als seriös gelten wollenden Geschäftswelt anzupassen, schon Aufstiegschancen bedeuten konnte. Vorbei scheint damit aber vielleicht auch die spätere Erkenntnis, dass nicht jeder, der einen durch angenehme Erscheinung blenden konnte, sich im Nachhinein als rechtschaffend erweist.

Diese so genannte Bewerbung 2.0 - mit Hilfe von Suchfunktionen im Internet - offenbart sicherlich auch Unangenehmes, und die Ablehnung eines sich Bewerbenden wäre dann auch angebracht. Wer will schon einen sich in Partyportalen als besoffen und  sich übergeben darstellenden jungen Menschen  zukünftig als Koch in seinem Hotel einstellen?

Nur: Web 2.0 könnte und sollte möglichweise viel mehr die Offenheit der Gesellschaft und vielleicht irgendwann auch die Ewartungen einschlägiger “Entscheider” in Chefetagen ändern. Eine Gesellschaft, die sich offen bekennt, sich nicht verstellt, nicht glaubt, durch das Überstreifen eines Anzugs bereits Werte auch verinnerlicht zu haben, sondern sich durch unverstelltes Leben, durch Bekennen eigener Ansichten offen auch zur Diskussion stellt und auf diese Weise zeitgemäße Verhaltenswerte immer wieder neu erarbeitet, wäre mir in jedem Fall lieber. Und würde letztendlich wohl auch jedem Miteinander besser tun.

Mehr Angst bereitet mir die zweite Nachricht der vergangenen Woche: Amerikanische Wissenschaftler hätten experimentell die Möglichkeit nachgewiesen, durch Scannen von Hirnwellen menschliche Gedanken reproduzieren, also ”lesen” zu können. 

Dass sich eine Gesellschaft irgendwann dieser Möglichkeiten zum Schaden ihrer Menschen bedienen könnte, scheint mir viel bedrohlicher. Was wäre wohl verwerflicher? Dass derjenige, der Informationen über einen Menschen braucht, sich diese heimlich und ohne Wissen des anderen beschafft, sie also eben mal so im Vorbeigehen abgescannt? Oder wenn er Informationen nutzt, die die betreffende Person, im Wissen um Zugänglichkeit, freiwillig öffentlich machte?

Was sich ändern muss, ist nicht die Offenheit von Menschen, die Devise kann nicht lauten: Verstellt Euch! Verschwinden muss der Irrglaube, man könne sich Menschen so zurechtrücken, wie sie für das eigene Bedürfnis und das eigene Geschäft brauchbar wären. Dass sich Menschen verhalten, wie es den eigenen Vorstellungen genehm wäre …

PS: Wie verhalten sich eigentlich manche in den frühen Morgenstunden nach ihrem 60. Geburtag, dem Firmenjubiläum oder der alljährlichen Silvesterparty? Glück für manchen, dass keine Kamera dabei ist, die den besudelten Anzug, das zerfledderte Kostüm oder die ins Groteske verwurschtelte Frisur auf Speicher bannen könnte. Etwas wird doch nicht verwerflicher dadurch, dass es öffentlich wird. Und nichts ist besser, weil es verschwiegen bleibt.


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Zivilisierter, als gut wäre …

Mittwoch, Februar 6th, 2008



Während ich an diesem Abend am Rechner Suchdienst-Einträge zu meinem Namen und meinen Weblogs checke, landet unvermutet eine SMS auf meinem Handy. Ein Freund, Kameraassistent beim Film, meldet sich vom Set in Berlin. Ihm steht ein Nachtdreh irgendwo in diesem Großstadtmoloch bevor … Seine Nachricht verrät keine Details, keine mit unzureichender Handykamera aufgenommenen Bilder - nichts schickt er mir, was mir seine Zeit oder den Ort seines Aufenthaltes näherbringen könnte. Nur seine prophezeiende, in kurze Worte gefasste Enttäuschung: SIE ist mit IHM zusammen. Dazu gibts einen Gruß für mich und die Vertröstung auf spätere, detaillierte Berichte, irgendwann bei einem Bier.   

Mir aber bleibt nur, mir in meiner Phantasie auszumalen, wie es an diesem Abend dem Freund - seit Monaten vernarrt, wie ich weiß, in jene gut aussehende, manchmal wirre, immer aber amüsante und in jedem Fall erfolgreiche, junge Schauspielerin – wohl ergehen mag. Während er nun erst recht nicht mehr wahrgenommen wird im Schatten jenseits der alles trennenden Linie zwischen gleißendem Scheinwerferlicht und Dämmerlicht abseits der Kamera. Tag für Tag so nah dran am Objekt der Sehnsucht, der Begierde und doch ohne jede Chance. Eine moderne Mesalliance, jeden Drehtag neu .     

So sieht also Wirklichkeit 2008 aus? Was ein Freund im jetzigen Moment erlebt, was ihn bewegt oder bedrückt, werde ich – zeitversetzt - erst in ein paar Wochen, an einem Kneipentisch sitzend, aus seinen Erzählungen erfahren und, sofern ich dann noch will, ein weiteres Mal im allabendlichen Fernsehprogramm, Monate später, nacherleben können. SIE - zurechtgemacht, glitzernd, im gleißenden Licht.  Bis dahin aber und für diesen Moment bleiben mir nur Erlebnissplitter, vage Vermutungen und Ahnungen. Und wieder einmal spüre ich: Wir leben nach – jedenfalls in wichtigen Teilen unseres Alltags. Wir vertrösten uns gegenseitig auf später. Wir geben uns, statt mit einer Begebenheit, einem Erlebnis oder einer direkten Erfahrung, mit dem Bericht über diese Begebenheit, dieses Erlebnis, die Erfahrung anderer zufrieden: in Bildern, in Nachrichtenfetzen, in Zeitungsüberschriften, in geposteten Bloginfos. Wir erleben stellvertretend, zeitversetzt, später – aber immer weniger selbst und direkt.  

Leben aus zweiter Hand also. Und ich? Will ich etwas über mich selbst erfahren, klicke ich mich auf der Suche nach meinem Namen durch einen Internet-Suchdienst: Ranking, Klicks und Verlinkungen scheinen die Wirklichkeit abgelöst zu haben in der Bestimmung eigenen Wertes - und vor allem eigener Werte. Das ganze ist mindestens so skurril, wie vor einigen Jahren in einer europäischen Fernsehsendung geschehen. Auf die Frage - Was sei eigentlich Zivilisation? - soll der Kandidat geantwortet haben: Frühmorgens den Fernseher anzuschalten, statt das Fenster zu öffnen, um zu erfahren, wie das Wetter vorm Haus sei.  

So gesehen, bin ich zwar zivilisiert, aber wohl mehr, als mir lieb ist und vor allem mehr, als gut wäre.